Hamstert Kuchen! Christian Duda & Julia Friese. Elke. Ein schmales Buch über die Wirkung von Kuchen

Dieser Tage im Supermarkt: gähnende Leere in den Regalen der Toilettenartikel-Abteilung. Kein Klopapier weit und breit. Ich habe mir sagen lassen, dass das Phänomen nicht nur in England auftritt. Dieser Anblick führt bei mir zu zwei Reaktionen: 1. Fassungsloses Kopfschütteln. 2. Ich habe ein paar Fragen – wieso hamstern Menschen Klopapier, als gäbe es kein Morgen? Ich möchte es wirklich gerne verstehen. Die Lebensmittelregale sind nämlich noch relativ voll. Wieso ist denn der Impuls nicht, wenn man schon hamstern muss, sich die Vorratskammer bis unters Dach zu füllen? Ich bin, was die Klopapiersituation angeht, recht entspannt. Im Gegensatz zum Rest der Menschheit habe ich nämlich schon von den fancy Alternativen zum Klopapier gehört: Wasser und Waschlappen. Oder Wasser und Hand. Solange noch genug Seife (flüssiges Gold in diesen Zeiten! My oh my. Werden wir unseren Enkeln später mal erzählen „Als ich so alt war wie du, konnte man einfach in einen Laden gehen und es gab regaleweise Seife in verschiedenen Duftrichtungen“ und dafür von ihnen als Lügner*innen bezeichnet und darum gebeten werden, doch bitte nicht immer so viele Märchen zu erzählen?) da ist, um sich anschließend die Hände zu waschen, kein Problem. In manchen Ländern ist das an der Tagesordnung und völlig normal. Und lasst euch gesagt sein: gesünder für den Allerwertesten ist es auch. Für die Erde allemal.

Ich spaziere also am leeren Klopapierregal vorbei und habe nur ein müdes Kopfschütteln übrig. Nervös werde ich erst, wenn es keinen Kuchen mehr gibt. Sollte ich anfangen wollen, Vorräte in rauen Mengen anzulegen, dann ja wohl von Kuchen. (Derzeitiger Favorit: Lemon Cheese Cake.) Kuchen ist eines der besten Hausmittel gegen Kummer jeglicher Art. Auch gegen das erdrückende Gefühl, im Angesicht einer Virus-Pandemie machtlos zu sein. Ich weiß, dass emotional eating schon eine Form der Essstörung sein kann, aber ganz ehrlich: lieber bin ich ein emotional eater als ein hamstering asshole.

Kuchen ist es auch, der die Protagonisten in Christian Dudas bezauberndem Buch Elke. Ein schmales Buch über die Wirkung von Kuchen zusammenbringt. Die Protagonisten, das sind: der fünfjährige Kasimir, der mittelalte Uwe und die recht alte (zumindest aus Kasimirs Perspektive), ziemlich fette Elke. Ich darf fett sagen, weil das im Text ausdrücklich so gewünscht wird. Und weil Elke sich selbst als fett bezeichnet.

„Viel lässt sich nicht über Elke erzählen“. Und das sagt eigentlich schon alles. Die Geschichte spielt in einer Großstadt, im Mikrokosmos einer Straße, für dessen Kiezcafé Elke jeden Tag einen Kuchen bäckt. Irgendwie kennt sie jeder hier. Und als sie stirbt – auch das darf ich sagen, denn wir erfahren es gleich zu Beginn des Buches – stellt man fest: man kannte sie halt eigentlich gar nicht. Die Anonymität der Großstadt at its best.

Kasimir und Elke stolpern übereinander, als Kasimir auf dem Weg zum Kindergarten ist und Elke ein Blech mit Kuchen zum Café bringt. Kasimir darf schon allein zum Kindergarten laufen und ist darauf sehr stolz. Von da an entspinnt sich eine ungewöhnliche, und gerade deshalb so herzerwärmende Freundschaft zwischen Elke, Kasimir und dem Cafébesitzer Uwe, der immer ein bisschen brummelig ist, aber ein gutes Herz hat. Es sind vor allem die Dialoge voll kindlicher Logik, die dieses Buch zu einem kleinen Schatz machen. Und Elke und Uwe, die diese Logik ernstnehmen und auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren, ihm unangenehme Fragen beantworten und zeigen, dass man mit Kindern nicht reden muss, als wären sie geistig beschränkt. So leicht und witzig der Text sprachlich daherkommt, so schwer und ernst sind die Themen, die er verhandelt: Einsamkeit, Alkoholismus, Krankheit, familiäre Vernachlässigung, Armut. Kasimir, Elke und Uwe schaffen es, Menschen im Kiez zusammenzubringen. Mit Kuchen. Und mit Empathie.

Die Illustrationen von Julia Friese ergänzen diesen sprachlich einfachen, aber humortechnisch komplexen Erzählton perfekt. Es ist kein Bullerbü, das uns hier gezeigt wird. Und trotzdem oder gerade deshalb ist es ein Buch für Erwachsene UND Kinder. Am besten für beide zusammen, um dabei und danach in einen Dialog zu treten: über all diese schlimmen Themen, die nun mal auf der Welt existieren und zuweilen sogar uns selber, zumindest aber unsere Nächsten betreffen. Ich finde es wichtig, schon früh zu lernen, dass Menschen immer liebenswerte Seiten haben, und dass Dinge wie Alkoholismus beispielsweise auftreten, weil Leute manchmal Probleme haben, mit denen sie nicht fertig werden. Empathie zu haben bedeutet auch, dass man verstehen lernt, wieso Leute sind, wie sie sind. Und nicht mit dem Finger auf sie zeigt. Das kann man gar nicht früh genug lernen. Vielleicht haben die nächsten Generationen dann ja noch eine Chance auf ein schöneres Miteinander.

So traurig das Ende dieser Geschichte ist, sie spielt sich so vermutlich tagtäglich ab, irgendwo auf der Welt. Jemand stirbt allein, unbemerkt. Was aber ein warmes Gefühl hinterlässt, ist die Tatsache, dass Elke nicht immer allein gewesen ist. Für eine kurze Zeitspanne gab es Kasimir, Uwe und all die anderen Menschen, die wie eine Kettenreaktion von ihrem Kuchen zusammengebracht wurden. Nicht allen kann in dieser Geschichte aus der sozialen Isolation geholfen werden, aber zumindest einigen. Und wir lernen daraus: Mitmenschlichkeit is the key. Das war auch die Motivation des Autors, Elke einen Namen und eine Geschichte zu geben, denn es gab in seinem Leben eine echte Elke, die er täglich gesehen hat, und die er als „nette Bekanntschaft“ abgespeichert hatte, ohne sich aber je für ihre Probleme zu interessieren. Nach ihrem Tod wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er, wie alle anderen auch, einfach ignoriert hat, was offensichtlich war: es ging ihr schlecht. Können wir uns vielleicht darauf einigen, dass wir ab sofort nicht mehr ignorieren, wenn es anderen schlecht geht, nur weil wir unsere Heile Welt aufrecht erhalten wollen? Das macht uns zu genau derselben Kategorie Arschlöcher wie die Klopapier-Hamsterer.

Christian Duda. Elke. Ein schmales Buch über die Wirkung von Kuchen erschien 2015 bei Beltz & Gelberg.

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