Das unsagbare in Worte fassen. Sigrid Nunez. The Friend

Sigrid Nunez‘ The Friend ist eines dieser Bücher, von dem ich etwas anderes erwartet habe als das, was ich bekam. Deshalb habe ich auch eine Weile gebraucht, bis ich damit warm wurde. Und am Ende, als es sich mir offenbarte wie ein – naja, offenes Buch – fand ich es dann wirklich noch richtig gut. Manchmal stimmt es eben doch nicht, was ich immer antworte, wenn mich jemand fragt, wie ich als Lektorin entscheide, ob ich ein Buch gut finde oder nicht: wenn es mich nach 20 (Manuskript-)Seiten nicht gepackt hat, hat es in meinen Augen kein großes Potenzial. (Aber realistisch gesehen trifft diese Faustregel auf die meisten Bücher schon zu.)

Eigentlich mag ich diese Art von Büchern ja generell sehr gerne. Die Handlungsebene ist überschaubar, wir befinden uns hauptsächlich im Gefühls-, Gedanken- und Erinnerungsraum einer Figur. Jene Figur ist in diesem Falle eine namenlose Erzählerin vermutlich mittleren Alters, die gerade einen engen Freund verloren hat und sich nicht nur mit ihrer eigenen Trauer auseinandersetzen muss, sondern auch mit der des Hundes des Verstorbenen, der in ihre Obhut gegeben wurde. Auffällig ist, dass weder die Erzählerin, der Verstorbene und dessen drei (Ex-)Frauen einen Namen haben, der Hund dafür einen sehr klangvollen: Apollo. Das war doch dieser griechische Gott. Wir googeln das kurz und finden heraus: Apollo ist, neben anderen Funktionen, der Gott der Dichtung, aber auch der Gott der Heilung. Beides Themen, die in Nunez‘ Roman eine Rolle spielen. In einem früheren Leben war ich mal Germanistikstudentin und wenn mir von diesem Studium irgendwas erhalten geblieben ist, dann wohl die Freude über symbolträchtige Elemente in einem Roman, die Interpretationsmöglichkeiten eröffnen und Teile miteinander verknüpfen.

Die vom Klappentext und der Aufmachung des Covers versprochene Freundschaftsgeschichte über eine Frau und einen Hund bekam ich nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich dachte (ich glaube, ich hatte etwas fürs Herz erwartet, irgendwie leichtere Kost). Statt einer ereignisreichen Handlung besteht dieses Buch vorwiegend aus Anekdoten und Reflektionen. Es ist der in Worte gefasste Prozess der Trauer um einen geliebten Menschen, dem wir hier beiwohnen. Da ist der Schock. Die Ungläubigkeit. Der Versuch, zu verstehen und das Scheitern daran. Denn es ist nicht nur der Prozess der Trauer um jemanden, der gestorben ist, den Nunez in ihrem Buch abschreitet. Es ist die Trauer um jemanden, der Suizid begangen hat. Wie so oft in diesen Fällen sehen sich die Hinterbliebenen damit konfrontiert, auf die Frage nach dem Warum? niemals eine Antwort zu erhalten. Der Tod des Freundes wirbelt außerdem Aspekte auf, die bislang gut von beiden ignoriert werden konnten und denen sich die Erzählerin nun nicht mehr verwehren kann: wie genau stand sie eigentlich zum Toten? War er Freund und Mentor, oder hatte sie auch romantische Gefühle für ihn, die sie nun mühsam sortieren und verarbeiten muss? Oder gibt es manchmal für Beziehungen zu anderen Menschen auch einfach keine passende Schublade?

Nunez bringt noch einen anderen Aspekt der Trauer ins Spiel: die des Hundes. Ob Tiere wirklich Trauer empfinden können, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Man sagt Hunden aber nach, dass sie intensiv um ihre verstorbenen Besitzer trauern. In Apollos Fall scheint das zu stimmen. Als er bei der Erzählerin einzieht, macht er einen äußerst depressiven Eindruck. Gleichzeitig spiegelt sich darin natürlich der eigene Seelenzustand der Frau wider, die für ihre eigene Trauer lange keinen Ausdruck findet und unfähig ist, ihre Gefühle zu benennen. Es sind die kleinen Anekdoten ihres Zusammenlebens mit dem Hund, das langsame Sich-aneinander-gewöhnen, der stetige Aufbau einer Bindung, die Momente, in denen sich zwei einsame, traurige Seelen gegenseitig trösten, wegen denen ich das Buch nicht weglegen konnte. Zu meinen Lieblingsszenen gehört die, in der die Frau dem Hund Rilkes Briefe an einen jungen Dichter vorliest, woraus sich ein Ritual des Vorlesens entwickelt, das beiden in den dunklen Zeiten der Leere und Traurigkeit einen Halt gibt. Es ist der Hund, der die Frau dazu auffordert, ihm vorzulesen. Apollo, der Heiler. Im Laufe des Buches wird der Hund immer deutlicher selbst zum Symbol der Trauer und des Heilungsprozesses, den beide durchlaufen.

Ein zweiter großer Themenkomplex im Buch ist das Schriftstellerdasein mit all seinen Höhen und Tiefen, denn beide, die Erzählerin und der Verstorbene, sind hauptberufliche Autoren. Die Frage, ob das Leiden zum Kunst-Machen dazugehört, ist eine uralte und immer wieder gestellte. Viele Künstler beklagen das Dilemma darüber, dass sie nicht schreiben, malen, komponieren können, wenn sie glücklich sind. Wenn sie hingegen leiden, sprudeln sie nur so über vor Kreativität. Ich kenne dieses Dilemma nur zu gut selbst. In den sehr düsteren Zeiten meines Lebens habe ich unglaublich viel geschrieben. Seitdem es mir gut geht, schreibe ich kaum noch etwas. Ich habe meine Entscheidung ganz klar getroffen: wenn „es-geht-mir-gut“ bedeutet, dass ich nicht mehr schreiben kann, dann wähle ich die Lebensfreude und schreibe meine Schriftstellerkarriere eben buchstäblich ab. Anderen fällt das jedoch nicht so leicht, weshalb sie sich in einem konstanten Zustand des Leidens befinden und dieses, unbewusst oder bewusst, selbst auch immer wieder herbeiführen – was leider oft im Suizid endet. So geschehen auch beim Freund der Erzählerin.

Das Springen von Themenpunkt zu Themenpunkt und das Nachdenken über prominente Beispiele – immer wieder schlägt Nunez den Bogen zum Tod, lässt ihre Erzählerin über berühmte Autor*innen nachdenken, die sich selbst das Leben genommen haben -ist der Ansatz der Protagonistin, mit dem Trauma des Verlustes umzugehen. Nunez Text ist wie ein Teppich aus vielen Episoden, die sich irgendwie immer berühren, sodass alles wie eine große Einheit wirkt. Wie ein Blick in ein fremdes Gehirn eben, das mit einer extrem schwierigen Situation klarkommen muss.

Ich kann verstehen, aus welchen Gründen der Text vielleicht Leser verlieren könnte. Nicht jede*r identifiziert sich mit dem Autorenleben so sehr, dass er/sie sich so tiefgehend damit beschäftigen möchte, wie es dieses Buch tut. Vielleicht habe ja nicht nur ich andere Erwartungen an diesen Roman gehabt. Ich möchte euch aber dazu ermutigen, Büchern eine Chance zu geben, die eure Erwartungen nicht gleich zu hundert Prozent erfüllen. Manchmal lohnt es sich, diese loszulassen und das wertzuschätzen, was man stattdessen bekommt: Nicht nur ein Buch mit vielen schönen Sätzen zum Anstreichen, sondern auch eines, das eine Form findet, Dinge in Worte zu fassen, über die zu sprechen so schwierig ist. 

Sigrid Nunez. The Friend erschien erstmals 2018 bei Riverheads in den USA und 2019 bei Virago Press in UK. Die deutsche Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel Der Freund beim Aufbau Verlag.

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