Generation Burn Out? Bianca Jankovska. Das Millennial-Manifest.

Es ist leider nicht der Kopfstand in Unterwäsche, der dich so entspannt und glücklich macht, lieber Yoga-Lehrer und liebe Surflehrerin in spe, sondern der Mangel an Konflikt in deinem privaten und persönlichen Umfeld, der sich nicht wegatmen lässt. Ich würde wirklich gerne wissen, ob Yoga auch gegen Armut, Gewalt in der Familie, Krankheiten, bevorstehende Operationen, Tod der Eltern, Kündigung, Rentenrückzahlungen, Versicherungsschäden und Alkoholprobleme hilft […].

Wer oder was sind eigentlich diese „Millennials“, von denen immer alle reden? Und wofür brauchen sie ihr eigenes Manifest? Beginnen wir mit einer Begriffsklärung.

Millennials (Oder auch Generation Y) – darunter werden die Kinder der 80er und 90er Jahre zusammengefasst, die unter einem stark anziehenden Leistungsdruck aufwuchsen, um den Veränderungen, die um die Jahrtausendwende sowohl gesellschaftlich als auch auf Seiten der Technologie vor sich gingen, gerecht werden zu können. Durch diese wuchsen zwar ihre Möglichkeiten enorm und es eröffneten sich ihnen völlig neue Felder der modernen Arbeitswelt, doch es scheint fast, als hätten sie dafür auch einen hohen Preis zu zahlen gehabt – noch besser sein, noch schlauer sein, noch erfahrener sein, noch bereiter, seine Seele dem Teufel (auch bekannt als Kapitalismus) zu verkaufen. Leider hat man völlig vergessen, sie zu fragen, ob sie das überhaupt wollen. Und auch, ihnen beizubringen, diese neuen Strukturen und Anforderungen an sie zu hinterfragen. Diese Fähigkeit haben sie sich im Laufe der letzten 20 Jahre mühsam selbst angeeignet. Und ich wage zu bezweifeln, dass ihre zahlreichen Praktika etwas damit zu tun haben. Das wiederum führt zum nächsten wichtigen Stichwort: unbezahlte Praktika, für die man auch noch dankbar sein soll, wurden für die Millennials zum Pflichtprogramm. Ohne Praktika (eins reicht niemals aus!) kein schlechtbezahlter Job. Offiziell sollten die Praktika auf Inhalte und Strukturen des jeweiligen Berufsfeldes vorbereiten, inoffiziell dienten sie aber dazu, den Firmen billige Kaffeekoch- und Kopierkräfte bereitzustellen. Das gängige Praktikantenklischée war für sehr viele Praktikant*innen leider die traurige, 6-8-wöchige Realität. Was man von der Praktikumsstelle außerdem noch mitgegeben bekam: das Bewusstsein darüber, dass ständige Verfügbarkeit und das Leben mit dem Leistungsdruck ein fester Bestandteil der Arbeitswelt sind, und ein Praktikumszeugnis voller Standardfloskeln. Auf der anderen Seite lernten die Millennials, in einem Zustand ständiger Ambivalenz zu leben. Mit einer beschissenen Work-life-Balance auf der einen und einem schöngefilterten Online-Leben auf der anderen Seite, mit dem man hoffentlich alle Bekannten und Freunde aus dem „Real life“ neidisch macht und den Eindruck heraufbeschwört, man hätte die magische Formel gefunden, mit deren Hilfe man sich vom traurigen Arbeitnehmer*innenleben nicht mehr runterziehen lässt. Der immerwährende Schwanzvergleich mit Menschen, die man zum Großteil nicht mal persönlich kennt, hat sich fest im Leben der Millennials verankert. Weitere Merkmale eines Original-Millennials: zwischenmenschliche Beziehungen werden online arrangiert, vorwiegend auf dem Handy geführt und online beendet. Die Millennials sind eine Generation, die sich immer wieder selbstoptimierende Aufgaben auferlegen, nur um immer wieder an diesen zu scheitern. Nicht zuletzt sind sie die Generation, die eine Massenkrankheit namens „Burn Out“ hervorgebracht hat. Um hier aber auch mal etwas Positives zu sagen: Die Millennials sind die erste Generation, die offen über ihre (psychischen) Probleme und über ihre Überforderung spricht und sich damit selbst auf den Weg der Heilung bringt.

Eine von denen, die nicht wie ihre Elterngeneration schweigen, aus Angst vor dem Verlust des eigenen Gesichts und der Sympathie von Familie und Freunden, ist Bianca Jankovska. Einigen aus der Generation der Millennials ist sie sicher auch unter ihrem Künstlernamen Groschenphilosophin bekannt, unter dem sie bereits vor der Veröffentlichung ihres Buches Texte schrieb. In ihrem Manifest spricht Jankovska eben über jene Schwierigkeiten ihrer Generation in Beziehungen und dem Arbeitsleben, die ich oben grob zusammengefasst habe. Außerdem sind meine Zuschreibungen stark pauschalisiert. Ich gehöre selbst zur Generation der Millennials und habe lange Zeit geglaubt, es ginge ALLEN anderen ganz genau so, wie ich es empfinde. Aber nicht zuletzt durch Jankovskas Buch, in dem sie ebenfalls stark pauschalisiert, habe ich das Ganze dann doch mal hinterfragt.

Gut an ihrem Buch gefallen hat mir die Sprachgewandtheit, mit der die Autorin sehr lockerflockig, witzig, ironisch und frotzelig die Finger auf die Stellen legt, die sie schmerzen. Manchmal hatte ich dabei aber das Gefühl, dass sie zu sehr in ihrer eigenen Blase steckt, um wirklich im Namen ihrer ganzen Generation sprechen zu können. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in einer ähnlichen Branche hatte ich den Impuls, die Dinge, die sie über die Arbeitsbedingungen in der Medienbranche schreibt, zu unterschreiben: unterirdisch oder gar nicht bezahlte Praktika, (Selbst-)Ausbeutung im vermeintlichen Traumjob, leere Versprechungen der Arbeitgeber*innen, Arbeiten weit über die vertraglich vereinbarten Stundenzahlen hinaus. Allerdings habe ich mich dann in meinem Bekanntenkreis umgeschaut und festgestellt, dass man das nicht so verallgemeinern kann und die Autorin hier einen Großteil ihrer Mit-Millennials ausklammert, die in anderen Branchen arbeiten und die sich vielleicht gar nicht mit katastrophalen Löhnen und fehlender Work-life-Balance herumschlagen. Auch ihre Sicht auf die Beziehungsgeflechte unserer Generation ist sehr eindimensional. Meiner Meinung nach besteht die Generation der Millennials mitnichten nur aus Singles, die immer wieder daran scheitern, auf Tinder den Partner oder die Partnerin fürs Leben zu finden. Die Bandbreite ist so viel größer. Ich persönlich kenne mehr als genug Gleichaltrige, die mit Mitte 20 bereits Eltern und/oder verheiratet sind, als dass diese als Sonderfälle abgetan werden könnten. Auch driftet Jankovska hier und da ziemlich in die Schwarz-/Weißmalerei ab, indem sie andere Lebensmodelle als ihr eigenes abwertet. Nicht jede Frau, die eine Langzeitbeziehung führt, ist automatisch unemanzipiert.

An einigen Stellen stellt Jankovska meiner Meinung nach ganz richtig heraus, an was unsere Generation krankt und woran wir dringend arbeiten sollten: Mehr Selbstwert, weniger Social Media. Das ist auf jeden Fall etwas, das die Millennials eint: Die ständige Anwesenheit der Anderen, die komplett verschwimmenden Grenzen zwischen Privatleben und Beruf und Öffentlichkeit, die sich nicht nur im Arbeitsverhalten, sondern in vielen Lebensbereichen der Millennials widerspiegeln. Im Nachhinein ist es verdammt schwer, diese Grenzen wieder zu errichten. Denn viele von uns werden ständig umtrieben von der Angst, nichts mehr zu gelten, wenn wir von den digitalen Bildflächen verschwinden. Die Anerkennung und Bewunderung, die uns im Alltag oft fehlt, sind wir gewohnt, online sehr schnell erlangen zu können. Jankovska berichtet außerdem vom Druck, möglichst viel Selbstoptimierung und Selbsterkenntnis betreiben zu müssen, weil den anderen das ja scheinbar auch immer so leicht gelingt. Sie findet: Wir müssen wieder anfangen, Dinge zu tun, weil wir sie wirklich tun möchten. Nicht, um anderen zu gefallen. Nicht, um dem kollektiven Druck nachzugeben. Das mag für manch eine*n easy klingen. Die Millennials allerdings wissen, dass es das nicht ist.

Jankovksas Buch trifft an vielen Stellen einen Nerv. Ironie und Zynismus sind Teil ihrer Autorinnenstimme, jedoch auch schwierig, weil diese Art von Humor immer auch Distanz erzeugt. Und gerade bei Themen wie diesen finde ich es wichtig, ganz nah beieinander zu sein, um über Lösungsmöglichkeiten nachdenken zu können. Die kommen mir in ihrem Buch ganz generell zu kurz – was sicher auch an der angesprochenen Eindimensionalität ihrer Sichtweise liegt. Ich persönlich sehe wenig Mehrwert darin, sich über das eigene Leben zu beklagen, ohne meinen Leser*innen etwas an die Hand zu geben, wie man sich aus der Situation befreien könnte. Aber vielleicht ist das eben auch ein weiteres Beispiel für uns Millennials. Wir sind durchaus dazu in der Lage, uns selbst zu helfen. Aber es braucht eben eine ganze Weile, bis wir aus den tausend Möglichkeiten, die wir dazu hätten, die für uns richtige zu finden.

Bianca Jankovska. Das Millennial-Manifest erschien 2018 im Rowohlt Verlag.

Ich danke dem Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

HIER KANNST DU MIR EINE SPENDE FÜR ALL DIE GEFLÜCHTETEN IN CAMP MORIA AUF DER GRIECHISCHEN INSEL LESBOS ZUKOMMEN LASSEN. JEDE SPENDE WIRD AUSNAHMSLOS AN DIE ORGANISATION ÄRZTE OHNE GRENZEN WEITERGELEITET, DIE SICH DAFÜR EINSETZT, DEN MENSCHEN IN MORIA ALL DIE DRINGEND BENÖTIGTEN RESSOURCEN ZUKOMMEN ZU LASSEN, UM ANGESICHTS DER UNVORSTELLBAR SCHLIMMEN ZUSTÄNDE IM CAMP EINE KATASTROPHE AUFGRUND DES CORONAVIRUS ZU VERHINDERN UND DAS CAMP MÖGLICHST SCHNELL ZU EVAKUIEREN. ICH DANKE DIR FÜR DEINE HILFE!

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