Keine kleinen Brötchen mehr backen. Katja Lewina. Sie hat Bock

Die News sind ja eigentlich gar nicht mehr so neu, dass man sie noch von allen Dächern schreien müsste. Könnte man zumindest meinen. Frauen sind genauso fähig, Teams zu leiten, Karriere zu machen und angemessen dafür bezahlt zu werden wie Männer. Frauen sind nicht vom Tage ihrer Geburt an dazu bestimmt, Kinder zu gebären und am Herd zu stehen. Frauen müssen nicht in der Care-Arbeit ihre absolute Erfüllung finden. Frauen müssen nicht immer lieb und nett aussehen und darauf bedacht sein, Männern zu gefallen. Frauenkörper sind vielfältig und müssen nicht versteckt werden, nur weil sie nicht der Norm entsprechen, die auch nur darauf ausgerichtet ist, Männerfantasien zu befriedigen. Wann immer ich jedoch einen Schritt aus meiner Blase hinauswage, in der Feminismus kein Denkanstoß mehr ist, sondern längst ein Lebenskonzept, werde ich quasi mit dem Holzhammer daran erinnert, dass die News eben doch noch nicht bei allen angekommen sind und wir sie vielleicht lieber einmal mehr von allen Dächern schreien, zur Sicherheit. Solange ich nämlich höre, wie Frauen anderen Frauen Druck machen wegen einer biologischen Uhr, die angeblich tickt, und so lange Frauen Komplimente für einen Gewichtsverlust bekommen, weil das ja so toll aussieht, ohne dass hinterfragt wird, ob der gewollt war oder vielleicht eine Folge psychischer Belastung oder einer anderen Krankheit ist; so lange Frauen dafür belächelt werden, dass sie sich ihre Rechte einfordern, so lange muss ich euch wohl noch Bücher wie dieses von Katja Lewina vor die Füße schmeißen und euch zwingen, sie zu lesen.

Aufklärung hinsichtlich der weiblichen Selbstbestimmung ist in allen Bereichen des Lebens erforderlich. Lewinas Buch entstand aus der Kolumne Untenrum für jetzt, das junge Magazin der Süddeutschen Zeitung. Darin widmet sie sich der weiblichen Sexualität und all den grauen Nebeln, die sie umgeben. Brauchen wir das noch? Habe ich mich gefragt, als ich die ersten Seiten las. Und schnell festgestellt: Wir brauchen. Auch ich, die ich mich für sehr feministisch halte und die auf den ganzen Wust an patriarchalen Strukturen, die uns im Alltag begegnen, einen Fick gibt.

Aber wie das so ist mit dem Lerneffekt: je öfter man es hört, desto mehr festigt es sich auch im Unterbewusstsein. Und es tut unendlich gut, darin bestätigt zu werden, dass nicht man selbst, sondern das System, in dem man lebt, falsch ist. Wir sind es einfach so sehr gewöhnt, dass Frauen zu Sexobjekten degradiert werden, die bestimmte Erwartungen zu erfüllen haben, dass wir es in unseren Konsens übernommen haben, ohne es jemals zu hinterfragen. Das fängt beim Rasieren der Körperbehaarung an und endet beim Analsex, zu dem wir uns überreden lassen und bei dem wir uns dann fragen, weshalb er uns keinen Spaß macht, wo es doch so normal ist, dass sich alle Frauen in den Hintern zu bumsen lassen haben. Wir zweifeln an unseren Vulven, weil sie nicht aussehen wie kleine frische Brötchen, wir zweifeln an unserer Fähigkeit, Lust beim Geschlechtsverkehr zu empfinden, weil wir beim Rein-Raus nie kommen, wir zweifeln an diesen Bedürfnissen, die wir tief in uns drin spüren, für die wir aber dann meistens nur schief angeschaut werden, wenn wir sie äußern. Man gibt uns schon als Teenagermädchen, die zum ersten Mal ihre Tage bekommen, das Gefühl, dass mit uns was nicht stimmt, und dass wir am besten alles dran setzen, uns so unauffällig wie möglich zu verhalten und alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, damit auch wirklich niemand mitbekommt, was da mit unserem Körper passiert. So ist der natürlichste Prozess der Welt, nämlich der, der dafür sorgt, dass Leben überhaupt erst entstehen kann (sofern wir es denn wollen), einer, der für viele von uns mit nichts als Scham und Unsicherheit belastet ist. Unsere Vaginen umgibt ein Mythos der Unreinheit, während alle Welt Phallussymbole feiert. Während unseren Geschlechtsteilen nachgesagt wird, bei zu viel Sex auszuleiern (natürlich nur bei wechselnden Partnern, wenn sie immer vom selben Schwanz penetriert werden, mit dem wir in einer festen Beziehung sind, geschieht das nicht!), sagt niemals jemand einem Penis nach, er würde bei zu viel Wechselgebrauch schrumpfen oder anfangen zu müffeln. In Bezug auf die weibliche Sexualität zeigt sich die ganze Absurdität des Patriarchats, in dem wir erzogen werden und leben, in seiner vollen Pracht (ja, das ist mit Absicht eine Schwanz-Anspielung).

Was wir nicht hinterfragen: die Rollen und Vorstellungen, in die wir uns ständig hineinbiegen, weil das alle so machen. Oder dass wir es sind, die für alles Verantwortung übernehmen sollen: die Verhütung, die Nebenwirkungen der Verhütung, die Konsequenzen von versagender Verhütung. Und natürlich auch für alles, was Männer uns antun, wenn wir es wagen, unsere Weiblichkeit und unsere Sexualität in der Öffentlichkeit zu sehr zu feiern. Weil die nach Ansicht vieler Männer nicht uns gehört, sondern ihnen. Es sind aber nicht nur Männer, vor deren Urteil wir uns fürchten, sondern auch dem anderer Frauen (vielleicht sind das sogar die schlimmeren Kritiker für uns). Nach wie vor gilt eine Frau, die ihre Sexualität auslebt, wechselnde Partner hat und sich dafür nicht schämt, als Schlampe. Ein Mann, der dasselbe tut, ist ein toller Hengst. Alle Jubeljahre werden in den Medien mal Frauen dafür gefeiert, was sie sich alles trauen: öffentlich über Sex und andere dirty Dinge sprechen. Das sind dann die, denen man(n) alles durchgehen lässt. Aber wehe, Otto-Normal-Frau (es gibt nicht mal ein weibliches Äquivalent für dieses Wort, ein weiteres Beispiel dafür, dass menschliche Stereotypen immer zunächst vom Männlichen ausgehen) traut sich das in ihrem Leben auch. Dann wird mit dem Finger auf sie gezeigt und verurteilt.

So lange vor allem Frauen andere Frauen dafür verurteilen, ihr eigenes Ding zu machen, so lange wird das Patriarchat bestehen bleiben. Ich rate vor allen diesen Menschen mit Brett vorm Kopf, Lewinas Buch zu lesen. Es ist der perfekte Start in die feministische Lektüre, denn Lewina beruft sich in ihren Texten auf viele andere Autorinnen, die in letzter Zeit mit ihren Büchern einen großen Beitrag in der feministischen Literatur geleistet haben: Margarete Stokowski, Laurie Penny, Liv Strömquist sind nur einige davon. Das Buch gibt viele gute Anregungen für weiterführende Lektüren.

Lewina geht in ihren Texten von ihrer eigenen Biografie aus und bewegt sich von ihren Anekdoten hin zu den großen generellen Themen, von denen ich oben einige angerissen habe. Ottina-Normalfrau wird sich beim Lesen vielleicht denken: oho, die ist aber ganz schön krass drauf, mit ihrer offenen Beziehung, ihren wechselnden Sexualpartnern und -praktiken. Aber hey, genau das ist es doch, was ich eingangs meinte. Wir müssen mal unseren Horizont erweitern und anerkennen, dass die monogame „Ich-fick-nur-den/die-eine“-Beziehung längst nicht mehr das einzige Beziehungs- und Sexmodell ist, das heute gelebt wird. Vielleicht trauen sich, aus Angst vor Ablehnung und Verurteilung, viele noch nicht, darüber zu reden. Aber genau dazu sollten wir uns gegenseitig ermutigen. Zumindest aber sollten wir an den Punkt kommen (wie mit so vielem anderen!), zu tolerieren, was andere Leute so machen. Und mögen. Und vielleicht können Frauen wie Katja Lewina ihren Beitrag dazu leisten, dass sich andere Frauen zumindest trauen, ihre Schamhaare wachsen zu lassen, wenn sie keinen Bock mehr auf eingewachsene schmerzende Pickelchen haben. Das klingt so banal, aber ich glaube, dass ein ganz großer Teil der weiblichen Weltbevölkerung erstmal bei solchen kleinen Dingen anfangen muss, für sich selbst zu entscheiden und nicht danach, was ihren Partner*innen gefällt oder was von ihnen erwartet wird. Außerdem ist es auch erschreckend, wie wenig wir eigentlich darüber wissen, wie unsere Geschlechtsteile funktionieren und warum wir Haare an den Stellen haben, an denen sie uns wachsen. Ganz sicher nicht, weil sich die Natur gedacht hat, dass es doch superlustig wäre, uns dabei zuzusehen, wie wir ständig Zeit in den Prozess investieren, um sie loszuwerden. Und wer von euch weiß eigentlich wirklich, wie man seine Vagina richtig wäscht? Habt ihr ständig Angst, komisch zu riechen und spült euch mit irgendwelchen Seifen aus? Falls ihr euch jetzt ertappt fühlt – Lewina erklärt euch, wie ihr es besser machen könnt und warum ihr ruhig mal auf euren Körper vertrauen dürft.

Von da aus ist dann jeder weitere Step einer in die richtige Richtung: die (sexuelle) Selbstbestimmtheit.

Katja Lewina. Sie hat Bock erschien 2020 bei DuMont. Ich danke dem Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

  1. Liebe Maria,

    Vielen Dank für diesen und alle anderen Deiner Beiträge!
    Dein Blog ist mir eine große Freude und Inspiration und deshalb habe ich Dich und Deinen Blog für den #AwesomeBloggerAward nominiert. Im Link findest Du alle Infos.

    https://ichkreierealsobinich.com/2020/05/20/ich-kreiere-also-bin-ich-got-nominated-for-the-awesomebloggeraward/?fbclid=IwAR1qi5_2ky5A4SmX_12JItBKe2NqSgLJOcSQVft_A0oLM1dVTFwjUMTrdJQ

    Der Preis soll von Dir weitergereicht werden und ich wünsche Dir viel Spaß damit.

    Falls Du Ihn nicht öffentlich weiterreichen möchtest, kannst Du Dich im Stillen einfach geschmeichelt fühlen und zufrieden mit der Zunge schnalzen und schnurren.

    Liken

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