Ein Buch für alle mit einem Körper. Sofie Hagen. Happy Fat

Diesen Artikel starte ich mit sehr persönlichen Gedanken. Ich habe ja schon in anderen Artikeln über mich selbst geschrieben, und manchmal bekomme ich daraufhin rückgemeldet, dass ich nicht so viel von mir selbst erzählen soll. Aber das hier ist MEIN Blog. Wenn ich ein Buch lese, dann räsoniert es im besten Fall mit MIR. Mit MEINER Geschichte. Ich lese Bücher, weil sie mich emotional ansprechen. Ich bin kein nüchterner Feuilleton. Und ich möchte nur über Bücher sprechen, die mir etwas gegeben haben und die euch, liebe Leser*innen meines Blogs, hoffentlich auch etwas geben.

Es geht manchmal gar nicht anders. Ich kann zum Beispiel nicht über Happy Fat schreiben und meine eigene Geschichte dabei außen vor lassen. Wohl vor allem deshalb, weil Sofie Hagen selbst in ihrem Buch so viel aus ihrem eigenen Leben erzählt, mit dem sich vermutlich ein großer Teil der Leser*innen auf die eine oder andere Art identifizieren kann.

Also: Wie viele andere Menschen auch stehe ich auf ewigem Kriegsfuß mit meinem Körper und arbeite permanent daran, ihn so gut es geht zu optimieren. Erschreckend oft drehen sich meine Gedanken darum, ob ich dieses und jenes jetzt essen sollte, und wenn ich es getan habe, ob ich die Quittung dafür sofort auf den Hüften spüren werde. Mein Wohlbefinden steht in direktem Zusammenhang damit, ob meine Leggings am Bauch zwickt oder nicht. Es kommt durchaus vor, dass der Blick in den Spiegel am Morgen mir den ganzen Tag versaut. Ich bin nicht stolz drauf und wäre gerne eine von diesen taffen, saucoolen Frauen, die sich und ihren Körper genauso akzeptiert haben, wie sie sind. Die selbstbewusst und stark sind und dadurch unglaublich schön und strahlend. Wenn ich mich im Spiegel anschaue, sehe ich nix strahlen und auch nix, das ich schön finde.

Ich weiß, dass ich ein Vorzeigeopfer omnipräsenter, angeblich perfekter Körperbilder bin, mit denen wir permanent überall vollgeballert werden. Es hilft auch nichts, dass ich rational verstehe, dass das Gewicht nichts über meinen Wert als Mensch aussagt, dass ich nicht in eine bestimmte Kleidergröße passen muss, um geliebt zu werden, und dass es tausend wichtigere Dinge auf diesem Planeten gibt als einen schwabbeligen Bauch. Dann wiederum bekomme ich mit, wie unfassbar schnell und einfach andere Frauen Anerkennung allein dafür bekommen, dass sie gut aussehen, und dann fühle ich mich sehr ungerecht behandelt, denn für meine Anstrengungen im Job und für meine unfassbare Schlauheit (Spaß!) bekomme ich selten credits. Das Problem ist einfach, dass ich schon sehr früh gelernt habe, meinen Körper zu hassen und als fehlerhaft zu begreifen. Ich verstehe jetzt im Rückblick die Mechanismen, die dazu geführt haben, dass ich in meiner Pubertät so eine negative Beziehung zu meinem sich verändernden Körper aufgebaut habe, die ich jetzt, als Erwachsene, nicht heilen kann, egal, was ich versuche.

Ich war viele Jahre in einem Turnverein und hatte immer sehr viel Spaß dabei. Ich erinnere mich noch gut an die aufkommende Scham beim wöchentlichen Wiegen vor dem Training, als ich 13 Jahre alt war, bei dem mein immer runder und weicher werdender Körper jedes Mal negativ vor den noch sehr zarten, athletischen und kindlichen Körpern meiner Mitturnerinnen kommentiert wurde. Ich erinnere mich noch allzu gut daran, wie unangenehm es mir war, in dem engen Turnanzug Sport zu treiben, mit Brüsten, die langsam wuchsen und ständig im Weg waren. Exponiert und für jeden sichtbar. Ich fühlte mich wie ein Elefant unter Elfen. Das Gefühl ist mir bis heute geblieben. Wenn ich mich ansehe, finde ich mich plump. Ich wünsche mir nichts mehr als einen schmalen, zierlichen Körper und beneide andere Frauen mit einer solchen Statur manchmal so sehr, dass ich weinen muss. Als Kind war ich sogar untergewichtig und musste eine Kur machen. Ich war nicht gesund. Doch seit meiner Jugend, als mein eigener schmaler, zierlicher Körper sich in einen Hefekloß verwandelt hat, betrauere ich diesen Verlust. Trotz meines zu hohen BMI bin ich gesund und habe perfekte Blutwerte (ich bin nur einfach ein Lauch, was meine Fitness angeht). Dennoch wäre ich lieber dünn und kränklich. Das ist absolut gestört. Ich weiß das, und kann trotzdem nichts daran ändern. Man hat mir die ganze Dünnsein-Kacke einfach zu oft ins Hirn geschissen.

Ich erinnere mich auch noch allzu gut an die Kommentare über meine Brüste in der Umkleidekabine vor dem Sportunterricht in der Schule, die die Attraktion schlechthin waren, weil sie schneller und größer wuchsen als die meiner Klassenkameradinnen. So schnell, dass ich schon als Teenager Hängebrüste hatte, während die anderen Mädchen sich gegenseitig stolz ihre perfekten Titten und die wunderschönen BHS präsentierten, in die sie sie reinpacken konnten. Ich habe in meinem Leben noch nie einen schönen BH besessen. Weil es erstens in meiner Größe keine schöne Unterwäsche gibt, und weil ich mich im Leben nie in einen solchen Laden begeben würde, wo dann womöglich eine Verkäuferin meine Brüste kommentiert. Ich kann nicht nachvollziehen, wie andere Frauen ihre Oberweite lieben und gerne präsentieren können. Ich würde alles dafür geben, sie loszuwerden. Fakt ist: ich kann meinen Körper nicht leiden und unternehme ständig neue Anläufe, um endlich schlank und schön zu werden. Leider klappt’s nie. Seitdem ich mit 14 den Turnverein verließ, hatte ich nie wieder Spaß an Sport. Erst jetzt verstehe ich, dass da unterbewusst immer wieder die alten Verletzungen aufgerissen werden, wenn ich mich daran versuche. Es nicht zu schaffen, abzunehmen, fühlt sich für mich jedes Mal wie Scheitern an. Und Scheitern ist verpönt. Nur schwache Menschen scheitern.

Als ich auf Happy Fat der dänischen Fett-Aktivistin Sofie Hagen stieß, war ich dementsprechend sofort sehr neugierig, aber auch sehr zögerlich. Es klang wie ein einziges Minenfeld an emotionalen Triggern. Deshalb habe ich es bei unserer ersten Begegnung auch in dem kleinen Buchladen in Edinburgh zurückgelassen. Das Schicksal wollte aber scheinbar, dass ich es lese. Und so kam es jetzt in der deutschen Übersetzung zu mir.

Was soll ich sagen: Ich habe es gelesen und unfassbar viel gelacht. Sofie Hagen ist wahnsinnig witzig. Das ist ihr Job, sie ist nämlich Comedian. Ich glaube, dieses Buch ist ab jetzt meine persönliche Bibel. Man kann ja auf verschiedene Arten über Themen sprechen, und ich denke, Happy Fat funktioniert deshalb so gut, weil es dieses eigentlich sehr deprimierende und tragische Thema so gut verpackt und den ganzen Irrsinn, in dem wir leben, mit dem Sarkasmus-Hammer aufspaltet. Schon allein dieses eingeimpfte Bedürfnis, dünn zu sein, damit man in erster Linie fickbar ist und von Männern Anerkennung erntet, ist Patriarchat in seiner reinsten Form und gehört ZERSTÖRT. Und all die Idioten, die meinen, unsere Körper bewerten zu dürfen, während sie selbst aussehen wie Gulasch, gleich mit.

Sofie Hagen berichtet ganz ungeschönt von ihrer Kindheit und Jugend als sehr übergewichtiges Mädchen, von unzähligen Diätversuchen, von Problemen mit Emotional Eating – dem Kompensieren von schlechten Gefühlen mit Essen -, von Essstörungen, von Scham und Schmerz, vom Selbsthass und dem Dicken-Hass einer Gesellschaft, die keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, andere Menschen aufgrund ihres Aussehens zu beleidigen. Sie erzählt davon, wie Männer sich über sie lustig machen und wie hart es ist, eine Sexualität zu entwickeln, wenn dir die ganze Welt täglich kommuniziert, dass du ekelhaft und wertlos bist und dass du gefälligst deine schwabbeligen Stellen niemandem zeigen sollst. Hagen führt uns außerdem vor Augen, wie schlecht dicke Menschen in den Medien dargestellt werden und wie sehr das das allgemeine Urteil über Übergewichtige prägt. Sie sind faul, dumm krank und undisziplinert. Immerzu gegen diese Vorurteile anzuarbeiten, erfordert viel Kraft und ist mit vielen Schlägen in die Fresse verbunden. Verbal und physisch. Deshalb kämpfen viele dicke Menschen zusätzlich zu allem anderen oft auch mit psychischen Erkrankungen. Dieses Buch wäre absolut heart-breaking, wenn es nicht immer wieder so verdammt lustig wäre. Sie hat das schon ganz schlau gemacht, die Sofie, um ihre Leser*innen etwas zu schützen. Das Ding ist nur: Niemand schützt Menschen wie Sofie davor, von Kindesbeinen an behandelt zu werden als wären sie Dreck. Und das wiederum ist ein Gedanke, der mir das Herz endgültig bricht. Ich verdrücke diese Tränen nicht nur für Sofie und damit stellvertretend für alle, die mit sich und ihrem Körper hadern und dazu noch von außen angestachelt werden, sondern auch für mich, für meinen eigenen inneren Teenie, dessen Unsicherheit und Verzweiflung darüber, nicht so zu sein wie die, die als schön und erfolgreich gelten, mich bis heute verfolgt.

Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht erwartet, dass mir das Buch einen völlig neuen Blick auf die Thematik verschafft oder mir womöglich sogar die Augen öffnet und mir den Weg ebnet zu einem liebevolleren Blick auf mich selbst. Ich glaube, das wird in diesem Leben nicht mehr passieren. Ich trage die toxischen Gedanken der Mode- und Abnehmindustrie viel zu tief in meinem Bewusstsein. Dennoch steckte in dem Buch sehr viel neuer Input für mich. Zum Beispiel die erneute Auseinandersetzung mit der Body Positivity-Bewegung, die ich aus den sozialen Medien kenne und die ich auch selbst des Öfteren zitiert oder für mich beansprucht habe. Hagen zeigt sehr verständlich auf, dass auch diese Bewegung nur ein Kind der Marketingwelt ist, die ihre Produkte unter die Leute bringen möchte. Body Positivity wirbt mit Körperbildern, die sich noch in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen der Übergewichtigkeit bewegen. Völlig außer Acht gelassen werden allerdings alle, die mehr wiegen und die gesellschaftlich eben nicht mehr akzeptiert werden. Deren Kleidergrößen es nirgendwo zu kaufen gibt. Die auf der Straße beleidigt werden. Es ist wie ein 2-Klassen-System. Du kannst dick sein, aber noch dünn genug, um wenigstens T-Shirts bei H&M zu finden. Oder du bist so dick, dass alle es ok finden, über dich zu urteilen und dich nicht mehr wie einen Menschen zu behandeln.

In ihrem Buch führt Hagen einige Interviews mit anderen dicken Menschen und erklärt auch durchgehend Begriffe, die sie verwendet, zu denen auch die in diesem Artikel gebrauchten Begriffe Emotional Eating und Body Positivity gehören. Es ist kein Buch für übergewichtige Menschen. Es ist ein Buch für alle, und vielleicht auch besonders für die, die noch nie wirklich gravierende Probleme mit ihrem Gewicht und ihrem Körper hatten. Vielleicht hilft es, die eigenen Ansichten und Handlungen zu überdenken, wenn man mal einen Einblick in die Lebensrealität diskriminierter Personengruppen bekommt. Es hört ja bei den persönlichen Beleidigungen leider nicht auf. Dicksein wirkt sich auch auf die Chancen am Arbeitsmarkt aus. Auf die Partner*innensuche. Aufs Reisen. Auf alles.

Was ich durch dieses Buch auf jeden Fall auch gelernt habe: obwohl ich im Gegensatz zu Sofie Hagen und den meisten anderen Menschen, von denen sie erzählt, wohl eher eine dieser skinny-fat-people bin, also wie oben schon erwähnt, zwar übergewichtig, aber noch gesellschaftlich akzeptiert übergewichtig, wirken auf mich dieselben Einflüsse und werde ich mit denselben Vorurteilen konfrontiert und unter denselben Abnehm-Druck gestellt wie sehr übergewichtige Menschen. Weil unsere Gesellschaft nun mal so funktioniert, dass alles, was von einem genormten Ideal abweicht, als schlecht und verbesserungswürdig wahrgenommen wird. Ich werde den Kampf gegen die toxischen Gedanken in meinem Kopf weiterhin kämpfen. Langsam merke ich, dass sich manchen Dinge tatsächlich etwas verschieben. Auch wenn ich wohl nie ganz frei davon sein werde, meinen Körper als fehlerhaft zu sehen, so fange ich immerhin damit an, zu akzeptieren, dass es diese Phasen gibt, in denen ich mich nicht wohl in meiner Haut fühlte. Ich habe wieder mit Sport angefangen und meine Ernährung umgestellt und richte das Abnehmen zum ersten Mal in meinem Leben längerfristig aus. Mein Hauptziel dabei ist ein GESUNDER und FITTER Körper. Ich quäle mich nicht mehr durch Crash-Diäten, die mich nur unglücklich und frustriert machen. Das ist ein erster Schritt in Richtung eines liebevolleren Umgangs mit mir selbst. Oh, und ich werde Sofie Hagens Comedy-Shows anschauen. Denn Lachen ist vielleicht die einzige Sache, die gegen Frust genauso gut hilft wie Schokolade.

Ich danke dem DuMont-Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Happy Fat. Nimm dir deinen Platz! Von Sofie Hagen erschien 2020 bei DuMont. Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Happy Fat. Taking up space in a world that wants to shrink you bei 4th Estate, einem Imprint von Harper Collins.

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6 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. wow danke für diesen großartigen text und den intimen einblick in dein leben. wir sollten uns viel öfter sagen wie großartig und verdammt schlau wir sind. liebste grüße

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  2. Sehr cooler Artikel, danke dafür! Übrigens finde ich es ganz zauberhaft, dass du viel von dir erzählst. Genau das macht für mich einen richtig guten Blog aus, und wir sollten uns sowieso alle viel öfter mal was von uns erzählen:-) Liebe Grüße, Nina

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  3. Genau! Deshalb ist dein Blog ja so toll. Ehrlich und jedes Buch gleich ganz nahbar. Und schlaubischlau darfst du dich ohne Witze nennen ❤

    Ich esse jetzt Schockolade die mir eine gewisse Person aus England geschickt hat. Mein BMI rutscht sonst noch in Normalbereich. Das passt nicht zur Schlafanzugfigur 🙂

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