Was wirklich zählt. Ari Folman & David Polonsky. Das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary

Während sich das Coronavirus auf der Welt ausbreitet und man nicht umhinkommt, sich wie in einem schlechten Endzeitfilm vorzukommen, beschließen die Nationen jeden Tag neue Maßnahmen, um die rasante Ausbreitung des Virus einzudämmen. Besonders drastisch für das Leben jeder*s Einzelnen sind die Lock-Down-Szenarien, die sich im Kleinen bereits in Deutschland und anderen Ländern wie Großbritannien vollziehen. Damit verbunden sind natürlich vielerlei Ängste: die Angst vor der sozialen Isolation; die Angst davor, dass die Vorräte zuneige gehen und man keine Möglichkeiten hat, sie wieder aufzufüllen (sei es, weil Idioten die Supermärkte leerräumen, um bis zum Sankt Nimmerleinstag fröhlich scheißen gehen zu können, oder weil man zu einer der Risikogruppen gehört und niemanden hat, der für einen einkaufen geht); die Angst vor dem Verlust der Arbeit und des Einkommens (vor allem Selbstständige trifft es gerade hart, aber auch kleinere Betriebe und Läden); die Angst davor, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, weil man nun auf sehr lange Zeit mit Kind und Kegel zuhause hockt – und sicherlich gibt es noch tausend Ängste mehr, die wir alle gerade auszustehen haben.

Mir hilft vor allem eins mal wieder, um mit der neuen Situation klarzukommen: lesen. Und unweigerlich kam mir ein berühmtes Tagebuch in den Sinn, das ein ganz besonders schlimmes Lock-Down-Szenario beschreibt: Das Tagebuch der Anne Frank. Natürlich vergleiche ich die Corona-Situation nicht mit der Judenverfolgung durch die Nazis. Was mir aber persönlich hilft, ist die außerordentliche Stärke, mit der Anne Frank ihre Situation gemeistert hat. Man kann sich auch jetzt, wo man sich selbst damit konfrontiert sieht, zu Hause eingesperrt zu sein, weil draußen eine Gefahr lauert, gegen die es noch keinen Schutz gibt, nur ansatzweise vorstellen, wie groß der Schrecken der Familie Frank und allen anderen im Hinterhaus gewesen sein muss, während sie sich von 9142 bis 1944 vor den Nazis versteckt hielten. Umso beeindruckender ist das Tagebuch dieses jungen Mädchens, das mit Witz, scharfem Verstand und einer ausgeprägten Beobachtungsgabe die Zeit im Versteck dokumentiert. So ausweglos ihre Lage ihr selbst erschienen sein muss, aufgegeben hat Anne Frank bis zum Ende nicht und ihr Tagebuch weiterhin mit der Ambition geführt, einmal Schriftstellerin zu werden (was auch die kürzlich beim Secession Verlag veröffentlichte Variante des Tagebuchs Liebe Kitty: Ihr Romanentwurf in Briefen beweist, die sie selbst in einer literarisierten Form vermutlich mit einer Publikation im Hinterkopf geschrieben hatte). Im Angesicht einer lebensbedrohlichen Situation, in der die Versorgung von der Hilfe Außenstehender abhing und Privatsphäre kaum vorhanden war, hat Anne vor allem eins getan: ihr Leben weitergelebt. Sie hat getan, was andere Teenager auch tun: sich mit ihrer Mutter gestritten, ihre Schwester als Konkurrentin betrachtet und sich Verliebtheiten hingegeben. Ohne diesen Anteil von Normalität wäre das Aushalten ihres Schicksals wohl unmöglich gewesen.

Was mich und hoffentlich uns alle Anne Franks Aufzeichnungen lehren: nicht aufzugeben, obwohl die Umstände gerade nicht sehr hoffnungsfroh stimmen und man weder weiß, wie lange dieser Zustand des sogenannten „social distancing“ anhält und welche Auswirkungen die Epidemie auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und sämtliche Bereiche des Lebens haben wird. Nicht aufhören, Pläne zu schmieden. Nicht aufhören, an etwas zu glauben und darauf hinzuarbeiten.  Nicht nachlässig mit sich selbst und seinen Mitmenschen werden. Sondern dankbar dafür zu sein, was man hat: liebe Menschen, mit denen man sich trotz allem austauschen kann, auch wenn man sie nicht sieht, genug Lebensmittel und den digitalen Zugang zum Rest der Welt, der uns, richtig eingesetzt, ein hilfreiches Werkzeug im Kampf gegen die Einsamkeit sein kann.

Das Graphic Diary von Ari Folman und David Polonsky ist eine grandiose Aufarbeitung der originalen Tagebuchtexte und fiktiven Dialoge, die auf den Tagebucheinträgen basieren. Die Illustrationen wirken beinahe filmisch und treffen haargenau Annes schriftstellerischen Ton, ihren Humor und ihre Ernsthaftigkeit gleichermaßen. Wie jede gute Graphic Novel fügen sie dem Text über die Bilder außerdem noch neue Nuancen hinzu, ohne am Original herumzupfuschen. Es ist eine ganz tolle Möglichkeit, sich noch mal oder zum ersten Mal mit Anne Franks Tagebüchern auseinanderzusetzen, auch und ganz besonders für junge Menschen.

Falls ihr euch das Buch kaufen wollt: Unterstützt bitte eure lokalen und regionalen Buchhändler*innen, indem ihr bei ihnen und nicht beim Großkotz-Riesen bestellt. Viele Buchläden haben zwar geschlossen, bieten aber immer noch einen Versandservice an, auf den sie jetzt natürlich extrem angewiesen sind.

Ari Folman & David Polonsky. Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary erschien erstmals 2017 im S. Fischer Verlag.

HIER KANNST DU MIR EINE SPENDE FÜR ALL DIE GEFLÜCHTETEN IN CAMP MORIA AUF DER GRIECHISCHEN INSEL LESBOS ZUKOMMEN LASSEN. JEDE SPENDE WIRD AUSNAHMSLOS AN DIE ORGANISATION ÄRZTE OHNE GRENZEN WEITERGELEITET, DIE SICH DAFÜR EINSETZT, DEN MENSCHEN IN MORIA ALL DIE DRINGEND BENÖTIGTEN RESSOURCEN ZUKOMMEN ZU LASSEN, UM ANGESICHTS DER UNVORSTELLBAR SCHLIMMEN ZUSTÄNDE IM CAMP EINE KATASTROPHE AUFGRUND DES CORONAVIRUS ZU VERHINDERN UND DAS CAMP MÖGLICHST SCHNELL ZU EVAKUIEREN. ICH DANKE DIR FÜR DEINE HILFE!

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