Welcome to Brontë Country. Isabel Greenberg. Glass Town

Haworth in West Yorkshire ist wahrlich ein englisches Städtchen, wie man es sich nicht schöner ausdenken könnte: grobe Pflastersteinstraßen winden sich den Berg hinauf, die dicht beieinander stehenden georgianischen Sandsteinhäuschen beherbergen kleine Läden und einen Pub und hinter der St. Patrick’s and All Angel’s Church ragen jahrhundertealte Grabsteine aus der Erde. Haworth, das man übrigens wunderbar mit einem waschechten Harry-Potter-Steamtrain erreichen kann, ist berühmt fürs Geschichtenerzählen: gleich hinter dem Friedhof steht ein großes Pfarrhaus, das ehemalige Wohnhaus der Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne (übrigens, weil ich immer wieder feststelle, dass allerlei kuriose Aussprachevarianten des Nachnamens kursieren: Brontë spricht man „Bronti“ aus). Heute ist es ein Museum der Brontë-Society, die das Leben und Schaffen der Brontë-Familie liebevoll für alle Literaturinteressierten aufbereitet und zugänglich gemacht hat. Haworth und die umliegende Landschaft werden heute „Brontë Country“ genannt.

Die Familie bezog das Haus im Jahr 1820, als Papa Brontë die Pfarrersstelle in Haworth übernahm. Nebenbei schrieb und veröffentlichte Patrick Brontë Bücher. Seine Kinder wuchsen also schon mit literarischen Vorbildern auf und wurden daher in ihren eigenen schriftstellerischen Bestrebungen gefördert. Die wunderschöne Umgebung, vor allem das Moorland, fand Eingang in viele ihrer Geschichten. Über die Jahre hinweg erlitt die Familie einige Schicksalsschläge: erst starb die Mutter, später die zwei Schwestern Maria und Elizabeth. Patrick Brontë sollte seine gesamte Familie überleben. Der einzige Sohn, Branwell, verfiel dem Alkohol und dem Opium und starb mit 31 Jahren an Tuberkulose. Auch Emily und Anne überlebten ihre Tuberkulose-Infektionen nicht. Sie starben mit 30 und mit 29 Jahren. Charlotte starb mit 39 Jahren, sie war da gerade schwanger. Es ist eine traurige Familiengeschichte, wenn man sie anhand ihrer viel zu frühen Tode bemisst. Was die Brontë-Kinder allerdings während ihren kurzen Lebenszeiten geschaffen haben, ist ein kleiner Trost für die Nachwelt. Die heute berühmtesten Bücher der Brontës sind wohl Jane Eyre, Wuthering Heights und Agnes Grey. Zunächst wurden ihre Bücher unter männlichen Pseudonymen publiziert, da es nicht üblich war, dass Frauen schrieben. Die Pseudonyme wurden jedoch noch zu ihren Lebzeiten aufgelöst, sodass sie die wohlverdienten Lorbeeren noch mitbekamen.

Schon als Kinder ersonnen die Geschwister zusammen Geschichten und Gedichte, die in den Phantasiewelten Angria und Gondal angesiedelt waren. Der größte Teil dieser frühen Werke ist leider nicht mehr erhalten. Isabel Greenbergs Graphic Novel Glass Town ist ein Ansatz, die imaginäre Welt der Brontës mit ihren eigenen künstlerischen Mitteln zu rekonstruieren. Sie vermischt biografische Fakten mit Fiktion und schickt die Kinder Branwell, Anne, Charlotte und Emily auf eine Reise nach Glass Town, eine Welt, in der es von Charakteren wimmelt, die sich die Brontë-Geschwister ausdachten, die aber als Konstrukt an sich von der Autorin der Graphic Novel stammt. Das Buch ist eine Hommage an die bekanntesten literarischen Geschwister der englischen Geschichte, und strotzt nur so vor liebevollen Details. Greenberges Zeichenstil ist gleichzeitig düster und verspielt, genauso wie die darin erzählten Geschichten.

Das Buch besteht aus mehreren Realitäts- und Fiktionsebenen, deren Grenzen zunehmend verschwimmen. Da ist die Ebene der Kinder, die tatsächliche Ereignisse verarbeitet, die Ebene der jeweiligen Geschichten rund um Glass Town und eine weitere Ebene, auf der die inzwischen erwachsene Charlotte, die Lehrerin geworden ist und versucht, sich von ihrer imaginären Welt abzugrenzen und sich auf ihr Erwachsenenleben zu konzentrieren, plötzlich Besuch von den Figuren aus Glass Town bekommt, die versuchen, sie für immer ins Land der Fiktion zu locken. Die Handlungsebene der Kindheit setzt zu dem Zeitpunkt ein, als aus den sechs Geschwistern innerhalb kurzer Zeit durch die tragischen Tode der ältesten Schwestern vier werden. Die Kinder beschließen, von nun an gegenseitig aufeinander aufzupassen. Sie werden nicht mehr in die internat-artige Schule zurückkehren, die sie bisher zusammen besuchten, sondern zuhause in Haworth bei ihrem Vater und der Tante bleiben, die seit dem Tod der Mutter nach den Kindern sieht. Als der von Trauer überschattete, schicksalsschwere Sommer in den Herbst übergeht, verbringen die Geschwister ihre Tage damit, durchs umliegende Moor zu streifen und sich zuhause auf die üppige Bibliothek des Vaters zu stürzen. Alle vier sind versessen auf Geschichten und mit einer regen Vorstellungskraft gesegnet. Schon bald versinken sie völlig in ihren selbst erfundenen Geschichten. Der historisch überlieferte Fakt, dass Vater Brontë seinen Kindern ein Spielzeugsoldaten-Set mitbrachte, das dann sofort ein Teil ihrer Geschichten wurde, fand ebenso Eingang in die Graphic Novel wie das restliche Personal, das zum großen Teil auf die tatsächlichen Charaktere ausgelegt ist, die sich die Geschwister zusammen ausdachten.

Da ist beispielsweise Zarmona, der stadtbekannte Dichter, dem die Frauen zu Füßen liegen und der seine Berühmtheit ausnutzt, um neben seiner Verlobten Mary Percy noch weitere Affären laufen zu haben. Mary wiederum wurde von ihrem eigenen Vater regelrecht an Zarmona übergeben, der damit seinen ganz eigenen Racheplan verfolgt, der auf eine alte Fehde zwischen den beiden zurückgeht. Dann gibt es da noch Lady Zenobia, die Vorsitzende der „Glass Town Blue Stocking Society“, einer Gruppe, die sich für die weibliche Emanzipation einsetzt, die aber selbst Zarmonas Bezirzungen auf den Leim geht. Und Quashia, der dem unterdrückten Volk der Ashantee angehört. Die Brontë-Geschwister haben hier auf eine sehr spielerische, leichtfüßige und stellenweise witzige Weise allerhand politische Themen aufgegriffen, wie die Ungleichbehandlung von People of Color in der englischen Gesellschaft und die Stellung der Frauen in ebendieser, was ich für die Mitte des 19. Jahrhunderts, noch dazu von Kindern, sehr bemerkenswert finde. 

Glass Town ist das beste Beispiel dafür, welch Potenzial für neue Arten des Erzählens in Graphic Novels steckt. Da dieses Genre noch so neuartig ist, ist es auch wahnsinnig experimentell und bedient thematisch Nischen, die man so in der Belletristik wohl nicht finden wird. Man muss nicht unbedingt Bücher der Brontës gelesen haben, bevor man zur Graphic Novel greift. Aber für Literaturfans ist es natürlich noch mal umso aufregender, ein Stück weit in die Abenteuer einzutauchen, in denen bereits manche Figur aus den späteren berühmten Werken heranreift.

Für mich war es eine doppelt schöne Lektüre, denn ich habe das Brontë-Haus in Haworth vor gar nicht allzu langer Zeit erst besucht. Falls ihr mal Urlaub in Yorkshire macht: Es sollte definitiv auf eurer Aktivitäten-Liste stehen! Bis dahin könnt ihr aber erstmal in Isabel Greenbergs Graphic Novel eintauchen.

Isabel Greenberg. Glass Town: The Imaginary World of the Brontës erschien 2020 bei Harry N. Abrams

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2 Kommentare

  1. Mit den Brontës habe ich bisher tatsächlich noch keine eigenen Erfahrungen gemacht, wird wohl langsam mal Zeit. Allerdings hat mich die Vorstellung dieser GN an ein anderes Buch erinnert, in dem ebenfalls mit dem erschaffenen Glasstown gespielt wird, nämlich The Glass Town Game von Catherynne M. Valente. Sagt dir das was? Quasi ein Kinderbuch, das die Brontës tatsächlich in ihre imaginäre Welt reisen lässt.

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    • Oh, davon hab ich noch nie was gehört, aber ich schaue es mir gleich mal an. Das klingt ja sehr danach, als wäre es etwas für mich. 🙂 Ich hab bei den Brontës auch noch Aufholbedarf – bis jetzt kenne ich nur Sturmhöhe und Jane Eyre. Agnes Grey steht aber für demnächst schon auf der Liste.

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