Grauzonen der Schuld. Lee Israel. Can you ever forgive me?

Na, schon mal in einer dunklen Stunde drüber nachgedacht, welche kriminellen Energien wohl in euch schlummern? Was wäre, wenn plötzlich der Job weg und die eigene Existenz bedroht wäre? Die Mehrheit würde wohl auf staatliche Auffangnetze zurückgreifen (sofern diese denn für ihn/sie greifen und sofern er/sie in einem Land lebt, in dem es überhaupt sowas wie finanzielle Hilfe vom Staat gibt). Der andere Teil wiederum würde kreativ werden und nach Wegen suchen, um möglichst schnell an möglichst viel Geld zu gelangen. Und wahrscheinlich ist das Potenzial für Variante zwei höher, wenn man vorher schon das Gefühl hatte, nicht unbedingt die größten Stücke vom Kuchen des Lebens abbekommen zu haben.

Die Geschichte der Autorin und -traurigerweise das, wofür sie berühmt wurde – Literaturfälscherin Lee Israels ist eine, die trotz aller Tragik ziemlich fasziniert. In ihrem Memoir Can you ever forgive me? erzählt sie, wie sie von einer relativ gutverdienenden Autorin (in diesem Fall meint das, dass sie ihre Miete bezahlen und sich Lebensmittel leisten konnte) zur Fälscherin von Briefen verstorbener Schriftsteller geworden ist, die am Ende sogar vom FBI gesucht und zu vier Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde, dem ein halbes Jahr strenger Hausarrest vorausging. Allenfalls schwingt Stolz in ihrem Bericht mit, Reue liest man nicht heraus – der Titel Can you ever forgive me?/Wirst du mir je verzeihen können? bezieht sich deshalb nicht auf ein etwaiges Gesuch der Vergebung Israels, sondern auf einen der von ihr gefälschten Briefe, den sie Dorothy Parker zuschrieb.

Israels Geschichte ist eine, die mir aus der Verlagsbranche nur allzu bekannt vorkommt. Auch wenn sie sich bereits in den 80er-Jahren ereignet hat, so ist es doch heute noch genauso schwierig für Autor*innen, ein gesichertes Einkommen zu haben, wenn sie nicht gerade einen Bestseller landen. Jeder Buchvertrag könnte der letzte gewesen sein. Erfolg oder Nicht-Erfolg einer Veröffentlichung entscheiden oft darüber, ob ein/e Autor*in überhaupt weiterhin von den Verlagen publiziert wird. Die Verlagsbranche ist heute wahrscheinlich sogar noch kurzlebiger als damals. Es gibt unendlich viele Schreibende, aber zunehmend knappere Programmplätze, weil der Buchmarkt sich immer mehr gegen seine digitalen Konkurrenten behaupten muss. Wer heute schreibt, der/die muss eigentlich schon, bevor er/sie das erste Wort zu Papier bringt, wissen, für welche Verlage das Buch interessant sein könnte. Wie der Buchmarkt aufgestellt ist, welche Themen sich gut verkaufen. Der/die braucht ein Gespür dafür, welche Themen in ein oder besser, in zwei Jahren, angesagt sein werden – denn Verlage produzieren in der Regel ihre Programme ein oder zwei Jahre im Voraus. Wer schreibt, muss seine Mitstreiter*innen kennen, muss wissen, welcher Verlag bereits gut mit Autor*innen auf bestimmten Programmplätzen besetzt ist und bei welchem vielleicht eine Chance besteht, aufgenommen zu werden. Und nicht zuletzt muss er/sie wissen, dass der Weg in einen Verlag eigentlich nur über eine Literaturagentur stattfinden kann. Wer ein Manuskript einfach so an einen Verlag schickt, landet mit ziemlicher Sicherheit auf einem großen Stapel, für den niemand jemals Zeit haben wird. Nicht einmal die Praktikant*innen.

Israels Karriere als freiberufliche Autorin begann in den 1970er-Jahren mit Beiträgen für Magazine, unter anderem über Katherine Hepburn. Später schrieb sie Biografien über die Schauspielerin Tallulah Bankhead, die Journalistin Dorothy Kilgallen und die Kosmetik-Unternehmerin Estée Lauder. Ihr Interesse galt also Frauen, die es in der männerdominierten Unternehmer- und Kulturwelt der 70er und 80er weit gebracht hatten. Die Bücher über Bankhead und Kilgallen verkauften sich gut und wurden von den Kritikern gelobt. Mit der Biografie über Dorothy Kilgallen schaffte es Israel sogar auf die Bestsellerliste der New York Times. Dann unterlief ihr allerdings ein Fehler, der sie ihre gesamte Karriere kostete – und sie auf die schiefe Bahn brachte. Als sie mit der Arbeit an der unautorisierten, also von der Person, um die es geht, nicht freigegebenen, Biografie über Estée Lauder begann, erhielt sie von eben dieser ein extrem hohes Angebot, um den Vertrag mit dem Verlag zu beenden und die Biografie nicht zu schreiben. Israel schlug den Deal aus, im Gegenzug veröffentlichte Lauder ihre eigene Biografie, in der sie Enthüllungen vorwegnahm, die Israel in ihrem Buch machen wollte, und timte den Erscheinungstermin so, dass er mit dem Israels zusammenfiel. Das war natürlich der Todesstoß für Israels Buch, das von den Kritiker*innen zerrissen und von den Leser*innen ignoriert wurde. Plötzlich verhielten sich die Verlage und Agent*innen, mit denen sie bisher zusammenarbeitete, abweisend, vertrösteten sie hinsichtlich neuer Projekte und ließen sich am Telefon verleumden. Israel musste feststellen, dass sie mit fast fünfzig Jahren auf dem Arbeitsmarkt so gut wie keine Chance mehr hatte – und zudem niemand ihre bisherige Laufbahn als Autorin als ernstzunehmende berufliche Referenz betrachtete. Nach einigen Jobs, mit denen sie sich gerade so über Wasser halten konnte, formte sich schließlich die Idee, gefälschte Briefe toter Schriftsteller*innen zu verkaufen, als sie für einen originalen Brief Katherine Hepburns, mit der sie ganz am Anfang ihrer schriftstellerischen Laufbahn mal Kontakt gehabt hatte, zumindest so viel Geld bekam, dass es für einen Einkauf reichte.

Was heute vermutlich fast unmöglich wäre, schien in den 80er-Jahren vergleichsweise einfach zu sein. Lange Zeit überprüfte niemand die Schriftstücke auf ihre Echtheit, die Israel an verschiedene Kunst- und Antiquitätenhändler*innen in New York und später auch außerhalb veräußerte. Israel, sehr belesen und jahrelang im Verlagsgeschäft, nutzte ihre Kenntnisse und Recherche-Skills, um die Briefe so authentisch wie möglich aussehen zu lassen. Sie studierte Biografien und Korrespondenzen der Autor*innen, um ihr typisches Vokabular und ihre Eigenheiten im Schriftbild zu erfassen und authentisch nachzubilden. Immer wieder baute sie originale Phrasen und Wörter der Autor*innen ein und ergänzte sie mit ähnlichen aus ihrer eigenen Feder. Sie überließ auch sonst nichts dem Zufall. Von der Wahl des richtigen Papieres bis zur Art der von den Schriftsteller*innen verwendeten Schreibmaschinen ging Israel mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail vor. In einem Schließfach auf der Upper West Side in Manhattan bewahrte sie diverse Schreibmaschinen auf, die sie in einem Antikverkauf erworben hatte. Jede war mit einem Namensschild des Autors/der Autorin versehen, der/die dasselbe Modell verwendet hatte. Israels Fälschungen trafen den Ton der Autor*innen so gut, dass selbst erfahrene Kunstkenner*inen in Jubelrufe verfielen, weil sie dachten, echte Raritäten angeboten zu bekommen. Zunehmend gelang es ihr, immer mehr Geld für die einzelnen Briefe auszuhandeln. Die Story vom Cousin mit Sammelleidenschaft und guten Kontakten in die Literaturszene, der ihr die Briefe vermacht hatte, schien niemand anzuzweifeln. Bis eines Tages das FBI aufmerksam wurde und Israel aufflog. Sie wurde entlarvt, als sie anfing, originale Briefe aus Bibliothekssammlungen zu entwenden (die sie dort gegen Fälschungen ersetzte) und auch diese, inzwischen mit der Hilfe eines alten Freundes, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, an die Kunsthändler*innen zu verkaufen.

Natürlich ist es auf der einen Seite faszinierend, mit welcher Ausgebufftheit und Skrupellosigkeit Israel vorging. Auf der anderen Seite hat mich ihre Geschichte deshalb so in den Bann gezogen, weil sie im Grunde eine sehr traurige Figur ist, die irgendwo am Rande der totalen Verwahrlosung in einem winzigen Appartement in New York lebt, in dem die einzige Gesellschaft ihre steinalte Katze ist. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell der soziale Abstieg erfolgen kann, sobald der Erfolg ausbleibt. Wie schnell sich Menschen von einem abwenden, die vorher immer einen auf beste Freunde gemacht haben. Es war eine große Verletzung und Kränkung für Israel, dass sie ihre Verleger*innen und Agent*innen fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Ohne sonstige nennenswerte soziale Kontakte muss das ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Ist es also verwunderlich, dass sich Wut, Enttäuschung und Sorgen dann in einem kriminellen Akt kanalisierten? Fälle wie diese liegen in einer Art moralischen Grauzone. Natürlich ist es nicht ok, gegen das Gesetz zu verstoßen, vorsätzlich Menschen hinters Licht zu führen und Geld zu erschleichen für etwas, das nicht echt ist. Aber wäre es besser gewesen, Israel verkümmerte geistig in Jobs, die eine totale Ausbeutung bedeutet hätten und mit denen sie kaum ihren Lebensunterhalt hätte sicherstellen können? Wenn das Buch eines zeigt, dann, dass sich das Leben nicht immer (vielleicht sogar äußerst selten) in Kategorien wie „gut“ oder „böse“ einteilen lässt.

Es gibt eine großartige Verfilmung des Buches mit Melissa McCarthy und Richard E. Grant in den Hauptrollen, die ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Und ganz sicher habt ihr danach Lust auf Dorothy Parkers rotzig-ironische Texte. Aber denkt dran: mit gefälschten Briefen habt ihr im Zeitalter der elektronischen Datenabgleichungen vermutlich keine Chance.

Lee Israel. Can you ever forgive me? Memoirs of a Literary Forger erschien erstmals 2008 bei Proteus LLC. Die hier gezeigte Ausgabe mit einer Filmszene auf dem Cover wurde 2018 bei Simon & Schuster veröffentlicht.

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