Ist das Kunst oder kann das weg? Marina Abramović. Walk through Walls: A Memoir

Drei Stunden lang Bewegen sich zwei nackte Menschen aufeinander zu, kollidieren, prallen voneinander ab. Drei Monate lang sitzt eine Frau Tag für Tag 8 Stunden lang im Ausstellungsraum des Museum of Modern Art in New York auf einem Stuhl, unbeweglich, ihr gegenüber nehmen Tausende Menschen Platz und schauen ihr in die Augen. 2500 Kilometer laufen zwei Menschen auf der Chinesischen Mauer entlang, um sich nach dem Moment des Aufeinandertreffens in der Mitte für immer zu trennen. Mehrere Stunden lang liegt eine Frau auf Eisblöcken, auf ihrem Bauch blutende Wunden, die sie sich selbst zugefügt hat.

Die Performances von Marina Abramović sind extrem. Fast immer geht es in ihnen um Alles oder Nichts, um die totale Selbstauslieferung, oft fließt Blut. Mich hat diese krasse Hingabe an die Kunst schon damals fasziniert, als ich zum ersten Mal während des Studiums in einem Seminar in meinem Nebenfach Theaterwissenschaft davon hörte. Rückblickend muss ich aber feststellen, dass ich damals wenig davon verstanden habe, worum es in den Performances wirklich geht und welches Kunstverständnis hinter ihnen steht. Abramovićs Memoir Walk trough Walls gibt einen umfassenden, sehr tiefgehenden Einblick in ihren Weg als Künstlerin, als Frau, als Mensch – in ihrem Leben ist alles miteinander verwoben. Abramović gehört zu den spannendsten Frauen, von denen ich bisher gelesen habe. Das Buch konnte ich kaum aus der Hand legen.

PARTISANEN-KIND

Ihre Kindheit, geprägt von der Abwesenheit des Vaters und der Strenge und des Kontrollverhaltens der Mutter, der gefühlskalten Ehe der Eltern und der regelmäßigen Züchtigung durch Schläge, erfüllt jedes Künstlerklischee. Doch Abramović inszeniert sich im Buch nicht als Opfer, sondern erzählt von den Ereignissen und Kulissen ihrer Kindheit, vom Jugoslawien der Nachkriegszeit, stellt das Verhalten der Eltern in den Kontext der Mentalität der Bevölkerung dieser Zeit, die da lautete: Kommunistische Kriegsheld*innen ertragen ohne Klagen. Das ist zumindest das Mantra der Mutter, die Marina mit militärischer Strenge erzieht. Die Eltern können sich eigentlich überhaupt nicht ausstehen, streiten ununterbrochen. Der Vater springt von Affäre zu Affäre und verlässt seine Familie schließlich. Das alles rechtfertigt nicht im Geringsten Gewalt gegen ein kleines Mädchen und einen Erziehungsstil, der auf Bestrafung basiert. Aber es rückt die Dinge in eine Perspektive, aus der alles zumindest theoretisch einen Sinn ergibt. Und wer weiß, ob ihre Kunst eine andere gewesen wäre, hätte sie als Kind andere Dinge erlebt? Abramović selbst wiederholt immer wieder, dass der eiserne partisanische Wille, den ihre Eltern ihr beigebracht haben, einen Grundpfeiler ihrer Kunst bildet. Und sie findet schließlich doch auch Worte, um die Eltern, die für so viel Leid und Entbehrungen ihrer Tochter verantwortlich waren, nicht als Monster zu skizzieren, sondern als Menschen, die ihre eigenen Päckchen zu tragen hatten und die als treibende Kraft hinter ihrem Kunststudium standen – und somit wiederum eng mit ihrem künstlerischen Werdegang in Verbindung stehen.

KEINE KUNST OHNE LEID?

Ob Künstler*innen leiden müssen, um gute, relevante Werke produzieren zu können, ist eine uralte Frage. Abramović jedenfalls beantwortet sie für sich selbst ganz klar mit Ja. In vielen ihrer Performances geht es im Kern um Selbstkontrolle, ums Aushalten, darum, über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen, physisch und mental, um dann einen neuen Zustand der völligen Losgelöstheit von allen vorherigen Beschränkungen zu erreichen. Es ist eine Form von Freiheit, nach der so viele Menschen streben, sie aber nie erlangen, weil sie nicht loszulassen bereit sind, was sie einengt.

Abramovićs Performances zielen darauf ab, Reaktionen und Emotionen in den Zuschauer*innen auszulösen. Wie ein Theaterstück ist eine Performances ein unmittelbares Medium. Im Gegensatz zum Bühnentheater, das in der Regel einen 6-8-wöchigen Probenprozess vorsieht, lassen sich Performances jedoch kaum proben. Die vierte Wand, die im Theatersaal das Publikum von den Schauspielern trennt (zumindest in klassischen Theaterproduktionen, ich spreche hier nicht von den unzähligen anderen Formen des performativen Theaters!), existiert in der Performance-Art nicht oder hat eine andere Funktion. In Abramovićs Arbeit ist das Publikum ein Teil der Aufführung. Am einen Abend ruft eine Performance vielleicht starke Reaktionen hervor und erzeugt dadurch die Spannung und Reibefläche, die es zwischen Künstlerin und Publikum braucht; am nächsten Abend bleibt dieser Effekt mitunter völlig aus und die Performance verpufft einfach, ohne zu berühren. Im Buch beschreibt Abramović nicht nur die Performances, die sie über Jahrzehnte hinweg aufgeführt hat, sondern immer auch die Reaktionen des Publikums. Beide sind untrennbar miteinander verbunden und stellen für sie immer wieder Risikoelemente dar, die sich vorher kaum einschätzen lassen und die gerade deshalb ihre Arbeit so spannend machen. Ihre Performances sind daher nicht nur deshalb extrem, weil sie ihren eigenen Körper als Ausdrucksmittel benutzt und sich Schmerz, Kälte, Feuer, Gewalt, Isolation und allen möglichen weiteren Einflüssen aussetzt, sondern auch, weil sie sich oft in die Hände fremder Menschen begibt.

In der Performance Rhythm 0 von 1974 positionierte sie sich in einem Raum mit einem Tisch, auf dem 72 Gegenstände lagen, von Rosenblütenblättern, einem Spiegel, einer Zeitung und einer Packung Zucker bis hin zu Nadeln, einer Gabel, einem Messer und einer geladenen Pistole. Dem Publikum wurde gesagt, es dürfe mit den Gegenständen und der Performerin machen, was es wolle. Während die Zuschauer anfangs noch recht zögerlich waren, änderte es ich die Stimmung im Laufe des Abends. Abramović wurde angefasst, umhergeschoben, ihre Kleider zerrissen, und sie zunehmend auch verletzt. Schließlich schlug die Stimmung sogar in Aggressivität um. Ein Mann schnitt ihr mit dem Messer in den Nacken, ein anderer platzierte die Pistole in ihrer Hand, mit dem Finger am Auslöser. Hier wurde die Performance abgebrochen. Am nächsten Tag gingen zahlreiche Anrufe im Museum von den Zuschauern des Vorabends ein, die fassungslos darüber waren, wozu sie sich haben verleiten lassen, wie sie einfach völlig vergessen konnten, dass die ausdrucks- und regungslose Performerin ein echter Mensch war. Abramović fand diese Performance selbst äußerst gelungen, ging es dabei doch genau darum, zu zeigen, wie sich das Publikum in der Performerin spiegelt und wie sich dessen (Schmerz-)Grenzen analog zu denen der performenden Person verschieben.  

ALLES IST KUNST

Abramovićs Memoir wäre wohl unvollständig gewesen, hätte sie darin nicht gleichermaßen über ihre Arbeit und ihre Freundschafts- und Liebesbeziehungen geschrieben. Freude, Liebe, Freiheit, Entwurzelung, Suche, Schmerz, Verlust, Tod – das sind die Themen ihrer Performances und ihres Lebens, ihre künstlerische Entwicklung kann gar nicht losgelöst von ihrem Privatleben betrachtet werden. Die wohl bedeutendste Beziehung war die zum Fotografen Ulay, mit dem sie in den 1970er-Jahren in einem Citroen-Bus durch die Lande fuhr, von Auftritt zu Auftritt, und von der Hand in den Mund lebte. Viele Performances sind während der 12-jährigen Partnerschaft der beiden entstanden. Das Private und die Kunst waren für die beiden so eng miteinander verknüpft, dass es ihnen am Ende, als die Beziehung unschön in die Brüche ging, nur logisch erschien, auch die Trennung zu inszenieren – mit einem 2500 Kilometer langen Gang auf der Chinesischen Mauer, bei der beide an jeweils einem Ende der Mauer starten und sich in der Mitte treffen sollten. Es war eine dreimonatige Reise, an deren Ende die symbolische Trennung sowohl der privaten als auch der professionellen Verbindung stand. Abramović und Ulay waren die ersten ausländischen Menschen, die die Chinesische Mauer abliefen, und der Performance ging eine jahrelange Verhandlung mit den chinesischen Behörden voraus. War das Ende anfangs noch so ausgelegt, dass beide bei ihrem Treffen in der Mitte heiraten wollten, hatten sich die Verhältnisse in der Zeit, in der sie auf die Freigabe für die Performance warteten, so gewandelt, dass nun am Ende die Trennung stand.

GRENZERFAHRUNGEN

Und so hatte jede Station ihres Lebens, jede Erfahrung, der sie sich aussetzte – oft waren das gezielt solche, die sie mit anderen Kulturen und anderen Weltanschauungen konfrontierten, wie die Zeit mit den Aborigines im australischen Outback und die Monate bei den tibetischen Mönchen –  Auswirkungen auf ihre Performances, die zunehmend darauf beruhten, ihren Körper an seine Grenzen und darüber hinaus zu treiben, indem er stundenlang nicht bewegt oder mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt wird. Die totale Kontrolle über sich selbst zu erlangen – laut Abramović ist das möglich, es bedarf aber eines intensiven, knallharten Trainings. Was mich außerdem sehr fasziniert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Abramović von übersinnlichen und spirituellen Erlebnissen berichtet, die sie seit ihrer Kindheit immer wieder hatte. Das zeugt von einer Offenheit für alles, was außerhalb oder am Rande unserer Wahrnehmung geschieht, ohne die sie sicherlich in vielen ihrer Performances nicht den Sinn hätte finden können. Es ist spannend, ihre Gedanken und Ideen hinter den Inszenierungen zu erfahren und mit ihr gemeinsam den Bogen zu schlagen vom kleinen Mädchen, das im Wandschrank ihres Zuhauses in Jugoslawien mit Geistern redet und der über 60-Jährigen Frau, die 3 Monate lang täglich im MOMA auf einem Stuhl sitzt und in mehr als 800.000 Fremden ungeahnte Emotionen auslöst, indem sie ihnen einfach nur in die Augen sieht.

Auch, wenn viele ihrer Performances sicher zu extrem sind, um wirkliches Verstehen bei der Durchschnittszuschauerin hervorzurufen (denn seien wir mal ehrlich: oft schauen wir uns Kunst an und erfassen nicht, „was der Künstler uns damit sagen möchte“, wenn wir nicht gerade ein 5-Jähriges Kunststudium absolviert haben), so hat Abramović als erfolgreiche Frau im sehr männerdominierten Kunstbusiness doch einige Mauern gesprengt und gilt heute zurecht als eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie hat die Performance-Art aus der Ecke der etwas verruchten und für den/die gemeine*n Kunstinteressierte*n zu abgedrehten Kunstform herausgeholt und gesellschaftsfähig gemacht; und war die erste Künstlerin, die in Europa Performance an Universitäten unterrichtete. Mit der Gründung des Abramović Institutes, an dem ihre Abramović Method gelehrt wird, setzt sie sich für die Förderung des künstlerischen Nachwuchses ein.

Wer sich gern mit ihren Werken beschäftigen möchte, aber davor zurückschreckt, sich die teils blutigen Performances unkommentiert anzusehen, dem sei dieses Memoir empfohlen. Denn auch über die künstlerischen Aspekte hinaus ist Abramović eine beeindruckende Frau, die mehrfach in ihrem Leben den unbequemen Weg durch die Mauer statt durch die Tür genommen hat und dadurch immer wieder die Grenzen ihrer eigenen Welt neu auslotete. Wen das nicht inspiriert, ist selber schuld.

Marina Abramović. Walk through Walls: A Memoir erschien erstmals 2016 bei Penguin Random House USA. Meine hier gezeigte Ausgabe erschien 2017 bei Penguin UK. Die deutsche Ausgabe erschien 2016 im Luchterhand Literaturverlag unter dem Titel Durch Mauern gehen.

Hier kannst du mir eine Spende für all die Geflüchteten in Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos zukommen lassen. Jede Spende wird ausnahmslos an die Organisation Ärzte ohne Grenzen weitergeleitet, die sich dafür einsetzt, den Menschen in Moria all die dringend benötigten Ressourcen zukommen zu lassen, um angesichts der unvorstellbar schlimmen Zustände im Camp eine Katastrophe aufgrund des Coronavirus zu verhindern und das Camp möglichst schnell zu evakuieren. Ich danke dir für deine Hilfe!

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