Kein Fräuleinwunder. Julia Korbik. Stand Up

Feminismus.

Für ganz viele Menschen ist dieser Begriff immer noch einer, von dem sie sich lieber distanzieren. Obwohl der Feminismus in den letzten Jahren einen merklichen Wandel durchlaufen hat, haften ihm immer noch dieselben alten Vorurteile an: Feminist*innen sind unrasiert, hässlich und wütend. Sie hassen Männer, Sex und BHs. Sie sind spaßbefreite, lesbische Emanzen, die drei Mal am Tag zu Alice Schwarzer beten. Uäärgh.

Natürlich ist das alles kompletter Schwachsinn, und wer tatsächlich glaubt, Feminismus würde genau DIESE Dinge bedeuten, der/die ist einfach selbst schuld an der eigenen Unwissenheit und wahrscheinlich eh nicht mehr zu retten. Allein in Deutschland hat der Feminismus unzählige Gesichter, die ihn unermüdlich erklären und unter die Leute zu bringen versuchen. Alice Schwarzer ist schon lange nicht mehr DAS Gesicht des Feminismus. Ihr Beitrag für den Feminismus in Deutschland verdient Respekt, steht aber nicht für seine Vielfalt und ist auch nicht die einzige Position, der alle ausnahmslos zustimmen müssen, die sich Feminist*in nennen.

Zu den klugen Stimmen der aktuellen Generation von Feminist*innen, mit denen man sich unbedingt beschäftigen sollte, gehört Julia Korbik. Ihr Buch Stand Up. Feminismus für alle ist bereits 2014 erschienen, wurde aber 2019 in einer komplett überarbeiteten Neuausgabe ein zweites Mal verlegt. Wie weiter oben bereits erwähnt, hat sich der Feminismus allein in den letzten 5 Jahren enorm entwickelt. In der Überarbeitung greift Korbik diese Entwicklungen, die positiven (Stichwort: die immer stärkere Sichtbarkeit des Anteils an unbezahlter Care-Arbeit, die immer noch zum größten Teil Frauen leisten und vermehrte öffentliche Debatten darüber, wie hier fairere Bedingungen geschaffen werden können) und die negativen (Stichwort: Feminismus als Modeerscheinung und Instrumentalisierung durch die Werbebranche, die durch das Bild des Feel-Good-Feminismus ihre Produkte verkauft), auf und ergänzt auch wichtige Stimmen und Werke der letzten Jahre in ihrer umfassenden Übersicht. Schön auch: in zahlreichen Interviews kommen Menschen aus Politik, Wissenschaft und Kultur zu Wort und erklären, was für Feminismus für sie ganz persönlich bedeutet. Denn es gibt nicht DEN einen Feminismus.

Wer der Meinung ist, Feminismus würde keinen Spaß machen, irrt gewaltig. Das Schöne an den vielen neuen Stimmen der feministischen Bewegungen ist ja, dass jede auf ihre Weise gut zu unterhalten weiß. Es sind keine trockenen akademischen Abhandlungen, sondern Texte auf Augenhöhe. Korbik zum Beispiel schreibt witzig und pointiert und schafft es, in jeweils relativ kurzen Texten eine Fülle an Informationen unterzubringen, sodass man danach das Gefühl hat, mit Wissen angereichert zu sein, ohne dass man sich daran überfressen fühlt. Stand up ist eine Einführung in den Feminismus, Weiterbildungslektüre und Nachschlagewerk gleichermaßen. Von den Basics über die Historie bis hin zu aktuellen Debatten und Themen des Feminismus deckt sie alle wichtigen Aspekte ab. Das Buch ist abwechslungsreich und sehr unterhaltsam mit Illustrationen und Übersichten gestaltet. Die Texte sind gespickt mit persönlichen Erfahrungen Korbiks und immer wieder gibt es zwischendurch Seiten mit Erklärungen zu Begriffen, die in den aktuellen Debatten um feministische Themen auftauchen. Wenn ihr also noch nie was von Intersektionalität oder toxischer Maskulinität gehört habt, seid ihr nach der Lektüre auf jeden Fall schlauer. Und werdet weiterlesen wollen: dafür gibt es zahlreiche Seiten, auf denen ihr Informationen zu anderen Autor*innen findet, die über Feminismus schreiben. Margarete Stokowski, Sophie Passmann und Hengameh Yaghoobifarah zählen sicherlich zu den bekanntesten zeitgenössischen Autor*innen und Kolumnist*innen, daneben finden sich aber auch Wegbereiter*innen des Feminismus, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man sich in die Thematik einarbeitet, so wie Simone de Beauvoir (über die hat Korbik sogar ein eigenes Buch geschrieben).

Durch die Überarbeitung finden sich in der Neuauflage auch viele Informationen rund um Ereignisse der letzten Jahre, wie die Me-Too-Debatte oder die Diskussion um den Paragrafen 219a, der das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche regelt. In jeweils eigenen Kapiteln widmet sich Korbik der Unterrepräsentation von Frauen in der Politik und der Sexualisierung weiblicher Körper in den Medien und dröselt hier an vielen Beispielen genau auf, wie wahnsinnig oft Frauen in Filmen, Büchern, Computerspielen und in Songs objektifiziert und mit dem male gaze (ihr wisst nicht, was das ist? Kein Problem, Julia Korbik erklärt es euch!) betrachtet werden. Ganz zu schweigen von Frauen in den jeweiligen Branchen – allein in der Filmbranche stellen Frauen nur einen minimalen Anteil der Crew an einem Filmset. Erschreckend selten werden weibliche Regisseure für die großen Hollywood-Blockbuster angefragt. Ob in der Film-, Musik- oder der Literaturbranche – überall sind Frauen nur dann erfolgreich, wenn sie jung und schön sind. Vielleicht habt ihr schon mal was vom Begriff „Fräuleinwunder“ gehört – der Begriff hat seinen Ursprung schon in den 1950er Jahren und man benutzte ihn Anfang der 2000er für junge Autor*innen, denen es gelang, ein gutes Buch zu schreiben. Ja, genauso ist dieser Begriff konnotiert. Männern spricht in unserer Gesellschaft niemand ab, kompetent zu sein. Sie können alt, hässlich und heruntergekommen sein, und das wird dann noch als „Charakter“ gefeiert. Frauen hingegen können noch so viele Universitätsabschlüsse, Lebenserfahrungen und Grips im Kopf haben – wenn sie jung und hübsch sind, haben sie v i e l l e i c h t das Glück, dass ein (männlicher!) Feuilletonist ihr Buch für gut befindet. Das hat dann aber nix mit Können zu tun, sondern grenzt an ein „Wunder“. Ihr versteht vielleicht, worauf ich hinauswill. Besser erklären kann es auch auf jeden Fall Julia Korbik.

Wenn ihr mich fragt, gehört das Buch als Standardlektüre in den Schulunterricht. Zumindest aber erstmal auf jeden Nachttisch. Da es sich so leicht und locker liest und so ziemlich jedes große feministische Thema anschneidet, ist es wirklich die ideale Einstiegslektüre. Auch für Feminismus-Skeptiker*innen.

Julia Korbik. Stand up. Feminismus für alle erschien erstmals 2014 und in der überarbeiteten Neuauflage 2019 beim Kein & Aber Verlag.

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