Make Buchverfilmungen great again. Louisa May Alcott. Little Women

Immer, wenn eine Buchverfilmung ins Kino kommt, kann ich es förmlich aus allen Ecken empört rufen hören: „Das Buch war aber besser!“/„Ich seh mir das garantiert nicht an“. Pech für euch, liebe Freunde. Buchverfilmungen haben meiner Meinung nach nämlich das große Potenzial, Texte zu aktualisieren und somit erneut an Leser*innen zu bringen.

Klar, ich versteh schon, wo es herkommt. Beim Lesen taucht man ein in eine fiktive Welt, deren visuelle Ausgestaltung komplett unserem Gehirn überlassen ist. Keine zwei Welten, die beim Lesen entstehen, werden genau gleich sein, selbst wenn zwei Menschen nebeneinander sitzen und dasselbe Buch lesen. Viele Leute haben wahrscheinlich einfach Angst davor, dass ein Buch die Welt zerstören könnte, die ihr Gehirn für sie erschaffen hat. Aber an dieser Stelle behelfe ich mir, indem ich den Film einfach als die Gehirnwelt einer anderen Person betrachte. Und als eine seltene Gelegenheit, mal zu sehen, wie sich andere wohl die Figuren und die Orte vorstellen, um die es in der Geschichte geht. Nur, weil ein/e Regisseur*in das Buch auf die Leinwand gebracht hat, hat deren Interpretation der Geschichte ja noch lange keine Allgemeingültigkeit. Wenn mir meine Version besser gefällt, ist das doch voll ok. Interessant finde ich jedes Mal, welche Aspekte und Themen für die Verfilmung aus dem Buch herausgegriffen wurden. Wie dramaturgisch mit der Geschichte umgegangen wurde, um sie in ein anderes Medium zu transferieren und mit welchen Mitteln, die diesem Medium zur Verfügung stehen, eine Form für etwas gefunden wurde, das vorher nur in Worten existierte und jetzt über Bilder, Musik, Gestik, Mimik und so viele andere mögliche Komponenten mehr, erzählt wird. Wie hat man den Stoff verdichtet, um ihn auf eine zuschauerfreundliche Länge zu bekommen? Welche Teile der Geschichte wurden weggelassen, was wurde eventuell hinzugefügt? Literaturverfilmungen machen mir wahnsinnig viel Spaß. Ich sehe sie nicht als DIE Visualisierung des Buches, sondern als eine Interpretation von vielen möglichen. Meistens bringt mich eine Verfilmung noch mal ins Nachdenken über den Text und seine Themen, und manchmal lese ich das Buch dann sogar noch mal. Ich denke nie: „Das Buch war aber besser!“, weil es für mich bei Buchverfilmungen gar nicht darum geht, ob etwas besser als das andere ist. Es geht um die Geschichte und wie sie mit verschiedenen Medien erzählt wird.

Die Little Women-Verfilmung hat mich durch ihren dramaturgischen Ansatz begeistert, nach dem die anekdotenhaften Ereignisse, mit denen die Bücher durch die Kindheit und das Heranwachsen der Schwestern führen, im Film neu angeordnet und jeweils miteinander in Kontext gestellt wurden. Anfangs hat mich das etwas verwirrt, aber ich finde, dass das Prinzip sich einem schnell erschließt. Gefreut habe ich mich auch über die Entscheidung, in dieser Neuverfilmung den zweiten Teil der Bücher in den Fokus zu stellen, der das Erwachsenwerden der vier Schwestern behandelt. Der erste Teil über die Kindheits- und Jugendjahre hat mir selbst als Kind natürlich besser gefallen, aber nach einer erneuten Lektüre vor einigen Wochen triefte mir dieser Teil doch zu sehr vor harmonischer Häuslichkeit in der behüteten Blase, in der die Schwestern aufwachsen, trotz der Tatsache, dass ihr Vater abwesend ist und nicht weit vor ihrer Haustür entfernt Menschen mit Armut und Elend zu kämpfen haben. Nach wie vor hat mir die Lektüre großen Spaß gemacht – denn manchmal fühlt sich ein Buch aus der Kindheit zu lesen ja an wie alte Freund*innen wiederzutreffen. Nicht anders ging es mir mit Meg, Jo, Amy und Beth.

Jo fand ich auch immer noch arschcool mit ihrer „Ich-schneide-mir-meine-Haare-für-meine-Familie-ab“-Aktion und ihren schriftstellerischen Ambitionen. Dementsprechend hat es mich natürlich auch gefreut, dass ihre Figur in der Verfilmung etwas mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde. Nach der Lektüre habe ich mich etwas mit Louisa May Alcotts Leben und Karriere beschäftigt und es hat mich nicht verwundert herauszufinden, dass sie von ihren eigenen Figuren tatsächlich sehr gelangweilt war. Eigentlich hatte sie nach dem ersten Versuch schon aufgehört, am Little Women-Text zu schreiben. Erst, als ihr Verleger einen Text ihres Vaters nur unter der Bedingung herausbringen wollte, dass sie einen Roman für junge Mädchen schreibt, willigte sie schließlich darin ein, ihren begonnenen Text fertigzustellen. In den Jahren nach der Veröffentlichung von Litte Women entwickelte sie allerdings so etwas wie eine Hassliebe für ihre Geschichte. Dass die Leserinnen ihr hauptsächlich mit Fragen zur romantischen Zukunft der vier Schwestern schrieben, also wissen wollten, wer wen heiratet und ob es für alle ein klassisches Happy End mit Eheschließung und Kinderkriegen gibt, ging Alcott dann so sehr auf die Nerven, dass sie Jo aus Prinzip nicht mit Laurie zusammenbrachte. Jo ist ihr selbst am ähnlichsten. Alcott hat nie geheiratet und veröffentlichte Zeitungsartikel und Bücher. Bemerkenswert auch: sie setzte sich für Frauenrechte und das Frauenwahlrecht ein. Generell ist Alcotts Biografie äußerst interessant – einiges davon findet sich verarbeitet in Little Women wieder, vor allem die Kindheit mit ihren Schwestern. Später arbeitete Alcott unter anderem als Lehrerin, Näherin und meldete sich freiwillig als Kriegskrankenschwester. Die Grenzen, die Frauen damals in Punkto Berufswahl gesetzt wurden, reizte sie aus, so gut sie konnte. Ihre große Leidenschaft galt aber dem Schreiben. Heute kennt man sie vor allem als Autorin von Little Women, ihre anderen Werke sind aber sicherlich einen Blick hinein wert, vor allem die Hospital Sketches aus ihrer Zeit als Krankenschwester im Sezessionskrieg und Work: A Story of Experience, worin sie über ihre diversen Arbeitserfahrungen berichtet. Sollte ich Exemplare dieser Werke ergattern können, werdet ihr hier davon lesen.

Die Neuverfilmung von Greta Gerwig wirkt trotz der historischen Kulisse nicht wie ein Blick durchs Schlüsselloch einer völlig anderen Zeit, sondern im Gegenteil sehr vertraut und modern. Dieser Effekt gründet sich auf den oben bereits erwähnten Fokus auf den Teil der Geschichte, in dem die Mädchen erwachsen werden und sich mit den starren Geschlechterrollen ihrer Zeit (wir befinden uns in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs) konfrontiert sehen. Nicht allen von ihnen gelingt es, sich über diese hinwegzusetzen. Doch vor allem Jo, aber auch Amy, machen für die Zeit, in der sie leben, deutliche emanzipatorische Schritte. Die Verfilmung ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein über 150 Jahre alter Text durchaus wieder entstaubt werden kann – wenn es den Filmemacher*innen gelingt, genau die Themen und Aspekte zu beleuchten, die gerade Relevanz haben. Einerseits natürlich erschreckend, dass wir uns heute immer noch damit befassen müssen, dass Mädchen und Frauen für ihre Selbstbestimmung kämpfen müssen. Andererseits beweisen Frauen hierin einen langen Atem, denn statt sich im Laufe der Geschichte unterkriegen zu lassen, reißt das Erheben ihrer Stimmen nicht ab. Und wir alle wissen: steter Tropfen höhlt letztendlich den Stein.

Louisa May Alctott. Little Women erschien erstmals 1868/1869 in zwei Teilen: Little Women und Good Wives. Meine hier gezeigten Ausgaben stammen von Penguin Classics aus dem Jahre 2018 und von Ward, Lock & Co., vermutlich aus dem Jahre 1902. Auf deutsch erschien das Buch unter den Titel Betty und ihre Schwestern und Die vier Schwestern. Eine neuere Ausgabe ist zum Beispiel die Übersetzung von Jürgen Beck von 2019 mit dem Titel Kleine Frauen, Band 1: Jugendträume: Deutsche Neuübersetzung und Kleine Frauen, Band 2: Der Ernst des Lebens: Deutsche Neuübersetzung im Jazzybee Verlag.

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