Keine Strandlektüre. Anna Burns. Milkman

“What if one person happened to be sane, longest friend, against a whole background, a race mind, that wasn’t sane, that person would probably be viewed by the mass consciousness as mad – but would that person be mad?”

Immer wieder mal gibt es da so ein Buch, das mich richtig herausfordert, bei dem das Lesen an sich zu einer Challenge wird, die mir meine Grenzen aufzeigt und mich dazu anspornt, sie zu überwinden. Ich habe Anna Burns‘ Roman Milkman im englischen Original gelesen. Normalerweise bemerke ich den Unterschied zu Texten in meiner Muttersprache dabei gar nicht. Ich lese schon so lange auf Englisch und es ist ja inzwischen nun auch meine Alltagssprache geworden, sodass ich nur ganz selten mal Wörter nachschlagen oder meinen Freund um die Erklärung einer Redewendung bitten muss.

ANSPRUCHSVOLL UND DICHT

Bei Milkman war das anders. Milkman hat nicht nur meine Lesegeschwindigkeit extrem gedrosselt, sondern mich auch dazu gezwungen, Sätze mehrmals zu lesen und Wörter teilweise im Kopf auszubuchstabieren, damit ich sie erfassen kann. Irgendwann habe ich das Buch sogar meinem Freund in die Hand gedrückt und ihn darum gebeten, ein paar Seiten zu lesen. Und er bestätigte meinen Eindruck: Anna Burns Sprache ist eine Herausforderung, auch für Muttersprachler. Ich winde mich vor Verzückung, wenn Autor*innen es schaffen, die Komplexität der inhaltlichen Sachlage auch auf die Form des Textes zu übertragen. Das ist Burns hier gelungen. Milkman ist ein sprachlich sehr dichter Text, bei dem jedes Wort einen Dominoeffekt auslöst. Vom ersten Satz an zieht sie ihre Leser*innen hinein in ein Szenario, aus dem sich die kluge, wortgewandte Protagonistin trotz aller Scharfsinnigkeit nicht herausmanövrieren kann. Ich habe, obwohl ich in meiner Lesegeschwindigkeit ausgebremst war, von Anfang an gefühlt, was für eine Sogwirkung dieser Text hat. Versteht mich nicht falsch: ich mochte es sehr, dass ich mich durch diesen Text nicht einfach hindurchlesen konnte. Das Buch hat mich über mehrere Wochen begleitet, und es war Arbeit, den Anschluss an die Handlung aufgrund der Sprache nicht zu verlieren – Arbeit, die ich gerne leiste, weil Sprache für mich auch Weiterentwicklung bedeutet, vor allem, wenn es um eine Fremdsprache geht. Falls ihr das Buch auf Deutsch lest, lasst mich unbedingt wissen, wie euer Eindruck war. Mich interessiert natürlich brennend, ob es die deutsche Übersetzung schafft, diese, wie ich finde sehr wichtige, sprachliche Ebene adäquat ins Deutsche zu übertragen, ohne dass der Eindruck verloren geht, wir hätten es mit einem Bericht der Protagonistin zu tun, der ungefiltert aus ihr heraussprudelt, mit vielen, vielen Nebenanekdoten und Erklärungen und Gedankensprüngen.

DU BIST DOCH SELBST SCHULD

Beinahe atemlos wirkt der Text. Als wäre die Erzählerin, ein 18-jähriges Mädchen, eine Getriebene. Und das ist sie tatsächlich: es beginnt alles damit, dass ein fremder Mann sie auf ihrer Joggingrunde anspricht. Schnell entwickelt sich das Ganze zu einem handfesten Stalking-Fall. Der Mann stellt ihr nach, taucht immer wieder ohne Vorwarnung auf, weiß intime Dinge von ihr. Es entsteht eine Atmosphäre der Hilflosigkeit und Beklemmung, nicht nur in dem Mädchen, auch in den Leser*innen. Denn es wird deutlich, wie wahnsinnig perfide und zerstörerisch Stalking sein kann. Kein einziges Mal fasst der Mann sie an. Jedes seiner Worte scheint mit Bedacht gewählt zu sein. Er droht ihr, ohne verbal zu drohen. Damit, dass ihr Freund durch eine Autobombe getötet werden könnte zum Beispiel. Vielleicht noch schlimmer als dieser Mann selbst ist die Reaktion ihres Umfeldes: plötzlich wollen Nachbarn und Mitglieder aus der Community gesehen haben, wie sie mit dem Mann unterwegs ist. Man dichtet ihr eine Affäre mit ihm an, Gerüchte verbreiten sich wie Pilzsporen, wachsen sich aus, werden zu Selbstläufern. Jeder Versuch, sich zu verteidigen oder zu erklären, schlägt fehl. Ihre eigene Mutter, sogar ihre älteste Freundin glauben ihr nicht, werfen ihr vor, sich zum Negativen verändert zu haben, mit ihrer Art und ihrem Verhalten Männer auf sich aufmerksam zu machen, selbst daran schuld zu sein, dass man sie jetzt misstrauisch beäugt. Bis sie schließlich sogar zum Outcast erklärt und auf eine Stufe mit Verbrecher*innen und aus der Community verstoßenen erklärt wird. Die Sache wird zum Selbstläufer.

FORMAL UNGEWÖHNLICH

Diese inhaltliche Beschreibung wird der Komplexität des Textes aber bei Weitem noch nicht gerecht. Eine Besonderheit von Anna Burns Text ist sicherlich auch, dass er völlig ohne Namen oder konkrete Benennungen auskommt. Auf Menschen wird lediglich mit ihrer gesellschaftlichen Funktion oder ihrer Funktion innerhalb dieser Geschichte referiert. Die Protagonistin ist middle-sister. Die Männer ihrer Schwestern durchnummerierte Brother-in-laws. Der Junge, mit dem sie ausgeht, ist maybe-boyfriend. Der Stalker ist milkman, obwohl er gar kein echter Milchmann ist, aber in einem Transporter herumfährt wie der Milchmann. Sehr ungewöhnlich und clever ist diese Entscheidung der Autorin, ihre Figuren gleichzeitig zu anonymisieren und zu generalisieren und damit auf etwas Wichtiges zu verweisen – so, wie es diesem Mädchen ergangen ist, ergeht es vielen.

NORDIRLAND-KONFLIKT

Auch das Setting und die zeitliche Verortung der Geschichte bleiben unkonkret, es ist aber offensichtlich, dass wir uns im Nordirland der 1970er Jahre befinden. Nicht nur, weil die Autorin selbst aus Nordirland stammt, sondern auch, weil der Alltag der Protagonisten von bürgerkriegsähnlichen Unruhen, von Bombenattentaten und Geiselnahmen bestimmt wird. Die Geschichte des Konflikts in Nordirland ist komplex und ich kann ihn hier in allen seinen Dimensionen nicht wiedergeben – da ich selbst auch bis zur Lektüre dieses Romans nur rudimentäres Wissen darüber hatte. Nur so viel: Nordirland befand sich von 1969 bis 1998 in einem bürgerkriegsartigen Zustand, der zwischen den zwei großen Bevölkerungsgruppen ausgetragen wurde: den Katholiken und den Protestanten. Diese Spaltung geht, sehr grob gesagt, zurück auf die Teilung Irlands in die Republik Irland und Nordirland im Jahr 1922 und findet zwischen den ursprünglichen Iren (Katholiken) und Siedlern aus Schottland und England (Protestanten) statt. Der Konflikt umfasst nicht nur religiöse Themen, sondern alle gesellschaftlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und eben religiösen Bereiche. Unmut entstand vor allem dadurch, dass sich die Katholiken gegenüber den Protestanten immer benachteiligter fühlten. Paramilitärische Organisationen beherrschten die jeweiligen Gebiete der beiden Gruppen und sahen sich als Interessenvertreter der Leute. Es herrschte eine Art organisierte Selbstjustiz und es gab ungeschriebene Gesetze, auf die Milkman immer wieder Bezug nimmt. Gewalt und Terror gehörten zum Alltag in Nordirland, unzählige Paramilitärs und Zivilisten wurden getötet.[1] 

Mit diesem Hintergrundwissen versteht man, weshalb die Protagonistin von allgegenwärtiger Überwachung, Straßen, die wie Schlachtfelder aussehen, nachdem Menschen von Autobomben zerfetzt wurden, patrouillierenden Paramilitärs, terrorisierenden IRA-Mitgliedern und  getöteten Familienmitgliedern und Bekannten mit einer Selbstverständlichkeit berichtet, als wäre es das Normalste von der Welt. Straßen sind nach Religionszugehörigkeit voneinander getrennt. Es gibt keinen Zugang zu den Ländern „hinter der Grenze“ oder „auf der anderen Seite des Meeres“ (Irland und England). Der Milkman selbst ist, wie sich herausstellt, einer der „Verweigerer“ der IRA, der Irish Republican Army, einer Terrororganisation, die auch im Stadtteil der Protagonistin Angst und Schrecken verbreitet und die Zivilbevölkerung bedroht.

Die Geschichte Nordirlands zu kennen eröffnet sicherlich einen größeren Zugang und Interpretationsspielraum für diesen Text, aber selbst ohne genaue Kenntnisse wird deutlich, dass wir uns in einem Szenario befinden, in dem die individuelle Freiheit stark eingeschränkt ist und die Menschen sich permanent in Lebensgefahr befinden. An einem Ort gesehen worden zu sein, an dem man nicht sein sollte (das kann auch einfach der falsche Laden auf der falschen Seite der Straße sein!) und jedes falsche Wort können dazu führen, dass man getötet wird. Es reicht aber auch, wenn jemand behauptet, dass man irgendwo gewesen ist oder etwas Falsches gesagt hat. Insofern ist es auch verständlich, dass der Druck auf die Protagonistin wächst, je mehr Gerüchte über sie erzählt werden und je mehr man sie mit dem Milkman in Verbindung bringt, der eine politische Risikoperson darstellt und unter Beobachtung steht. Hinzu kommt, dass das Mädchen vorher schon Tendenzen erkennen ließ, irgendwie „anders“ zu sein, sich ein Stück individuelle Freiheit zu nehmen, die in einer solchen Terrordiktatur niemandem zustehen. So liest sie im Gehen, vorzugsweise Lektüre aus dem 19. Jahrhundert, und ist gern für sich allein. Indem sie versucht, sich aus dem Geschehen herauszuziehen, sich autodidaktisch zu bilden und im selbstständigen Denken übt, leistet sie Widerstand, der ihrem Umfeld sauer aufstößt. Auch auf anderen Ebenen weigert sie sich, sich den Regeln zu beugen. Sie ist unverheiratet und kinderlos und lässt kein Interesse daran erkennen, diesen Zustand so bald oder jemals ändern zu wollen. Und es gibt auch noch andere Figuren im Roman, die Akte der Auflehnung erkennen lassen. So trifft sich beispielsweise eine Gruppe Frauen regelmäßig, um feministische Themen zu diskutieren. Die Protagonistin selbst besucht einen Französischkurs und zeigt mit ihren spöttelnden, kritischen, reflektierten und eigensinnigen Kommentaren immer wieder, dass sie nicht bereit ist, sich dem System zu beugen, ganz egal, wie sehr man sie bedroht.

AKTUELL UND RELEVANT

Was ich so genial am Stilmittel, alles vage zu halten und nicht zu benennen finde, ist, dass sich somit viele der Themen aus der erzählten Zeit lösen und zeitunabhängig betrachten lassen. Dass eine Frau von einem Mann bedrängt und psychisch (oder körperlich!) missbraucht wird, ihr das aber niemand glaubt und sie stattdessen hingestellt wird, als sei sie an ihrer Lage selbst schuld, kommt uns doch irgendwie nur allzu bekannt vor. Milkman thematisiert aktuelle und leider (!) zeitlose Probleme wie Misogynie und Gewalt gegen Frauen ebenso wie die Gefährlichkeit von Machtstrukturen, in denen eine Gesellschaft selbst zu den ausführenden Instrumenten wird. Jeder beschattet und bespitzelt und beschuldigt jeden, um so hoffentlich die eigene Haut zu retten. Das erinnert auch ein bisschen an Stasi-Zeiten.

Burns‘ Roman ist zugegeben keiner, den man sich als nette Strandlektüre reinpfeift. Er löst Beklemmungsgefühle aus und fordert seine Leser*innen geradezu auf, etwas Recherche zu betreiben, um die vielen Andeutungen und das beschriebene politische System verstehen und interpretieren zu können. Gleichzeitig sind sowohl das Thema des Unterdrücker-Staates und die Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen einzelner aktuell und relevant. Gerade deshalb hat sie wohl – als erste nordirische Autorin – 2018 den Man Booker Prize erhalten. Als Lektüre, die herausfordert und nachdenklich macht sei das Buch hier dringend empfohlen.

Anna Burns. Milkman erschien 2018 bei Faber & Faber. Die deutsche Übersetzung von Anna-Nina Kroll erschien 2020 bei Klett-Cotta/Tropen.


[1] https://www.fluter.de/nordirland-konflikt-brexit-einfach-erkl%C3%A4rt [Stand 15.06.2020]

Romane

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich habe vor es auf Deutsch zu lesen, die Üebersetzung soll ja ziemlich gut sein, sowas muss man ja auch wuerdigen. Liegt hier rum, wird hoffentlich bald gelesen. 🙂

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