Vom Menschlich-Sein. Michelle Obama. Becoming

Vom Hunde zerfetzt: Auch Gadsby zeigte großes Interesse an Michelle Obamas Biografie.

Authentisch, nahbar, charismatisch – drei Worte, die im Zusammenhang mit den Obamas immer wieder fallen. Michelle Obama bestätigt diesen Eindruck ihrer Biografie Becoming – gibt aber auch Einblicke in schwierige und düstere Kapitel ihres Lebens.

Von 2009 bis 2017 war Michelle Obama, die 1964 als Michelle Robinson geboren wurde, die wohl bekannteste Ehefrau der Welt. Die First Lady, Frau des damaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Wie ist das wohl, wenn man plötzlich so in der Öffentlichkeit steht und aufpassen muss, was man wann zu wem sagt? Wenn Journalisten in der eigenen Vergangenheit wühlen, um möglichst etwas zu finden, mit dem sich gut Schlagzeilen machen lassen? Wenn man als erste Person of Color ein Amt innehat, dessen Verantwortung nicht nur auf den Schultern des Ehemanns liegt, sondern auch auf den eigenen? Wie ist das wohl, den Ehemann mit der ganzen Welt teilen und die eigene Familie vor der ganzen Welt schützen zu müssen? Und wie ist das wohl, immer irgendwie nur die Ehefrau des mächtigsten Mannes der Welt zu sein, obwohl man sich selbst den Weg auf der eigenen Karriereleiter hart hinaufgekämpft hat?

Eins vorweg: Michelle Obamas Biografie ist in Zusammenarbeit mit einem Ghostwriter-Team entstanden. Das sind Menschen, die Bücher oder auch Facharbeiten für andere schreiben, meistens soll das Ganze geheim bleiben. Bei Biografien berühmter Leute ist es aber eine normale Praxis, dass sie den Schreibprozess in die Hände erfahrener Autor*innen legen. Nicht jede*r Sänger*in, Politiker*in oder Schauspieler*in kann schreiben. Mir persönlich ist es immer wichtig, dass eine Biografie von der Person, um die es geht, autorisiert wurde. Das bedeutet dann nämlich, dass die darin enthaltenen Informationen von ihr geprüft und freigegeben wurden, im besten Fall war sie am Entstehungsprozess direkt beteiligt, wie im Falle Michelle Obamas. Je berühmter und kontroverser eine Person des öffentlichen Lebens ist, desto mehr unautorisierte Biografien über sie tummeln sich auf dem Buchmarkt – es ist also Vorsicht bei der Wahl der Lektüre geboten.

Weiterhin muss man sich bei einem Buch dieser Art natürlich auch fragen, inwiefern es dazu geschrieben wurde, um Personen in einem bestimmten Licht darzustellen. Vor allem bei Ich-Perspektiven geht der objektive Blick naturgemäß schnell verloren. Was mir an Michelle Obamas Biografie gut gefallen hat, ist ihr Vermögen, sich selbst kritisch zu betrachten und aus der Distanz heraus zu reflektieren.

Ich kann es nicht anders sagen: Michelle Obama hat mich sehr beeindruckt und inspiriert. Vor allem die Offenheit, mit der sie ihre Leser*innen durch ihre Vergangenheit führt, finde ich bemerkenswert. Denn wer offen über seine Schwächen spricht, macht sich verletzlich. Und wer so stark in der Öffentlichkeit steht, wie sie, muss eine starke Persönlichkeit und großen Mut besitzen, um sich so offen verletzlich zu zeigen. Obama beginnt ihre Geschichte mit einer kleinen Anekdote nach dem Auszug aus dem Weißen Haus am Ende der Amtszeit Barack Obamas. Durch die Abendstille des Hauses wandernd, in dem die Familie jetzt lebt, zeigt sie den Kontrast zum Leben im Weißen Haus auf, der größer nicht sein könnte. Das Aufatmen spricht aus jedem ihrer Worte: endlich fällt die Last von ihr ab, rund um die Uhr bewacht zu werden und ein Leben zu führen, in dem man sich zwar um Normalität bemüht, das aber ganz und gar nicht normal ist. So intensiv die Zeit als First Lady war, so sehr sie es geliebt hat, sich mit und für Menschen einzusetzen – so sehr freut sie sich auf die neue Zukunft, in der sie nicht mehr die berühmteste Frau im Land sein wird. 

Das Buch besteht aus drei Teilen: Becoming Me – Becoming Us – Becoming more. Im ersten Teil erzählt Obama von ihrer Kindheit und Jugend im Süden Chicagos, die sie in einfachen, aber sehr herzlichen Verhältnissen verbrachte. Die Beziehung zu ihren Eltern und ihrem älteren Bruder war innig, und große Zusammenkünfte im Haus, das sie mit Tante und Onkel teilten, ein regelmäßiger Teil des Lebens. Die Eltern, selbst Arbeiter, legten viel Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Michelle erkämpfte sich ihren späteren Platz an der Princeton University hart, zeigte schon als Kind einen außergewöhnlichen Ehrgeiz, der zunehmend auch daraus resultierte, dass sie immer das Gefühl hatte, sich beweisen zu müssen. Weil sie ein Mädchen war. Aber natürlich auch, weil sie eine Person of Color ist. Vor allem an der Universität und später im Arbeitsleben als Rechtsanwältin wurde ihr immer wieder bewusst, wie gering der Anteil an People of Color in ihrem Umfeld war.

Michelle Obama inszeniert sich in ihrer Biografie allerdings keineswegs als intellektuelle Überfliegerin. Stattdessen reflektiert sie ihr jüngeres Selbst kritisch und macht keinen Hehl daraus, mit der Wahl der Karriere als Anwältin unglücklich gewesen zu sein und lange gegen die damit verbundenen ambivalenten Gefühle angekämpft zu haben. Aus dem zeitlichen Abstand heraus erkennt sie, dass die hohen beruflichen Ambitionen vor allem dem schon als Kind entwickelten Glaubenssatz geschuldet waren, dass sie sich als Person of Color ganz besonders anstrengen und beweisen muss in einer Gesellschaft, in der Erfolg, Bildung und Einfluss hauptsächlich weißen Menschen zugeschrieben werden. Auf die Erkenntnis, einen anderen Weg einschlagen zu wollen, folgte Erleichterung. Aber auch Schuldgefühle, hatten die Eltern doch hart gearbeitet für den Karriereweg der Tochter, der Vater noch dazu mit der Autoimmunerkrankung MS ringend, deren Symptome zunehmend schwerer wurden. Es dauerte daher einige Jahre, bis Michelle ihre eigene Unzufriedenheit akzeptieren und einen beruflichen Neustart wagen konnte. 

Der Verlust zweier wichtiger Personen – einer Freundin aus Universitätstagen, die viel zu jung an Krebs starb, und des Vaters, der seiner Erkrankung erlag – gab schließlich den Ausschlag, ihr eigenes Leben mit anderen Augen zu betrachten. Obamas Leben ist, wie jedes andere auch, von Freud und Leid gleichermaßen gezeichnet.

Natürlich geht es in dem Buch auch um Barack Obama. Um die Höhen und Tiefen einer Ehe, die vor der gewaltigen politischen Karriere Barack Obamas stattfanden. Aber es ist in erster Linie ein Buch über Michelles Leben, und das finde ich sehr angenehm, hätte es doch sicher leicht in ein Portrait Barack Obamas abdriften können. Stattdessen geht es zwar um seine Präsidentschaft, aber aus der Perspektive Michelles. Auch hier spricht sie ehrlich über die Dinge, die sie bewegten: So gibt sie offen zu, wie schwierig es manchmal war, als Frau, die sich alles hart erkämpft hat, an der Seite eines Mannes zu sein, dem jeder Erfolg zuzufliegen und einfach naturgegeben zu sein scheint. Michelle Obama zeigt sich quasi als ganz normaler Mensch, als diejenige, die in Streits unsachlich und wütend wird, die lange Zeit ihren eigenen Wert über Noten und Erfolge definierte und die auch mal vorschnell urteilt, ohne die andere Seite anzusehen. Genauso macht sie keinen Hehl daraus, wie anstrengend und fordernd diese Jahre als Präsidentenfamilie waren, unter ständiger Beobachtung, nie ohne Leibwächter, zuhause in einem Haus auf Zeit. Welche Konsequenzen dieses Leben für ihre Töchter hatte. Wie das Privatleben zu großen Teilen dem öffentlichen Leben geopfert wurde und wie groß der Spagat als Mutter und Frau der Öffentlichkeit für sie war. Vor allem die Zeit, in der sie Barack bei der Präsidentschaftskandidatur unterstützte, wurde für sie zur Belastungsprobe. Zunehmend bekam sie zu spüren, welchen Einfluss die Presse nehmen kann: indem Dinge, die sie sagte aus dem Kontext gerissen und verdreht wurden. Indem man sie zur „angry black woman“ erklärte – ein Stereotyp, das zugleich frauenfeindlich und rassistisch ist, zielt es doch darauf ab, dass Frauen bitteschön immer nett und fröhlich zu sein haben, und auch in Wahlkämpfen bitte nicht zu ernst oder leidenschaftlich, und dass Schwarze Frauen angeblich noch hysterischer und emotionaler sind als weiße.

Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Baracks politischer Karriere lange Zeit skeptisch gegenüberstand. Die Beziehung der beiden basiert auf gegenseitigem Support, weshalb sie ihm immer ausnahmslos den Rücken stärkte, genau wie er ihr, als sie ihre Anwaltslaufbahn hinter sich ließ, aber dass vor allem die Jahre nach den Geburten ihrer Töchter extrem fordernd waren, weil Barack ständig unterwegs war und sie ihrerseits auch unbedingt in das Berufsleben zurückkehren wollte, gleichzeitig aber noch den Haushalt und die Kinderbetreuung wuppen musste, versucht sie nicht zu beschönigen.

Es ist diese Offenheit, die das Buch für mich so wertvoll machen. Obama spricht über viele schmerzhafte Themen, die oft nur hinter verschlossenen Türen stattfinden und für die sich Menschen sogar häufig schämen: ein unerfüllter Kinderwunsch und die damit einhergehende Verzweiflung. Besuche beim Paartherapeuten. Und auch, wenn das Leben im Weißen Haus nichts ist, womit sich der Rest der Menschheit identifizieren kann, so sind es doch die Sorgen und Nöte einer Mutter und Frau, die damit einhergehen, zu der jede*r einen Bezug finden kann. Diese Biografie ist kein literarisches Meisterwerk, aber ein Buch, das vor allem durch die Authentizität Michelle Obamas und ihr Vermögen, kritisch zu reflektieren, besticht. Zudem war es sehr schön, von den vielen Frauen zu lesen, die Vorbilder für sie sind: angefangen bei ihrer Tante und ihrer Mutter bis hin zu späteren Kolleginnen, weiblichen Vorgesetzten und anderen Müttern aus ihrem privaten Umfeld. Wer gerade vielleicht ein bisschen Inspiration durch eine starke Frau braucht, die durch die Einflüsse anderer starker Frauen geworden ist, wer sie ist, dem sei diese Biografie sehr ans Herz gelegt.

Michelle Obama. Becoming erschien erstmalig 2018 bei Crown/Penguin Random House in den USA. In Großbritannien wurde es erstmalig 2018 bei Viking/Penguin Books veröffentlicht. In Deutschland erschien es ebenfalls 2018 unter dem Titel Becoming: Meine Geschichte bei Goldmann.

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