Das Schweigen-Dilemma. Ann Patchett. The Dutch House.

Was ich an Familienromanen so spannend finde, sind die darin enthaltenen Darstellungen von Dynamiken innerhalb von Gemeinschaften. Menschen, die sich eigentlich lieben, sind oft unfähig, richtig miteinander zu kommunizieren, und so werden aus Verbindungen, die man, egal, was man unternimmt, nicht auflösen kann, Päckchen, die manch eine/r ein Leben lang mit sich herumträgt. Unsere familiären Beziehungen prägen und beeinflussen uns in einer Weise wie keine andere Beziehung es vermag und sind gleichzeitig etwas so Privates, das wir die Auswirkungen oft nicht mit anderen teilen können, sondern mit uns selbst ausmachen müssen. Die An- und Abwesenheit unserer Eltern und die Art der Bindung zu unseren Geschwistern sind kraftvoll und mächtig. Ann Patchett stellt in The Dutch House eindrucksvoll dar, wie das Schweigen über Ereignisse in ihrer Kindheit sich über das Leben zweier Geschwister legt und sie ihr ganzes Leben lang begleitet.

Amerika, Pennsylvania, in den 1960er Jahren. Cyril ist durch das Handeln mit Immobilen zu Reichtum gekommen und möchte seiner Frau Edna und den beiden Kindern, Maeve und ihrem kleinen Bruder Danny, endlich den Luxus bieten, den sie so lange entbehren mussten. Ohne das Wissen seiner Frau kauft Cyril ein riesiges Anwesen, das Dutch House. Es gehörte einer wohlhabenden holländischen Familie, die Besitzer einer Zigarettenfabrik war und die nach dem Krieg wieder nach Europa zurückkehren musste. Der Schuss geht allerdings nach hinten los: Edna fühlt sich in dem riesigen Haus mit seinen prunkvollen Zimmern, unter den wachsamen Augen der Menschen auf den schweren Ölgemälden der früheren Besitzer*innen nicht wohl, verbringt ihre Zeit lieber in der Küche mit den Bediensteten oder außer Haus. Die Entzweiung der Eltern ist ein schleichender Prozess, bis die Mutter schließlich nicht mehr nach Hause kommt. Cyrils einzige Erklärung: Sie ist nach Indien gegangen. Es darf keine weiteren Fragen geben. Antworten erst recht nicht. Maeve, Danny und ihr Vater koexistieren zusammen in den weiten Dimensionen der Villa, das Kindermädchen Fluffy und die beiden Dienstmädchen werden zu engen Bezugspersonen, bis Fluffy ihren Job verliert, weil sie eine Affäre mit Cyril beginnt und dem Irrglauben unterliegt, er würde sie lieben und heiraten. Eines Tages drängt sich eine junge Frau namens Andrea mit ihren zwei kleinen Töchtern in ihr Leben und übernimmt das Sagen im Dutch House. Maeve und Danny werden systematisch Stück für Stück aus dem Haus gedrängt. Erst ist es nur das schöne Zimmer, das Maeve an eines der kleinen Mädchen abtreten muss. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters setzt Andrea die beiden Geschwister eiskalt vor die Tür und verweigert ihnen jeden Zugang zum Dutch House. „Ihr seid nicht meine Kinder, nicht meine Verantwortung“, sagt sie, nachdem sie jahrelang mit den beiden unter einem Dach gelebt hat. Maeve, die inzwischen volljährig ist und schon länger in einer eigenen Wohnung in New York lebt, wo sie zum College geht, teilt sich fortan ihre enge Bleibe mit ihrem Teenagerbruder und übernimmt nun vollends die Mutterrolle für ihn. Mit großem Entsetzen erfahren die beiden, dass Andrea ihren Vater zu seinen Lebzeiten dazu gedrängt hatte, das gesamte Erbe auf sie zu übertragen. Seinen Kindern hinterlässt er nichts. Einzig einen Bildungsfond hat er für Danny und die kleinen Mädchen aufsetzen lassen, der garantieren soll, dass alle mit Bildung zusammenhängenden Kosten übernommen werden. Für Maeve gilt das allerdings nicht. Um wenigstens diese eine Möglichkeit voll auszuschöpfen und weil es keine andere Möglichkeit gibt, sich und den Bruder über Wasser zu halten, beschließt Maeve, dass Danny Medizin studieren und den ganzen weiten Weg bis hin zum Arzt durchlaufen soll, um den Bildungsfond bis zum Äußersten auszureizen. Danny fügt sich, merkt im Laufe der Jahre aber immer mehr, dass er eigentlich Immobilienhändler sein möchte, wie sein Vater. Dafür erntet er aber weder von seiner Frau Celeste noch von Maeve Verständnis. Noch während des Studiums beginnt er dennoch, mit Immobilien zu handeln, und entscheidet sich später, nicht als Arzt zu arbeiten. Die Enttäuschung seiner Frau darüber ist groß. Und während die Jahre verstreichen, drängt sich immer wieder das Dutch House ins Leben der Geschwister. Maeve und Danny parken regelmäßig vor dem Anwesen und sitzen stundenlang rauchend im Auto. Nie klopfen sie an, nie versuchen sie, doch noch an ihr Erbe zu gelangen.

Das Dutch House wird zum Symbol des Schweigens, das sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht. Die Eltern sind dabei die zentralen Figuren, beide auf ihre Art und Weise abwesend, beider Handeln oder Nicht-Handeln ist es, das die Kinder nachhaltig prägt. Im Schweigen des Vaters manifestiert sich seine Macht: sowohl gegenüber seiner Frau, die unglücklich war, als auch gegenüber seiner Kinder, denen er nicht erklärte, wo ihre Mutter geblieben ist, und niemals auch nur ein Wort über die neue Frau verlor, die sich einfach so in ihr Leben drängte. Es entsteht sogar der Eindruck, als wäre sie dort auch nur hineingekommen, weil der Vater nicht fähig war, Konflikte auszutragen. Statt ihr Einhalt zu gebieten, wenn sie seine Kinder maßregelte oder unfair behandelte, ging er aus dem Zimmer. Statt Nein zu sagen, als sie das gesamte Erbe für sich beanspruchte, unterschrieb er das Formular. Statt seine Tochter für ihre Intelligenz und Scharfsinnigkeit zu loben, überging er sie komplett. Die Präsenz des Vaters ist, trotz seiner emotionalen Abwesenheit, im gesamten Roman übermächtig. Das Schweigen der Mutter nach ihrem Weggang wiederum ist ein Ausdruck der Schuld, die sie auf sich lädt. Wie Maeve später feststellt, ist es hauptsächlich eine Schuld, die ihr die Gesellschaft auflädt, die hier, wie so oft, bei Frauen und Männern mit zweierlei Maß misst. Während es für Männer, die ihre Familien verlassen, keine moralischen Konsequenzen zu geben scheint, muss eine Mutter mit Verachtung leben. Es wird bis heute mit Missachtung gestraft, wenn sich Eltern trennen und die Mutter es ist, die die Familie verlässt – die Fragen nach der weiteren Umsorgung der Kinder und wie man das unter sich aufteilt, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Eine Mutter, die das Haus verlässt, ist eine schlechte Mutter. Stigmatisiert bis an ihr Lebensende. Ironischerweise ist es genau die Furcht vor diesem Stigma, wegen der sich Edna nach ihrem Auszug nicht mehr bei ihren Kindern meldet. Edna findet schließlich ihren eigenen Weg, um die Schuld auszugleichen, die sie auf sich geladen hat.

Es ist ein Leitmotiv des Romans, dass die Figuren Gefangene ihrer Grenzen sind. Besonders deutlich wird das an den Frauenfiguren: Maeve ist schlau und begabt, aber sie hat keine Chance auf eine Karriere, weil ihr die finanziellen Mittel fehlen. Celeste ist ebenfalls sehr klug, kommt aber gar nicht auf die Idee, selbst studieren zu wollen, weil sie in einer Zeit lebt, in der Frauen Ärzte heiraten, statt selbst Ärztin zu werden. Und so steckt sie sich von Anfang an selbst in die Rolle der umsorgenden Hausfrau, die sie nicht ausfüllt und befriedigt. Ihr Zeitvertreib wird die Rivalität mit Maeve. Das Buhlen um die Gunst eines Mannes als Lebensaufgabe.

Und dann gibt es natürlich noch die Mutter, die, wie oben erwähnt, in den Grenzen der Angst und der Schuld steckt. So viel sei verraten: sie taucht im Laufe des Romans wieder auf. Und entzweit, was vorher eine untrennbare Einheit schien: Maeve und ihren Bruder. Auch zwischen den beiden hatte sich das Schweigen breit gemacht, zumindest, was dieses eine Thema anging. Für beide wurde das Dutch House zum Symbol, für die eine dafür, wie sehr sie ihre Mutter vermisst, für den anderen dafür, wie sehr er sie verurteilt.

Ann Patchetts Roman zeigt, wieviel Unausgesprochenes zwischen Menschen passt. Und wie sehr es schmerzt, wenn es zu spät ist, sie doch noch auszusprechen. Trotzdem ist es kein schwerer Roman, sondern erscheint wie ein Spaziergang durch die Jahrzehnte, was sicher auch an der geschickten Erzählweise liegt, die nicht chronologisch verläuft, sondern vielmehr ereignis- und anekdotenhaft ausgerichtet ist. Es ist ein Text, der mich vor allem wegen seiner Figuren begeistert hat. Das Personal ist überschaubar, und jede Figur so vielschichtig, dass es unmöglich ist, über sie zu urteilen. Sogar Andrea, die man als böse Stiefmutter hinstellen könnte, ist letztendlich nur ein Mensch, der seine Gründe hat, weshalb er so handelt, wie er handelt. Wenn eine Autorin es schafft, ihre Figuren nicht in Kategorien wie gut und böse zu unterteilen, dann bildet sie die Wirklichkeit und Familienbande ab, wie sie sind. Überwältigend. Mächtig. Mitunter zerstörerisch. Und manchmal so stark, dass man (fast) alles vergeben kann.

Ann Patchett. The Dutch House erschien 2020 bei Bloomsbury Publishing. Die deutsche Ausgabe erscheint im Juni 2020 unter dem Titel „Das Holländerhaus“ im Berlin Verlag.

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