300 % gefühlsecht. Anna Maria Schwarzberg & andere. We are proud to be Sensibelchen.

Ok, ok. Ich bin ein bisschen late to the party. Meine gesamte Buchbloggerblase hat über dieses Buch bereits gesprochen, und oft reihe ich mich dann bewusst nicht mit der 1001. Rezension in die Riege ein, denn die Leute sollen bitteschön vor allem die Bücher lesen, und nicht nur Rezensionen zu den Büchern. Aber da ich das Thema so wichtig und die Texte in diesem hübschen Bändchen so gut finde, mache ich eine Ausnahme.

Weil das Büchlein nicht einfach nur hübsch, sondern auch ökologisch wertvoll ist, sei das Äußere daher heute auch mal vor dem Inneren gepriesen: We are proud to be Sensibelchen wird umweltfreundlich gedruckt und versandt, zehn Prozent der Einnahmen werden an Bildungs- und Umweltprojekte gespendet. Am Ende eines Kalenderjahres fragt Herausgeberin Anna Maria Schwarzberg ihre Community auf Instagram, an welche Projekte genau das Geld gehen soll, und stellt ihnen mehrere ausgewählte Organisationen vor. Per Abstimmungsfunktion darf dann das Publikum an der Entscheidung teilhaben. Das finde ich ganz großartig und das beste Beispiel für: practice what you preach.  Auch die Arbeitsbedingungen für alle am Projekt Beteiligten basieren auf Fairness, wie Schwarzberg im Vorwort erläutert. Das Projekt ist rundum ein sehr gelungenes Beispiel dafür, wie Arbeiten heute auch aussehen kann. Und es ist ein noch schöneres Beispiel dafür, was Sensibelchen so alles auf die Beine stellen können, wenn man sie lässt. Oder wenn sie sich selbst lassen und von den Zwängen befreien, die sie in ihrem Leben oft einschränken.

Ich habe auf meinem Blog bereits über Schwarzbergs anderes Buch gesprochen, in dem sie von ihrem Burn Out und dem damit verbundenen Lebenswandel berichtet. In diesem Band hier, in dem neben Schwarzberg auch noch zehn andere Autor*innen zu Wort kommen, geht es um einen Aspekt, der bei Schwarzberg, aber auch bei vielen anderen zum Zusammenbruch geführt hat, und der den Ausgangspunkt dafür bildete, das eigene Leben und das eigene Ich zu hinterfragen und neu auszuloten. Die Hochsensibilität, oder, wie ich es lieber formuliere, die gesteigerte Sensibilität, ist ein Charaktermerkmal, das vielen Menschen das Leben sehr schwer macht – und nicht etwa, weil es eine solche Bürde wäre, extrem sensibel zu sein, sondern einzig und allein, weil wir in einer Welt leben, die wenig Verständnis für die Bedürfnisse all jener hat, die nicht in den kapitalistischen Strukturen funktionieren.

Sensibilität ist kein pathologischer Zustand, den es irgendwie zu heilen gilt, wird aber oft mit psychischen Erkrankungen verwechselt, sicherlich nicht zuletzt, weil viele Sensible im Laufe ihres Lebens mit Depressionen und Angsterkrankungen in Berührung kommen. Das eine bedingt das andere nicht, begünstigt es aber. Ich selbst habe schon seit meiner Jugend immer mal wieder Besuch einer rezidivierenden Depression und nenne eine Angststörung meine ständige Begleiterin (und die jetzt leider durch die aktuelle Situation mit der weltweiten Pandemie völlig außer Rand und Band geraten ist). Bei mir stehen diese psychischen Probleme eindeutig mit meiner Sensibilität im Zusammenhang. Vor allem die Angststörung kann ich sehr gut dadurch erklären, dass ich durch meine Sensibilität und die damit einhergehende durchgängige Reflexionsarbeit, die mein Hirn tagtäglich leistet, auch sehr anfällig für Ängste und Zweifel bin – leider so sehr, dass mein geschäftiges Hirn nicht mehr so gut zwischen „sinnvolle Ängste“ und „übertriebene Ängste“ unterscheiden kann. Im gleichnamigen Text im Buch vergleicht Autorin Joana Heinen diesen Permanentzustand des Sich-Gedanken-Machens als „Salatschleuder im Kopf“. Ja, ich hab niemals eine bessere Beschreibung gehört. Manchmal schleudern da bei mir neben Salat auch noch Dressing und Croutons mit.

In den Texten beschreiben die Autor*innen auf ganz unterschiedliche Weise ihr Leben und ihre Erfahrungen mit der Sensibilität. Mir tat es gut, von anderen zu lesen, die mit meinen altbekannten Struggles konfrontiert sind. Es tat gut, von Selbstakzeptanz zu lesen und davon, dass andere ihren Weg in dieser Welt finden, die für uns oft zu laut, zu voll, zu hektisch, zu überfordernd ist. Es tat gut, einmal mehr darin bestätigt zu werden, dass nicht ich falsch bin, sondern der Umgang der Welt mit Menschen wie mir supotimal ist. Und dass „da draußen“ viele sind, die sich manchmal in den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, ähnlich verloren fühlen.

Wie oft habe ich schon versucht, mir meine Emotionalität abzutrainieren? Wie oft es mir zu Herzen genommen, wenn mich jemand als „zu emotional“ bezeichnet hat und meinte, ich müsste einfach mal lernen, mit meinen Gefühlen besser umzugehen oder Misserfolge/traurige Situationen/fill-in-whatever-you-like-that-causes-an-emotional-reaction „anders angehen“? Wie oft habe ich mich unzulänglich gefühlt und falsch, gerade dann, wenn solche Kommentare von mir sehr nahestehenden Menschen kamen?

Ich habe erst letztens wieder eine Situation erlebt, in der genau das oben genannte passiert ist. Doch statt mich diesmal wieder endlos zu grämen und zu selbstgeißeln, weil ich so abartig bin, habe ich mich an einem schönen Gedanken festgehalten, der mir glücklicherweise kam: es gibt Menschen in meinem Leben, die lieben mich nicht trotz, sondern gerade WEGEN meiner Emotionalität. Meiner Sensibilität. Meiner extremen Empathiefähigkeit. Zwischen mir und eher rational veranlagten Menschen klafft oft eine große Kommunikationslücke, weil sie nicht nachvollziehen können, weshalb ich auf Dinge immer zuerst emotional reagiere, und erst im zweiten Schritt reflektieren kann, und andersrum verstehe ich halt überhaupt nicht, wie man NICHT emotional auf etwas reagieren kann. Weder das eine noch das andere ist die richtige Art, zu reagieren. Es sind einfach zwei unterschiedliche Persönlichkeitsmuster. Beide haben ihre Daseinsberechtigung. Aber das rationale wird in der Arbeitswelt und auch in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen lieber gesehen, weil es vermeintlich weniger Probleme mit sich bringt. Um das zu kapieren, habe ich aber fast 30 Jahre gebraucht. Und deshalb tut es mir auch nicht weniger weh, wenn ich für meine Tränen belächelt oder bekopfschüttelt werde. Es hilft mir aber dabei, milde zu sein. Mit anderen, die mich nicht verstehen. Mit mir. Um den Bogen zum Buch zu schlagen: Erkenntnisse wie diese haben auch all die Autor*innen vonWe are proud to be Sensibelchen gehabt und in ihren Texten geteilt. Ausnahmslos alle fand ich sehr berührend und anregend.  

Einziger klitzekleiner Kritikpunkt, und nein, das kollidiert nicht mit der feministischen Ausrichtung meines Blogs: Unter elf Verfasser*innen befindet sich nur ein Mann. Was der zu berichten hat, ist wirklich spannend, und ich finde unbedingt, dass auch andere sensible Männer ihre Erfahrungen mit dem Aufwachsen und Leben mit einer sensiblen Seele teilen sollten. Denn ein gängiges Klischee unserer Gesellschaft lautet ja: Männer, die sensibel sind, sind Weicheier und bringen es zu nichts. Gefühle sind Frauen vorbehalten, aber bitte nicht zu doll, denn dann bezeichnet man sie als hysterisch.

Zu kurz kommt mir insgesamt auch der Aspekt, dass gesteigerte Sensibilität nicht bedeutet, dass man nur negative Gefühle intensiver wahrnimmt, sondern auch positive. Ich stelle, seitdem ich meine letzte depressive Episode überwunden habe, oft sehr verwundert fest, dass ich auch Freude, Aufregung und Liebe so intensiv spüre und lebe, dass mir das manchmal genauso zu viel wird wie die negative Gefühlspalette in all den Jahren zuvor. Als sensibler Mensch durchlebt man ALLES intensiver, und das ist oft anstrengend und es erfordert eine jahrelange Auseinandersetzung mit sich selbst, um einen guten Umgang damit zu finden, dass manchmal einfach alles zu viel ist und Kopf und Körper eine Pause von der Welt brauchen.

All in all kann ich aber nur sagen: lest We are proud to be Sensibelchen. Und zwar vor allem gerade dann, wenn ihr gar keine Sensibelchen seid. Vielleicht hilft es euch, sensible Mitmensch*innen besser zu verstehen und ihr schafft die Basis für ein schöneres Miteinander, statt immer nur voneinander genervt zu sein.

Und an alle Sensibelchen da draußen: wenn Menschen euch und eure Sensibilität nicht schätzen und es nicht mal versuchen wollen, get rid of ‚em!

We are proud to be Sensibelchen, herausgegeben von Anna Maria Schwarzberg, erschien 2018 im Selbstverlag.

HIER KANNST DU MIR EINE SPENDE FÜR ALL DIE GEFLÜCHTETEN IN CAMP MORIA AUF DER GRIECHISCHEN INSEL LESBOS ZUKOMMEN LASSEN. JEDE SPENDE WIRD AUSNAHMSLOS AN DIE ORGANISATION ÄRZTE OHNE GRENZEN WEITERGELEITET, DIE SICH DAFÜR EINSETZT, DEN MENSCHEN IN MORIA ALL DIE DRINGEND BENÖTIGTEN RESSOURCEN ZUKOMMEN ZU LASSEN, UM ANGESICHTS DER UNVORSTELLBAR SCHLIMMEN ZUSTÄNDE IM CAMP EINE KATASTROPHE AUFGRUND DES CORONAVIRUS ZU VERHINDERN UND DAS CAMP MÖGLICHST SCHNELL ZU EVAKUIEREN. ICH DANKE DIR FÜR DEINE HILFE!

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