Schaut her, hier ist auch eine! Maxie Wander. Guten Morgen, du Schöne

Welche Geschichten bekämen wir wohl zu hören, würden wir uns einfach mal die Zeit nehmen, mit zufällig ausgewählten Frauen, die wir vielleicht auf der Straße oder im Supermarkt treffen, zu sprechen? Ihnen Fragen stellten zu ihrem Liebesleben, ihrer Kindheit, den Chancen, die sie im Leben verpasst haben, weil ihnen bestimmte Privilegien fehlten, ihrer Meinung zu aktuellen politischen Vorgängen, ihren Ängsten und Sorgen, ihren schönsten Erinnerungen? Eine Sammlung solcher Texte veröffentlichte 1977 die Schriftstellerin Maxie Wander in der DDR und schuf damit nicht nur eine Sammlung privater Lebensgeschichten, sondern ein dokumentarisches Zeitzeugnis, das auch heute noch relevant ist, um uns vor Augen zu führen, wie sich Gesellschaft wandelt.

Guten Morgen, Du Schöne wurde 1978 auch in Westdeutschland veröffentlicht und dort mit über 200.000 verkauften Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Bücher aus der DDR. Die anfänglichen Bedenken des damaligen Verlegers bei Luchterhand, die ungewöhnliche Form könnte eventuell die Leser*innen abschrecken und der DDR-Bezug keine Schnittstellen mit Menschen aus der BRD zulassen, zerschlug sich schnell, da die erste Auflage bereits binnen kurzer Zeit ausverkauft war. Anscheinend konnten sich auch viele Frauen aus der Bundesrepublik mit den Geschichten der DDR-Frauen identifizieren. Die BRD-Ausgabe wurde allerdings zugunsten des besseren Verständnisses an einigen Stellen mit Erklärungen zu Kontexten und Wörtern ergänzt, mit denen die westdeutschen Leser*innen sonst wenig hätten anfangen können. Ein paar Interviews wurden aus Platzgründen daher aus dieser Ausgabe herausgenommen. Außerdem wurde der westdeutschen Ausgabe ein Vorwort von Christa Wolf vorangestellt.[i]

Guten Morgen, du Schöne ist ein dokumentarisches Buch. Maxie Wander führte Gespräche mit 19 Frauen aus der DDR, die sie mit einem Tonbandgerät aufzeichnete. Diese Aufnahmen transkribierte sie anschließend. Die Texte mögen vielleicht etwas holprig anmuten, da sie eben nicht in glattgeschliffene Schriftsprache umgewandelt, sondern umgangssprachlich belassen wurden und die sprachlichen Eigenheiten der Sprechenden widergeben. Da ist die 24-jährige Ute, die mit ihrer Berliner Schnauze von ihrem Wunsch nach Gleichberechtigung erzählt, oder die 21-jährige Angela, die mit recht klarem Hochdeutsch verkündet, so gar keinen Sinn in der Gleichberechtigung von Männern und Frauen erkennen zu können. Zuweilen unterbrechen die Interviewten ihren Redefluss, um den bellenden Hund zur Ordnung zu rufen oder die Interviewerin selbst etwas zu fragen. Genau das macht den Reiz und den Wert dieser Texte aus – man fühlt sich beim Lesen, als säße man der jeweiligen Person direkt gegenüber. Mit einer sprachlichen Nachjustierung zugunsten einer besser lesbaren Schriftsprache wäre den Texten sicher die Authentizität und Nahbarkeit abhanden gekommen.

Die jüngste der interviewten Frauen ist 16 Jahre alt, die älteste 92. Somit entsteht gefühlt ein Querschnitt durch eine Gesellschaft, deren Geschichten auf ihre jeweils eigene Art faszinieren. Maxie Wander versammelt in diesem Bändchen Geschichten, die berühren, nachdenklich machen oder überraschen. Dabei entsteht aus der heutigen Rezeptionsperspektive noch eine weitere Ebene, die zur Zeit des Erscheinens des Buches noch gar nicht zum Tragen kam. Es ist ein Zeitzeugnis des Lebens in der DDR, und es ist eines der ehrlichsten und unverblümtesten, das ich bislang gelesen habe. Es ist witzig, dass ich bislang anscheinend davon ausgegangen bin, dass die Frauen und Mädchen „damals“ alle irgendwie sehr brav und folgsam waren, dass es in ihren Köpfen wenig Widerstand gab, wenig Fortschrittlichkeit, schon gar keine feministischen Ansätze. Das liegt vielleicht auch daran, dass genau dieses Bild zu vermitteln versucht wurde – sowohl in der Zeit selbst, als auch in den Berichten über sie. Schon in meinem Artikel zum Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Sarah Kirsch wird deutlich, dass Systemkritik in der DDR dünnes Eis gewesen ist. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die Interviewten anonymisiert wurden. Das gab ihnen gleichzeitig aber auch die Freiheit und Sicherheit, ihre persönlichsten und kritischsten Gedanken auszusprechen. Guten Morgen, du Schöne ist aber mitnichten nur ein politisches Protokoll. Maxie Wander sprach mit den Frauen vor allem über ihre persönlichen Lebensgeschichten. Über ihre Herkunft, ihren Alltag, ihre Wünsche und manchmal auch sehr geheimen Sorgen. Es geht um die Beziehung zu Eltern und Geschwistern, um Ehen, um Liebschaften. Es geht viel um Sexualität, um intime Bedürfnisse. Viele Frauen berichten davon, dass sie als heranwachsende Mädchen keine Aufklärung erfahren haben, dass sie teilweise völlig naiv an ihre ersten sexuellen Erfahrungen herangegangen sind und dann völlig schockiert waren davon, was da mit ihnen passierte. Auch Verhütung war vor 50, 60 Jahren ein heikles Thema. Die Pille gab es in Deutschland seit 1961, wurde zunächst aber nur verheirateten Frauen mit mehreren Kindern oder, so die offizielle Verwendung, gegen Menstruationsbeschwerden verschrieben. Erst einige Jahre später konnten sich auch unverheiratete und kinderlose Frauen die Pille verschreiben lassen, vorher gab es keine Möglichkeiten für sie, sich vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen.[ii] Viele Frauen wurden sehr jung Mutter, unterbrachen ihre Ausbildung oder ihr Studium oder begannen diese gar nicht erst und rutschten direkt in ein Hausfrauendasein, das sie sich, wenn sie die Wahl gehabt hätten, erst viel später – oder vielleicht auch gar nicht? – ausgesucht hätten.

Die im Buch versammelten Geschichten sind in ihren Details sehr individuell und manchmal so schräg und schwer zu glauben wie Storys, die nur das echte Leben schreiben kann. Dennoch bleiben nach der Lektüre Dinge im Kopf, die vielen von ihnen gemein sind. Frauen, die unter widrigsten Umständen Kinder geboren und großgezogen haben. Auffällig viele Väter, die bei der Kindererziehung physisch und geistig abwesend waren. Väter als Ernährer. Alleinerziehende Frauen. Frauen, die neben Arbeit und Kinderbetreuung noch Kraft und Motivation für ein Studium aufbringen. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie in der DDR.

Sehr spannend fand ich dabei, was die Frauen zum Thema Gleichberechtigung dachten. Und war erstaunt, dass doch recht viele von ihnen sie offen ablehnten. Gleichzeitig ging aus ihren Schilderungen aber hervor, dass sie sich Unabhängigkeit von ihrem Mann wünschen oder erarbeitet haben, dass sie Beruf und Familie miteinander zu vereinen versuchen oder beklagen, dass es ihnen nicht möglich ist. Auch der Wunsch nach mehr Solidarität unter Frauen existiert bereits, die Realität wird aber oft so beschrieben, dass sich Frauen gegenseitig wenig Support bieten, und eher Konkurrentinnen sind, die sich gegenseitig kritisch beäugen. Einige von ihnen berichten, nicht immer ohne eine Spur von Stolz, dass sich auch ihre Männer um die Kinder kümmern oder Aufgaben im Haushalt übernehmen. Es ist interessant, von diesen Frauen zu lesen, die in einer Zeit lebten, in der der Feminismus in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte. Obwohl die meisten von ihnen sich nicht bewusst mit feministischen Gedanken identifizierten, steckten doch trotzdem die meisten von ihnen bereits in einem Prozess des Umdenkens.

Wanders Buch im Jahr 2020 zu lesen, offenbart, wie vieles sich in den fast 50 Jahren seit seiner Erscheinung geändert hat, aber auch, was noch erschreckend ähnlich geblieben ist. Es wäre spannend, zu erfahren, wie Frauen heute über all die Fragen denken, die Maxie Wander einst stellte. Wer weiß, liebe Schriftstellerinnen da draußen: Ist die Welt vielleicht bereit für Guten Morgen, du Schöne, 2.0?

Maxie Wander. Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband erschien erstmals 1977 im Buchverlag Der Morgen Berlin. Die hier gezeigte Ausgabe ist die zweite Auflage von 1978. Das Buch ist aktuell in einer Ausgabe von Suhrkamp von 2019 erhältlich.


[i] ZEIT online: „Wir wollten dieses Buch“, 08.01.2018

[ii] Bpb: „55 Jahre Pille“, 18.8.2015

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