Liebe in Zeiten des Konsums. Liv Strömquist. Ich fühl’s nicht.

Die schwedische Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist ist für viele lesende Feminsti*innen sowas wie die Comic-Manifest-Queen geworden. In ihren Graphic Novels basht sie die Erzfeinde des Feminsimus — das Patriarchat und die sexistischen Strukturen unseres Gesellschaftssystems. Dabei ist sie sehr schlau und sehr lustig. Vor allem die ersten beiden Bücher, Der Ursprung und der Welt (eine Kulturgeschichte der Vulva) und Der Ursprung der Liebe (eine mythologische, soziologische, philosophische und psychoanalytische Untersuchung von Beziehungsmustern), kann ich euch uneingeschränkt empfehlen. Bei der Lektüre ihres dritten Buches, I’m every woman (eine Auseinandersetzung mit dem Mythos des männlichen Genies), hab ich leider nicht mehr ganz so oft gleichzeitig Tränen gelacht und mit der Faust kämpferisch auf den Tisch gehauen. Man kann ja aber auch nicht immer alles gleich gut finden. In ihrem vierten Comic bringt Strömquist mich dafür wieder öfter zum Lachen und das Thema der romantischen Liebe, die zunehmend von unserem antrainierten Konsumverhalten bestimmt wird, ist sehr klug gewählt, boomen doch die Datingsapps und gleichzeitig gab es wohl nie einsamere Menschen als in diesen Zeiten, die vergeblich nach dem/der passenden Partner*in zu suchen scheinen. Woran liegt das bloß?, fragt sich Strömquist zurecht.

Gleich den Einstieg von Ich fühl’s nicht finde ich jedoch problematisch. Am Beispiel von Leonardo Di Caprios zahlreichen kurzlebigen Beziehungen zu jüngeren Frauen erläutert Strömquist, wie wir in unserer spätkapitalistischen Gesellschaft verlernt haben, die Andersartigkeit anderer Menschen anzuerkennen und zu schätzen, uns ergo deshalb auch nicht mehr richtig verlieben können, sondern vielmehr nach jemandem suchen, in dem wir unser eigenes Ego gut spiegeln können. Das erscheint erstmal plausibel, wenn man allein schon an die Selbstdarstellungskultur auf den sozialen Medien denkt. Selbst, wenn wir Fotos unserer Freunde oder Partner*innen posten, gibt es doch immer einen bestimmten Anteil, der sich durch sie selbst aufwerten möchte. Wir sind inzwischen so gepolt, dass wir uns im ständigen Wettbewerb befinden – ob wir uns dessen immer bewusst sind oder nicht. Die sozialen Medien heizen das bewusst an, um uns zu noch gehorsameren Konsument*innen zu machen. Ich bin gewiss kein Fan von Leonardo DiCaprio, finde es aber schade, dass ihn Strömquist über das gesamte Buch hinweg so durch den Kakao zieht. Mir war vorher über das Beziehungsleben des Schauspielers nichts bekannt, und es hätte mir auch egaler nicht sein können. Gerade deshalb erschien es mir befremdlich, dass ausgerechnet er für das Beziehungen-mit-Altersunterschied-Bashing herhalten musste, das Strömquist in ihrem Buch betreibt, und das dieselben Stereotypen und Vorurteile reproduziert wie viele andere Medien. Gerade von Strömquist hätte ich einen sensibleren Umgang mit einer solchen Beziehungsstruktur erwartet – stehen ihre Comics doch sonst für Diversität und wertvolle Blickwechsel. Ein Mann, der sich mit jüngeren Frauen schmückt, die Frauen allesamt Models, deshalb kann es ja gar nicht anders sein: die Frauen sind hirntotes Beiwerk, die Beziehungen natürlich zum Scheitern verurteilt. Das ist sehr, sehr eindimensional dargestellt. Denn wir wissen ja nicht, woran die Beziehungen wirklich zugrunde gingen. Später macht Strömquist noch weitere Themenkreise auf, in denen es darum geht, dass viele Beziehungen am fehlenden Gefühl scheitern oder dem Unvermögen, das Gefühl über lange Zeit aufrecht zu erhalten und an der Beziehung an sich zu arbeiten und sie nicht einfach durch eine andere zu ersetzen, und zieht dafür wiederholt Leonardo Di Caprio als Beispiel heran — ihre rotzige Art, sich zuweilen über andere lustig zu machen, ist gar nicht mal das, was mich stört.

Ich finde es einfach schrecklich, wie wir immer sofort über ALLES urteilen, das nicht in unseren Erfahrungshorizont passt, und ich finde es zudem schade, dass Strömquist, die mit ihren Comics eine so große Reichweite hat und einen enormen Anteil an feministischer Bildung, die Spaß macht, leisten könnte, kein anderes Beispiel als ausgerechnet Paare mit Altersunterschieden gewählt hat. Im Laufe des Buches kommt Strömquist immer wieder darauf zurück und sagt an einer Stelle sogar selbst, dass sie hier gerade grob verallgemeinert und die Milliarden individueller Unterschiede nicht berücksichtigt. (Etwas, das mir an diesem Buch generell aufgefallen ist: Strömquist entschuldigt sich häufig für fehlende Differenzierung oder Recherche – was ist da los? War ihr das Thema selbst irgendwann zu groß, zu viel, zu un-be-greif-lich?) Dass mir das so sauer aufstößt, liegt natürlich auch daran, dass ich selbst in einer Partnerschaft mit einem Altersunterschied lebe, in der der Mann älter ist als die Frau, und im Laufe der Zeit allerlei Bullshit zu hören bekam (glücklicherweise nicht von Menschen, die mir nahestehen und glücklicherweise ging es mir schon ziemlich schnell am Arsch vorbei, was andere darüber denken). Umgekehrt werden natürlich junge Burschen gefeiert, die ältere Freundinnen haben, denn das spricht für ihre Vitalität und ihre Liebhaberqualitäten: oh, Doppelmoral, ick hör dir trapsen! 

Dabei beruht die Beziehung meines Freundes und mir ironischerweise nicht auf der durch rationales Denken bestimmten Partner*innenwahl, die laut den von Strömquist zitierten Quellen unser heutiges Datingverhalten bestimmt, sondern auf rein intuitiven Prozessen. Bei uns ist bei unserer ersten Begegnung tatsächlich der gute alte Blitz eingeschlagen. Hätte ich damals, als wir uns kennenlernten, alles so überanalysiert wie die Figuren in Strömquists Comic, würde ich jetzt immer noch einsam in meiner Wohnung sitzen und versuchen, in das Online-Dating-Game einzusteigen, das sich mir niemals auch nur ansatzweise erschlossen hatte.

Dieser Hang zum Endlos-Reflektieren, der sich aus den tausend Möglichkeiten ergibt, die uns zur Verfügung stehen, um ganz zu unserem wahren Selbst zu finden und, ganz dem kapitalistischen Grundgedanken gemäß, immer das Beste für uns selbst haben wollen, ist der Grund, weshalb heutzutage der Auswahlprozess über potenziellen Partnerin/eines potenziellen Partners manchmal schon ein Lebensprojekt an sich ist. Die rationale Entscheidungsfindung hemmt, wie Strömquist weiter erläutert, unsere Fähigkeit, starke emotionale Involviertheit zu empfinden. Vereinfacht gesagt: wir können uns fast schon gar nicht mehr Schockverlieben und von den blitzartig einschlagenden Gefühlen unser komplettes Leben auf den Kopf stellen lassen, weil wir so darauf getrimmt sind, uns alles genau so aussuchen zu können, wie wir es haben wollen, und alles 100% unter Kontrolle zu halten, dass die Aussicht, etwas könnte UNS beherrschen und womöglich Pläne über den Haufen werfen, die wir mühsam ausgetüftelt hatten, uns vor allem Angst macht. Wir sehen auch an der aktuellen Situation mit Corona: wir liegen erstmal hilflos strampelnd auf dem Rücken wie Käfer, wenn wir plötzlich keine Kontrolle mehr über das Geschehen haben.

Verliebtheit beruht eigentlich auf einer völlig willkürlichen, zufälligen emotionalen Verbindung, die wir zu einem anderen Menschen spüren. Wenn wir uns verlieben, erscheint uns dieser Mensch wie die besonderste Person auf der Welt. Wir lernen ihre Eigenheiten und Vorlieben kennen, verlieben uns in kleine Macken, sind mit der Zeit von Neurosen genervt, arrangieren uns aber damit, weil wir den Menschen ja als Gesamtes sehen. (Und uns übrigens darüber bewusst sind, dass wir auch nicht perfekt sind). Indem die Partner*innenwahl immer mehr zu einem Akt des Konsums wird, geht uns die Spontanität, die Leidenschaft und die Risikobereitschaft, uns in etwas hineinzustürzen, dessen Ausgang wir jetzt noch nicht absehen können, verloren. Wir fangen an, schon beim ersten Date eine mentale Checkliste der Ansprüche durchzugehen, die wir an eine/n potenzielle/n Lebenspartner*in haben. Und sortieren rigoros aus, wenn auch nur ein Kriterium abweicht oder nicht zu unserer Zufriedenheit erfüllt wird. Der Mensch, der uns im Café gegenübersitzt, wird zur Ware. Bevor wir uns die rosarote Brille aufsetzen, klären wir erstmal ab, ob die Person überhaupt für ein längerfristiges Miteinander und unsere persönlichen Lebenspläne in Frage kommt. Liv Strömquist sagt: damit sind wir eigentlich wieder bei der Zweckehe angekommen.

Strömquist spannt den Themenbogen ihres Buches von diesem neuen konsumähnlichen Datingverhalten über die Neudefinition von männlichem Erfolg in unserer heutigen Zeit, über die soziologische Rolle von Frauen, diejenigen zu sein, die Kinder wollen, über emotionale Distanz- und Machtspiele, über die Verwissenschaftlichung der Liebe und der damit einhergehenden Entmystifizierung der stattfindenden Prozesse, sie stellt Bezüge her zwischen der heute vorherrschenden Selbstausbeutung bei der Arbeit und parallel dazu in der Liebe, zeigt auf, wie die Liebe selbst zu einem Akt der Erfolgs- und Leistungsorientierung unseres Systems geworden ist, und springt in diesen Themen noch mal von Sub-Thema zu Sub-Thema. Ganz schön komplex, diese Liebe. Und ganz schön schön, wenn man mal aufhört, sie in allen ihren Facetten verstehen zu wollen.

Wie immer in ihren Graphic Novels kombiniert Strömquist wissenschaftliche, philosophische und literarische Quellen, bettet ihre Thesen in eine historische Herleitung und eine gesellschaftliche Analyse ein und erschafft somit einen dichten Informationsteppich, der einen auf jeder Seite mit Strömquist-typischen sarkastischen Pointen und lakonischen Dialogen erwartet, in denen die zitierten Autor*innen, popkulturelle Figuren und von ihr erdachte Comiccharaktere als Protagonist*innen auftreten.

Ich muss aber sagen, dass sich ihre Form des Humors schon seit dem dritten Band für mich etwas ausgenudelt hat – was wohl daran liegt, dass sie die immergleichen sprachlichen und visuellen Formen für ihre Witzchen wählt. Da ist der Effekt des Neuartigen für mich inzwischen verpufft – für Neuleser*innen entfaltet er aber sicher vollends seine Wirkung. Man kommt einfach nicht umhin, Liv Strömquists Spitzfindigkeit und ihre scharfe Zunge zu feiern.

Zum Schluss noch ein Profitipp: In Zeiten des Corona-Lockdowns ist es vermutlich nicht möglich, die große Liebe zu finden. Aber stellt euch danach doch einfach mal im Nieselregen vor ein Theater (oder ein anderes Gebäude eurer Wahl) und wartet ab. Romeo/Julia kommt vielleicht in anderer Gestalt als ihr euch immer erträumt habt, aber wenns euch voll ins Herz schießt, habt ihr das sowieso sofort vergessen.

Liv Strömquist. Ich fühl’s nicht erschien in der Übersetzung von Katharina Erben auf Deutsch erstmals 2020 im Avant Verlag. Die schwedische Originalausgabe erschien 2019.

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