Mut wird aus Angst geboren. Kathryn Stockett. The Help.

Jackson, Missisippi, USA, in den 1960er Jahren. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Diskriminierung zur Tagesordnung gehört – und die Ambivalenz des Umgangs mit den Schwarzen Haushälterinnen, die einen Großteil der weißen Haushalte schmeißen, niemandem aufzufallen scheint.

Die 23-jährige Eugenia, von allen außer ihrer Mutter Skeeter genannt, ist eine junge Frau, die davon träumt, Journalistin zu werden. Gerade von der Universität heimgekehrt, gibt es für sie, anders als für ihre Freundinnen, die allesamt bereits verheiratet und mit der Familiengründung beschäftigt sind, nichts Wichtigeres als die eigene Karriere. Leider besteht ihr aktueller Job daraus, eine Haushaltskolumne in der örtlichen Tageszeitung zu verfassen, wovon Skeeter so wenig Ahnung hat, dass sie regelmäßig die Haushälterin Aibileen, die für ihre Freundin Miss Leefolt arbeitet, um Rat fragen muss. Darüber hinaus verfügt Skeeter über keinerlei vorzeigbare journalistische Erfahrungen, und als sie sich in einem Anflug jugendlichen Übermuts bei einem New Yorker Verlag bewirbt, holt sie die Antwort der Verlegerin Elaine Stein schnell zurück auf den Boden der Tatsachen. Dennoch: eine vage, klitzekleine Chance stellt Stein ihr in Aussicht, wenn Skeeter ihr bis zum Ende des Jahres ein Manuskript vorlegt, in dem sie über etwas schreibt, das sie wirklich interessiert. Skeeter muss eigentlich nicht lange überlegen, was das für ein Thema sein könnte. Schon lange fühlt sie sich unwohl, wenn sie ihre Freundinnen dabei beobachtet, wie sie mit ihren Haushälterinnen umgehen. Aibileen etwa muss seit einiger Zeit ein extra für sie erbautes Plumpsklo in der Garage benutzen und Miss Leefolt wird nicht müde, lautstark zu verkünden, dass People of Color alle möglichen Krankheiten übertragen – auch in Anwesenheit ihrer Haushälterin. Schon vor einiger Zeit unternahm Skeeter einen zögerlichen Versuch, Aibileen auf diesen Vorfall anzusprechen, hatte dann aber doch nicht den Mut dazu, vor den sowieso immer misstrauischen Augen ihrer Freundin mit deren Haushälterin zu sprechen. Umtrieben von der Idee, die Diskriminierung und die Ungerechtigkeit sichtbar zu machen, denen die Haushälterinnen täglich ausgesetzt sind, reift in Skeeter langsam aber sicher eine fixe Idee heran. Sie möchte ein Buch schreiben, voll mit Interviews, in denen die Haushälterinnen ihrer Stadt davon berichten, wie es ist, weiße Kinder großzuziehen und für deren Eltern zu arbeiten.  Einfach wird das natürlich nicht. Die New Yorker Verlegerin zeigt sich verhalten interessiert an der Idee, erteilt ihr aber die Auflage, dass sie mindestens ein Dutzend Haushälterinnen interviewen muss. Lange sieht es so aus, als würde sich nicht einmal eine einzige Frau finden, die bereit ist, mit Skeeter zu sprechen. Die Frauen haben zu große Angst davor, entdeckt zu werden. Nicht weniger als ihr Leben steht auf dem Spiel, wenn die weißen Familien, für die sie arbeiten, herausfinden, was sie alles über sie erzählen. Schließlich willigt doch eine ein, mit Skeeter zu sprechen. Aibileen. Einmal zu oft hat Miss Leefolt sich direkt vor ihrer Nase darüber ausgelassen, wie unsauber ihr Hausmädchen sei. Einmal zu oft hat Aibileen Tränen eines von seiner Mutter verschmähten Kindes getrocknet, das nicht ihr eigenes ist. Ihr eigener Sohn starb einige Jahre zuvor, nachdem er angefahren und nicht schnell genug behandelt werden konnte, da Schwarzen der Zugang zu den Krankenhäusern der Weißen verwehrt wird. Aibileen erzählt Skeeter also ihre Geschichte – zögerlich, immer in dem Bewusstsein, welches Risiko sie damit eingeht. Die zweite, die sich ihr öffnet, ist Minny. Sie ist noch skeptischer als Aibileen – aber auch noch viel wütender auf die Weißen, die sie meistens behandeln wie einen Fußabtreter. Erst kürzlich hat sie ihre 19. Anstellung verloren, bei Miss Hilly, eine von Skeeters engsten Freundinnen. Allmählich wird allen klar, wie heikel die Situation für beide Seiten ist. Für die Haushälterinnen, weil sie ihre Jobs, das Auskommen ihrer Familien und sogar ihr Leben riskieren, und für Skeeter, weil sie damit in gewisser Weise ihre Freunde und das Gesellschaftssystem, in dem sie lebt, hintergeht. Noch dazu datet sie seit kurzem den Sohn eines Senators, der für seine Rassenpolitik bekannt ist. Doch aufgeben kommt nicht in Frage. Für keine der Frauen. Es bleibt dennoch das Problem, dass sich bislang außer Aibileen und Minny keine Freiwilligen für die Interviews gemeldet haben. Als in der Nachbarschaft der beiden Haushälterinnen ein junger Mann von seinen Arbeitgebern blind geprügelt wird, weil er deren Toilette benutzte, ändert sich die Einstellung der Frauen jedoch. Aus Angst wird Wut. Die ungerecht Behandelten erheben ihre Stimmen. Skeeter schreibt das Buch. Und tritt damit etwas los, das so groß ist, dass es zugleich wunderbar und furchteinflößend ist. Sie bringt Hilly gegen sich auf, und plötzlich wird Skeeter selbst zu einer Verstoßenen. Gleichzeitig erwacht in den Haushälterinnen ein ganz neues Selbstbewusstsein und das Gefühl, vielleicht doch etwas verändern zu können.

Aus drei Perspektiven erzählt uns The Help die Geschichte der Frauen in Jackson, die jeden Tag Seite an Seite verbringen und doch in völlig verschiedenen Welten leben. Dabei sind die Erzählstimmen weder moralisierend noch klischeebeladen. Alle drei haben ihre Geheimnisse, eine Vergangenheit, die sie umtreibt und Gedanken, die sie nicht auszusprechen wagen. Neben Miss Skeeter folgen wir auch den Haushälterinnen Aibileen und Minny durch die Kapitel, letztere erfreut das Leser*innenherz besonders durch ihre große Klappe, die sie schon einige Jobs gekostet hat. Und dann sind da noch zahlreiche weitere Frauenfiguren, die oberflächlich betrachtet einfach einzuteilen wären in die Kategorien „weiße Arbeitgeberin“ und „Schwarze Haushälterin“, die aber im Verlauf der Handlung tiefliegendere Konflikte offenbaren: es geht um den gesellschaftlichen Druck der 1960er Jahre auf junge Frauen, zu heiraten und Kinder zu bekommen und die still zu ertragenden seelischen Auswirkungen, wenn der eigene Körper nicht fähig scheint, eine Schwangerschaft intakt zu halten. Es geht um die Ambivalenz, mit der die Haushälterinnen Tag für Tag leben müssen – einerseits werden die Kinder ihrer Arbeitgeberinnen regelrecht an sie abgeschoben, eine tiefe, liebevolle Beziehung entsteht zu den Kleinen, andererseits dürfen sie nicht mal dieselbe Toilette benutzen wie die Familien, für die sie arbeiten. Und wenn die Kinder erwachsen sind, behandeln sie ihre Angestellten genauso, wie ihre Eltern es taten. Die weißen Frauen wiederum leiden mitunter still an der fehlenden Bindung zu ihren Kindern und haben oft keine richtigen Aufgaben zuhause. Aus Langeweile entstehen solche Aktionen wie die von Miss Hilly, die spenden sammelt für die armen, verhungernden Kinder in Afrika, aber das Leid der People of Color ignoriert, mit denen sie quasi zusammenlebt, und sogar ihrer eigenen Haushälterin ein Darlehen verweigert, mit dem diese ihre Söhne auf die Universität schicken wollte. Die Ironie dahinter scheint niemandem aufzufallen. Es geht auch um häusliche Gewalt, die die meisten Frauen in dieser Zeit still ertragen haben, und die vor allem für die Haushälterinnen oft eine zusätzliche Belastung darstellten: wenn sie darüber sprachen, kostete es sie mitunter nicht nur den Job, sondern auch die Reputation. Die Macht des weißen Mannes war in den 1960er Jahren noch gänzlich ungebrochen. Es geht um die Rassenpolitik in Amerika, um willkürliche Gewalt gegen People of Color und die ausbleibende Konsequenz und den umgekehrt in erbarmungsloser Schwere herabsausenden Hammer der Justiz für kleinste Vergehen einer Person of Color.

The Help setzt historisch bei Martin Luther Kings Civil Rights Movement und der Ermordung John F. Kennedys an. Über Fernseher, die im Hintergrund laufen, bekommen wir, ebenso wie die Protagonistinnen, ausschnittweise mit, dass die People of Color Amerikas gegen die Unterdrückung und für ihre Bürger- und Menschenrechte auf die Straßen gehen. Die politischen Hintergründe bleiben zwar leider wirklich nur Hintergründe im Roman, dennoch ist er der sichtbar gemachte Prozess des Umdenkens, sowohl der so lange so unfassbar ungerecht behandelten People of Color, die sich aus den ihnen durch die Kolonoialzeit auferlegten Fesseln befreien wollen, als auch der Weißen, die immer mehr die Gesetze und ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens Schwarzer und Weißer hinterfragen und gar kritisieren. Schmerzlich wird Skeeter dabei bewusst, dass sie selbst fast ihr gesamtes bisheriges Leben in diesen Strukturen gelebt hat, mit Haushälterinnen, die sie erzogen und bedienten, und die sie für selbstverständlich betrachtet hat. Ihr eigenes Kindermädchen und enge Bezugsperson Constantine ist spurlos verschwunden, als sie von der Universität nach Hause kommt. Den ganzen Roman über versucht sie, herauszufinden, war ihr zugestoßen ist. Doch alle, vor allem ihre eigene Mutter, legen einen Mantel des Schweigens über das Ereignis.

Aufgrund meiner Tätigkeit als Mentorin für Schreibkurse achte ich derzeit noch mal mehr auf die Figurenkonstruktionen. Der Roman ist ein gutes Beispiel für Autor*innen, die sich damit beschäftigen wollen. Jede Erzählperspektive bedient sich anderer sprachlicher Eigenheiten und bleibt streng im jeweiligen Wissens- und Erlebnishorizont der Figuren. Eine Sache, die mir oft auffällt, ist nämlich die, dass in Texten gern mal nicht von den Figuren ausgehend gedacht wird, dass sie mehr wissen, als sie eigentlich wissen können, was diese schnell unauthentisch und konstruiert wirken lässt. Die Figurenperspektive einzuhalten ist eine der wichtigsten Grundregeln des Schreibens. Skeeter zum Beispiel raucht, und sie betont mehrmals im Text, dass es ja nicht schädlich wäre, wischt die gerade aufgekommenen Warnungen vor den Risiken des Rauchens, die manchmal im Radio gesendet werden, lachend beiseite. Wir alle wissen natürlich, wie schädlich rauchen ist, aber die Figur, die in den 1960er Jahren lebt, weiß es nicht, und darum geht es bei der authentischen Darstellung ihrer Figur.

Sehr empfehlen kann ich euch auch hier die Verfilmung von 2011, die der literarischen Vorlage in nichts nachsteht. Und da ich finde, dass man Fakten zu den Umständen der Entstehung eines Buches und seiner Rezeption nicht ignorieren sollte, sei hier noch kurz erwähnt, dass die Autorin nach Erscheinen des Romans von der ehemaligen Haushälterin ihres Bruders verklagt wurde, weil sie deren Lebensgeschichte ohne ihre Zustimmung im Roman verarbeitet haben soll. Die Autorin stritt das ab, die Klage wurde vom Gericht abgewiesen. Welche der beiden Frauen im Recht ist, vermag natürlich niemand von uns zu sagen. Ich finde aber, allein die Möglichkeit, dass die Haushälterin die Wahrheit sagt, vor dem Hintergrund des Themas und der Kernaussage des Romans etwas zermürbend. Oh, diese Doppelmoral, mit der Menschen manchmal leben.

Noch eine Erläuterung zu den in diesem Text verwendeten Begriffen. Es ist manchmal gar nicht so einfach, über Bücher wie dieses zu schreiben, wenn man Wert darauf legt, Worte zu verwenden, die niemanden diskriminieren und verletzen. Ich bemühe mich in meinen Texten immer sehr darum, die richtigen Begriffe zu wählen und möchte auch euch dazu aufrufen, Worte wie „Farbige“ oder „Dunkelhäutige“ aus eurem Sprachgebrauch zu streichen. Es handelt sich hierbei um Begriffe aus der Kolonialzeit, die zu 100% negativ konnotiert sind und IMMER mit Sklaverei und Rassismus in Verbindung stehen werden. Sie haben in unserer Sprache nichts zu suchen! Hier spreche ich stattdessen von „People of Color/Person of Color“, „Schwarz“ und „weiß“. Bei der Wahl der Begriffe stütze ich mich auf aktuelle diskriminierungssensible Sprache, wie sie beispielsweise im Glossar von Amnesty International nachzulesen ist, nach dem die Bezeichnungen „Schwarz“ und „People/Person of Color“ Selbstbezeichnungen von Menschen mit Rassismuserfahrungen sind. Das Wort „Schwarz“ wird großgeschrieben und beschreibt dabei ausdrücklich nicht die Hautfarbe der Menschen, sondern ein konstruiertes Zuordnungsmuster, das auf der gemeinsamen Rassismuserfahrung basiert. Ebenso verwende ich auch „weiß“ nicht mit Verweis auf die Hautfarbe, sondern auf die politische und soziale Konstruktion und das privilegierte Selbstbildnis, das dahintersteht.

Kathryn Stockett. The Help erschien 2009 bei Penguin Books. Die deutsche Übersetzung erfolgte durch Cornelia Holfelder-von der Tann und wurde 2011 unter dem Titel Gute Geister bei btb veröffentlicht.

HIER KANNST DU MIR EINE SPENDE FÜR ALL DIE GEFLÜCHTETEN IN CAMP MORIA AUF DER GRIECHISCHEN INSEL LESBOS ZUKOMMEN LASSEN. JEDE SPENDE WIRD AUSNAHMSLOS AN DIE ORGANISATION ÄRZTE OHNE GRENZEN WEITERGELEITET, DIE SICH DAFÜR EINSETZT, DEN MENSCHEN IN MORIA ALL DIE DRINGEND BENÖTIGTEN RESSOURCEN ZUKOMMEN ZU LASSEN, UM ANGESICHTS DER UNVORSTELLBAR SCHLIMMEN ZUSTÄNDE IM CAMP EINE KATASTROPHE AUFGRUND DES CORONAVIRUS ZU VERHINDERN UND DAS CAMP MÖGLICHST SCHNELL ZU EVAKUIEREN. ICH DANKE DIR FÜR DEINE HILFE!

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