Freundschaft unterm geteilten Himmel. Sarah Kirsch & Christa Wolf. Der Briefwechsel

Bei meiner Geburt befand sich das Land um mich herum im Wandel. Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer geöffnet, die 28 Jahre lang Deutschland in zwei Staaten geteilt hatte und weltweit zum Symbol für den Kalten Krieg geworden ist. Erst am 3. Oktober 1990 wurden offiziell die DDR und die Bundesrepublik Deutschland zusammengeführt und die Deutsche Einheit wiederhergestellt. Es waren aufreibende, brisante Zeiten. Politische und private Veränderungen vollzogen sich, und es gab wohl kaum einen Menschen im nun wiedervereinten Deutschland, den das nicht irgendwie betraf. Ich bin ein sogenanntes „Wendekind“, weil ich genau in diese Umbruchszeit hineingeboren wurde. Aber von der schwankenden Welt um mich herum bekam ich damals nichts mit. Umso mehr interessiere ich mich dafür, seit mein politisches und gesellschaftliches Interesse erwacht sind.

In der Schule und auch im Studium ging es immer vorrangig um die politischen Belange, die mit der deutschen Teilung im Zusammenhang stehen. Erst seit einiger Zeit wurde mir richtig bewusst, dass die Teilung aber noch so viel mehr bedeutet hat: vor allem privat, vor allem im Kleinen, für jede*n Einzelne*n. Dass das Land, in dem ich aufgewachsen bin, einmal geteilt war, dass meine Familie in einem diktatorischen System gelebt hat und es ohne Erlaubnis nicht verlassen durfte, dass Menschen bespitzelt und politisch gleichgeschaltet wurden und es Strafen gab, wenn sich jemand kritisch über das System äußerte – all das klang für mich immer wahnsinnig abstrakt und unvorstellbar, weil ich doch, nur ein paar Jahre später, das freiste Erdenbürger*innendasein lebte, das man sich vorstellen kann. Ich habe diese völlig andere Welt ganz knapp gestreift und trotzdem keinen Bezug dazu. Wenn ich Leute befrage, die in der DDR gelebt haben, wird mir ein ganz anderes Bild gezeichnet als jenes, das mir in diversen Medien vermittelt wird, und sicher, es „war nicht alles schlecht“. Der Gemeinschaftsgedanke war wesentlich stärker ausgeprägt, Kinderbetreuung war besser geregelt und organisiert als heute, die Welt schien vielleicht vielerorts eine heimelige, heile zu sein. Wenn man sich dafür entschieden hatte, sie als solche zu betrachten, wahrscheinlich. Ich kann mir kein Urteil erlauben, weil ich selbst ja nicht dabei war. Ich kann nur die Zeitzeugnisse, die mir heute zugänglich sind, so betrachten, wie ich Dinge immer betrachte: mit dem Wissen und dem Verständnis, dass eine Münze immer zwei Seiten hat. Es gibt nichts ausschließlich gutes oder schlechtes. Ambivalenz ist ein Merkmal (fast) aller Dinge.

Der Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf ist genau das: ambivalent. Es ist die Chronik einer Freundschaft, die der physischen Grenzen zum Trotz über drei Jahrzehnte vorrangig schriftlich geführt wurde, und die letztendlich aufgrund ebenjener auseinanderdriftete. Während Christa Wolf und ihr Mann Gerhard Wolf in der DDR blieben, ließ sich Kirsch ab 1981 in der BRD nieder, nachdem ihr ein Einreiseverbot in die DDR verhängt wurde. Die beiden Frauen lebten fortan in unterschiedlichen politischen Systemen, und ihre Haltungen zu diesen gingen immer mehr auseinander. Wer nicht zwischen den Zeilen liest, für den handeln die Briefe wohl von Jahr zu Jahr zunehmend von Belanglosigkeiten. Während Wolf und Kirsch anfangs noch vermehrt vom Literaturbetrieb sprechen, tauschen sie sich von Jahr zu Jahr vermehrt über die Wetterlage, über die Gartenarbeit und Zeit im Grünen aus. Beide haben einen Hang zur Stadtflucht, Kirsch lebt ab 1983 auf dem Land in Schleswig-Holstein, wo sie Schafe hält und ganz in der Abgeschiedenheit und Ruhe aufgeht, die Wolfs haben immerhin ein Ferienhaus in Brandenburg, in dem sie viel Zeit verbringen. Der Themenwechsel in den Briefen ist aber mitnichten eine Flucht ins Triviale. Beide Autorinnen beherrschen es sehr gut, auf einer zweiten Ebene zu kommunizieren. Das geschieht natürlich vor dem Hintergrund der Überwachung des Schriftverkehrs, ist aber ebenso ein Akt der offenen Konfliktvermeidung zwischen den beiden. Wolf und Kirsch schätzen einander sehr, sind verbunden durch Themen wie psychische Probleme, das Muttersein und natürlich das Schriftstellerinnenleben, sonst würden sie sich nicht über so einen langen Zeitraum hinweg regelmäßig schreiben. Kirsch bangt das eine ums andere Mal um Wolfs gesundheitlichen Zustand, und die 6 Jahre altere Wolf blickt gerne mit einem liebevoll-mütterlichen Blick auf Kirsch, die sich vor allem während ihrer Berliner Zeit mit unglücklichen Beziehungen herumschlägt und in den ersten Jahren ihren Sohn alleine aufzieht. Auffällig ist, dass sich die beiden fast nie über ihre eigenen Werke austauschen, nur zu Veröffentlichungen neuer Bücher gratulieren sie sich und spornen sich hier und da mal an, wenn gerade etwas in der Mache ist. Den künstlerischen Austausch, den man bei zwei so bedeutenden Schriftstellerinnen vermuten würde, sucht man in den vorliegenden Briefen allerdings vergeblich. Dafür tritt Gerhard Wolf als Mentorenfigur für Sarah Kirsch in Erscheinung. Der Autor, Publizist und Herausgeber bewahrt nicht nur Kopien von Kirschs Gedichten auf, sondern gibt ihr auch regelmäßig detailliertes Feedback zu ihren Texten und verhilft ihr zu Veröffentlichungen in der DDR. Ich fand gerade diese Briefe sehr spannend, denn im heutigen Literaturbetrieb spielt Lyrik kaum noch eine Rolle. Sie wird weniger verlegt, weniger verkauft und eben auch weniger gelesen. Poesie erscheint wie ein Relikt aus jener Zeit, als sie noch ein politisches Ausdrucksmittel war.

Der schriftliche Nachlass der beiden Schriftstellerinnen weist leider einige Lücken auf, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass Sarah Kirsch die von Christa Wolf erhaltenen Briefe weniger sorgfältig archivierte als die Freundin. So überwiegen die Schriftstücke aus Kirschs Feder deutlich – es ist übrigens eine große Freude, Kirschs Briefe zu lesen, da sie ihre eigenwillige Schreibweise mit den Jahren immer mehr kultiviert und so die Briefe ihren ganz eigenen, unverwechselbaren „Sarah-Sound“ haben, der ihren Gedichten attestiert wurde. Einige Jahre fehlen in der Korrespondenz gänzlich, hier wird angenommen, dass die betreffenden Briefe nach der Wiedervereinigung Deutschlands verloren gingen. Trotz dieser Lücken kann man der Entwicklung der Beziehung der beiden gut folgen. Ich lese wahnsinnig gerne Tagebücher und Briefwechsel, geben sie doch einen sehr intimen Einblick in die Leben derer, die der Nachwelt aufgrund ihrer besonderen Leistungen bekannt sind. Zu lesen, dass sich diese Persönlichkeiten mit genau denselben Problemen des täglichen Lebens herumgeschlagen haben, dass auch sie von Zweifeln geplagt waren und ihre eigene Großartigkeit oft nicht sehen konnten, ist ein kleiner Trost. Und natürlich sind es wichtige Zeitzeugnisse über so einschneidende Phasen der Geschichte.

Besonders tragisch finde ich den Umstand, dass eine so starke Freundschaft wie die von Sarah Kirsch und Christa Wolf letztendlich die Teilung des Landes nicht überdauert hat. Dass die beiden es nicht geschafft haben, über ihre politischen Ansichten zu sprechen, wobei einige der Differenzen wahrscheinlich sogar auf Missverständnisse zurückzuführen sind, die aufgrund der räumlichen Trennung nicht aufgeklärt werden konnten. So war Sarah Kirsch sehr böse auf die Freundin, als diese den Nationalpreis der DDR nicht ablehnte. Für sie bedeutete das, dass Wolf nun völlig gleichgeschaltet war und ihren Erfolg über ihre politischen Überzeugungen stellte. Wolf allerdings hat, so weiß man heute, sehr mit sich gerungen, ob sie den Preis annehmen soll und sich letztendlich dafür entschieden, um das Preisgeld jenen Autor*innen zugutekommen lassen zu können, die keine Veröffentlichungschancen in der DDR bekamen. Davon allerdings wusste Kirsch nichts.

Im Briefwechsel der beiden klingen auch Themen an, die heute aktueller nicht sein könnten: im Jahr 1987 veröffentlichte Wolf ihren Roman „Störfall“, der den Reaktorunfall in Tschernobyl behandelt. Es ist aber vor allem Kirsch, die ihrer Haltung zu Umweltthemen und zum Zustand der Erde in ihren Briefen immer wieder deutlich Ausdruck verleiht. Der Gedanke, dass dieser bereits in den 80er Jahren als kritisch wahrgenommen wurde – nunja. Der beunruhigt, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Mit dem Briefwechsel liegt eine hochspannende Korrespondenz zweiter Autorinnen vor, die über deren literarische Werke hinaus Einblicke geben in zwei Leben, die, obwohl sie gar nicht so weit entfernt voneinander gelebt wurden, verschiedener nicht hätten sein können. Das Buch ist ein Dokument über unsere Geschichte. Und vielleicht auch ein Mahnmal.

Sarah Kirsch & Christa Wolf. „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“. Der Briefwechsel wurde herausgegeben von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf und erschien 2019 bei Suhrkamp.

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