Black Lives Matter. Angie Thomas. The Hate U Give

Von Anfang an bemühe ich mich, auf meinem Blog nicht nur Bücher vorzustellen, in denen weiße Charaktere sich durch weiße Lebensrealitäten bewegen. Ich arbeite kontinuierlich an meinem Bewusstsein für mein white privilege – die Privilegien, die sich allein aus meiner Hautfarbe ergeben. Ich habe noch nie rassistische Diskriminierung erfahren und werde auch nie wissen, wie es sich anfühlt, wenn ich aufgrund meiner Hautfarbe einen Job nicht bekomme oder auf der Straße mit Begriffen beschimpft werde, die auf die Kolonialzeit zurückgehen und mich jedes Mal schmerzlich daran erinnern, dass Menschen, die so aussehen wie ich, von vielen anderen Menschen als minderwertige Lebensform angesehen werden. Alles, was ich tun kann, ist mich darum zu bemühen, in meiner eigenen Lebensrealität Diversität zur Tagesordnung zu machen. Bücher zu lesen, die in anderen Lebensrealitäten spielen als in meiner. People of Color zuzuhören und zu reflektieren, was sie sagen, ohne mit Whataboutism zu antworten (Whataboutism ist ein häufig auftretendes Phänomen, gerade wenn es um Rassismus geht. Es meint, dass man, wenn jemand über ein Thema spricht, beispielsweise ihre/seine persönliche Diskrimierungserfahrung, mit einem anderen Thema reingrätscht, um das Argument der/des anderen zu schwächen. “Aber was ist mit meiner Geschichte? Ich hab ja wohl auch Schlimmes erlebt!” – so geht Zuhören NICHT.) Ich lerne stetig dazu, also kann es natürlich auch vorkommen, dass ich hier mal etwas schreibe, das aus meiner Unwissenheit resultiert. Ich möchte niemanden verletzen, aber manchmal passiert es dann doch, dass man mal einen falschen Begriff verwendet. Es ist eine Lernkurve. Und es geht vor allem um die Bereitschaft zu lernen und vielleicht alte Verhaltensmuster mal selbstkritisch zu hinterfragen.

Das folgende Buch hatte ich letztes Jahr auf meinem Instagramaccount vorgestellt, den ich jetzt gerade schließe. Das Thema ist aktueller denn je. Vor ein paar Wochen wurde George Floyd in Minneapolis bei einer Polizeikontrolle von einem Polizisten getötet – Floyd hatte den Beamten keinerlei Anlass dazu gegeben. Er wendetet keine Gewalt an, war nicht bewaffnet. Der Fall ging um die Welt und löste unzählige Proteste aus. George Floyds Tod markiert den Höhepunkt einer langen Geschichte der Polizeigewalt gegen People of Color, die unverhältnismäßig oft bei Routine-Einsätzen getötet werden oder gegen die Maßnahmen, die zum Tod führen, deutlich häufiger eingesetzt werden als bei weißen Personen. The Hate U Give könnte aktueller nicht sein – und deshalb möchte ich es euch allen ans Herz legen.

Manchmal gehen Bücher, die sehr groß besprochen und gehypt werden, voll an mir vorbei und wenn ich sie dann irgendwann doch lese, ärgere ich mich sehr darüber, es nicht früher getan zu haben. So geschehen auch bei The Hate U Give von Angie Thomas. Totally worth the Hype, find ich. Mich hat es von der ersten bis zur letzten Seite gepackt. Nicht nur, weil ich die Protagonistin Starr und ihre Familie wahnsinnig gern mochte. Sondern auch, weil es die Geschichte so eine intensive Mischung aus Teenie-Leben und bitterer, grausamer Realität ist. Starr lebt in einer Schwarzen Community in einer fiktiven Stadt in Amerika und bekommt gleich zu Beginn der Story mit, wie ihr langjähriger Freund Khalil während einer Polizeikontrolle von einem (weißen) Polizisten erschossen wird. Ohne jeglichen Grund. Khalil gehörte zwar einer jener kriminellen Gangs an, die in Starrs Viertel das Sagen haben und wegen denen es oft zu gewaltigtätigen Ausschreitungen kommt, doch hat er in der besagten Situation tatsächlich rein gar nichts gemacht, was auch nur eine Verhaftung gerechtfertigt hätte.

Thomas‘ Buch ist eine Auseinandersetzung mit willkürlicher Polizeigewalt in Amerika und den rassistisch motivierten Vorfällen, die dort leider zur Tagesordnung gehören. Was mir besonders gut gefallen hat: Thomas zeichnet nicht das Bild von Gut und Böse, sondern schildert eben auch die Gewalt und die Abgründe innerhalb der Schwarzen Community (neben der Geborgenheit, die Starr dort auch erfährt!) – nicht jedoch, ohne hierfür auch die Hintergründe zu erklären: dass es für so viele eben keine Perspektiven gibt und sie beispielsweise im Drogenhandel landen, weil Amerika ihnen keine Chance gibt, ihnen Zugang zu Bildung und weißen Privilegien gewährt und sie eben aufgrund ihrer Hautfarbe stigmatisiert. Starr, die auf eine Schule in einem weißen Viertel geht, wird täglich mit den zwei Welten konfrontiert, zwischen denen sie sich bewegt und innerhalb derer sie sich jeweils irgendwie anpassen muss. Nach Khalils Tod gerät sie außerdem in heftige Gewissenskonflikte. Soll sie über die Umstände seines Todes schweigen und damit hinnehmen, dass ihr Freund in der Öffentlichkeit denunziert und die Tat des Polizisten gerechtfertigt wird? Oder soll sie die Stimme erheben und riskieren, selbst ins öffentliche Kreuzzfeuer und ins Visier von Khalils Gang zu geraten?
Ich war sehr berührt vom Verlust, den Starr und Khalils Familie erleiden und sich gleichzeitig damit herumschlagen mussten, wie Khalil in den Medien dargestellt wurde. Ich war zusammen mit Starr wütend, verzweifelt und hilflos. Und bin mit ihr zusammen gewachsen.

The Hate U Give wurde 2018 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und ist zwar rein formal ein Jugendbuch, aber wie so oft finde ich, dass es unbedingt auch von Erwachsenen gelesen werden sollte. Nicht nur, weil ich finde, dass Erwachsene durch Bücher eben auch gute Einblicke in die Innen- und Außenwelt von jungen Menschen bekommen, sondern, wie eingangs erwähnt: Lesen ist der ALLEREINFACHSTE Zugang in andere Lebensrealitäten. So easy bekommt ihr den sonst nirgends! The Hate U Give ist außerdem eines dieser Bücher, von denen ich hoffe, dass es von engagierten, weitblickenden Lehrer*innen gegen vom Lehrplan empfohlene staubige Schinken ausgetauscht und mit den Schüler*innen diskutiert wird (hey, nix gegen staubige Schinken, aber ganz ehrlich: was haben wir aus Romeo&Julia denn großartig gelernt, außer, dass es die Nachtigall war und nicht die Lerche? – meiner Meinung nach gehört Lektüre in den Schulunterricht, die die Kids abholt, die modern geschrieben ist und aktuelle Themen behandelt, mit denen die Kinder und Jugendlichen auch in ihrem Alltag zu tun haben. Falls sie richtig Bock auf Literatur kriegen, können sie auf den staubigen Schinken dann im Germanistikstudium rumkauen bis ihnen die Zähne bluten, kein Problem).

The Hate U Give von Angie Thomas erschien erstmals 2017 bei Harper Collins. Die deutsche Ausgabe erschien 2017 in der Übersetzung von Henriette Zeltner bei cbj.

Jugendbuch Romane

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Dein Beitrag kommt für mich gerade zur richtigen Zeit: Im Gegensatz zu dir muss ich nämlich leider zugeben, dass ich viel zu selten darauf achte, mich mit Büchern und Filmen auseinanderzusetzen, die außerhalb von Europa und den USA spielen. Das versuche ich jetzt aktiv zu ändern und bin daher für so tolle, informierende Vorschläge immer sehr dankbar. 🙂 Der Roman klingt echt super und deine Rezension macht große Lust, noch mehr in die Geschichte einzutauchen. 🙂

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