Rowling im öffentlichen Kreuzfeuer – darf ich Harry Potter jetzt noch mögen?

Jüngst hat JK Rowling mit einem Post auf Twitter für Unmut gesorgt, als sie einen Artikel, in dem es um menstruierende Menschen ging, damit kommentierte, dass es für diese Menschen doch mal ein Wort gab – sie zielt auf “Frauen” ab. In weiteren Posts schrieb sie, dass sie an die Existenz des biologischen Geschlechts glaube – Sie liebe Transmenschen, die dürften sich auch alle gern anziehen, wie sie wollen und in ihrer eigenen Geschlechtsrealität leben, aber ein Mann bleibt nun mal ein Mann und eine Frau eine Frau, das ist unterm Strich ihr Tenor. Später, nachdem die Vorwürfe, sie sei transfeindlich, nicht mehr ignoriert werden konnten, veröffentlichte sie eine ausführliche Erklärung ihrer Position auf ihrer Website. Es dauerte auch nicht lange, bis sich gefühlt das gesamte Internet empört gegen Rowling wandte. Zahlreiche Schauspieler*innen aus den Harry Potter Filmen distanzierten sich klar von der Haltung der Autorin und bekundeten ihre Solidarität mit der Transcommunity. Die wiederum war so richtig in Rage. Das Internet war voll mit vulgären Beschimpfungen gegen Rowling, sogar mit Morddrohungen. Man rief die Harry-Potter-Fanbase zum Boykott gegen ihre einstige Ikone auf.

Aber stopp mal. Ist Rowling wirklich transphob? Und darf ich jetzt eigentlich Harry Potter nicht mehr mögen? Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich hier einen Artikel veröffentlichte, in dem ich meine flammende Liebe zu Harry Potter – und seiner Erfinderin! – kundtat. Ich bin ein Fan der ersten Generation. Die Charaktere aus den Büchern sind wie Freunde für mich, die zeitgleich mit mir aufwuchsen und die mir immer eine Zuflucht gewährten, wenn die Realität nicht auszuhalten war. Rowling habe ich immer dafür bewundert, sich diese hochkomplexe Geschichte ausgedacht zu haben. Noch dazu, während sie in sehr prekären Umständen lebte. Ich hatte die ersten Vorfälle, wegen derer Rowling bereits in der Vergangenheit der Transfeindlichkeit beschuldigt wurde, nicht mitbekommen, weil ich nicht bei Twitter bin und ihr Profil dort nur sporadisch kannte – aufgrund ihrer Anti-Trump-Posts, denen ich zustimme, hab ich es tatsächlich auch nie weiter in Frage gestellt. Erst jetzt, als ihr Tweet so große Wellen abseits von Twitter schlug, bekam ich die Debatte mit. Und ich war schockiert. Sollte die Frau, die sich Figuren wie Hermine, Neville und Luna ausgedacht hat, die nicht in die Normvorstellungen der Gesellschaft, in der sie leben, passen und trotzdem unbeirrt sie selbst sind und bleiben, die Frau, die mir, die sich seit jeher als Weirdo fühlt, der nirgends richtig reinpasst, Identifikationsfiguren geschenkt hat – sollte diese Frau wirklich jetzt gegen Menschen schießen, die sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen als dem, mit dem sie geboren wurden und die darum bitten, als dass man sie mit einem anderen Pronomen anspricht und ihr Geschlecht anders liest? Dass man sie toleriert und respektiert, wie sie sind? Dass man ihre Traumata ernst nimmt und nicht mit Pauschalisierungen und Abwertungen reagiert? Und nicht darauf herumreitet, dass die Biologie aber was anderes sagt?

Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht auf eine eigene Meinung. Und wenn JK findet, dass die Biologie über die Soziologie geht, dann wird ihr das niemand ausreden können. Ich finde, dass man als eine so berühmte Autorin eine große Verantwortung trägt und aufpassen sollte, was man wie in die Weiten des Internets posaunt. Rowling lebt ja hoffentlich nicht so weit hinter dem Mond, dass ihr entgangen ist, dass unter ihren Fans viele Transpersonen sind. Da sie diese bereits früher schon verärgert hat, hätte man von ihr hier durchaus Fingerspitzengefühl erwarten können. Man muss sich bei solchen Aussagen auf so großen Plattformen auch immer fragen: war das eine bewusste Provokation? Oder hat sie nicht genug nachgedacht, bevor sie es postete? Wir alle wissen wohl, wie schnell man mal was ins Internet bläst, das man hinterher bereut. Fehler machen ist menschlich.

Ich habe nach meiner anfänglichen Reaktion der Wut und Abkehr von Rowling angefangen, alle Positionen und Diskussionen über dieses Thema zu lesen. Oft ist es ja so, dass man erstmal alle möglichen Argumente verstehen und nachvollziehen können muss, um seine eigene Meinung besser zu fundieren. Ich finde nach wie vor, dass Rowling sich hier in die Nesseln gesetzt und nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Ich stimme ihren Aussagen nicht zu. Kluge Frauen haben aber beispielsweise auf Instagram darauf hingewiesen, dass man auch den Kontext nicht außer Acht lassen darf, in dem diese Aussagen entstanden sind. So ist Großbritannien leider nicht für seine Toleranz gegenüber Transpersonen bekannt. Transfeindlichkeit ist hier, wie auch in Deutschland, ein ebenso großes Problem wie Rassismus.

Weitaus wichtiger finde ich aber, dass das Thema viel, viel komplexer ist, als es anfänglich scheint. Ich bin ehrlich: ich stecke in allem, was Transgender-Identitäten betrifft, gar nicht tief genug in der Materie drin, um die ganze Debatte in all ihren Dimensionen verstehen zu können. Schon allein die Fülle an Begriffen überfordert mich und ich habe, bevor ich diesen Artikel schrieb, erstmal eine Stunde gegoogelt. Deshalb kann ich euch auch keinen umfänglichen Überblick darüber geben, wie weitreichend die Thematik tatsächlich ist.

Ich kann aber doch sagen, dass ich es so verstehe, dass hinter allem Debatten darüber stehen, dass die Forderung von nicht-binären Personen und Trans Frauen nach vollständiger sprachlicher Inklusion all jene Themen untergräbt, für die Femininistinnen seit Jahrzehnten kämpfen. In einem Artikel in der ZEIT wird als Beispiel die Umbenennung des “Internationalen Frauenkampftages” in “Feministischer Kampftag” genannt, um niemanden auszuschließen, womit aber der ursprüngliche Begriff ausgelöscht und dem Patriarchat in die Hände gespielt werden könnte – weil die Sichtbarkeit von „Frauen“ eben wieder abnimmt. Es geht bei der ganzen Diskussion also im Grunde darum, dass zwei Gruppen, die weitreichende Erfahrungen mit Diskriminierung und Unterdrückung gesammelt haben – Transpersonen und Frauen (damit meine ich hier jetzt Personen, die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden und eine weibliche Identität leben) – im Interessenkonflikt stehen. Das wird auch aus Rowlings Statement deutlich, in dem sie über ihre eigene Erfahrung mit häuslicher Gewalt schreibt. Viele Feministinnen befürchten, dass durch eine Inklusion von Transpersonen viele Forderungen, die Frauen im Zuge der Gleichstellung und Unabhängigkeit aufstellen, verwässern.

Nicht zuletzt sollte man sich einfach mal den langen Text durchlesen, den Rowling auf ihrer Website veröffentlicht hat. Darin zeichnet sich nämlich ein ganz anderes Bild als in ihren sarkastischen Tweets auf Twitter. Vielleicht liegt hier einfach mal wieder das Problem in der Art und Weise der Kommunikation. Ich stimme zwar auch nicht allem zu, was sie hier sagt, aber in ihrem Statement erscheint mir Rowling ganz und gar nicht transfeindlich. Sie wirft jedoch einen kritischen Blick auf die Forderung, dass sich Transpersonen ohne große Hürden Operationen zur Geschlechtsangleichung unterziehen können und verweist auf etwaige Probleme und Reuegefühle, die auftreten können, wenn sich eine Person schon in jungen Jahren operieren lässt. Inwiefern das Argument tragbar ist, mag ich nicht beurteilen. Ich finde aber, dass es möglich sein muss, Kritik sachlich (!) zu äußern, ohne dass man gleich einen massiven Shitstorm abbekommt. Immerhin werden feministische Positionen auch ständig kritisiert und hinterfragt. Das ist nicht schön, aber nun mal die Realität. Wir leben in einer Welt des Diskurses, in der ständig unterschiedliche Standpunkte aufeinandertreffen. Weiterhin äußert Rowling Bedenken darüber, jeder Person, die sich als Transfrau definiert, ohne weiteres Zugang zu beispielsweise Frauen-Umkleidekabinen und Frauentoiletten zu gewähren – und so einen Raum zu schaffen für jene, die das ausnutzen könnten. Ich sehe hier eine Frau, die ihren Standpunkt mit Argumenten untermauern kann, die nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Sie steht ja eindeutig auf der Seite der Unterdrückten. Sie macht deutlich, dass sie den derzeitigen Transaktivismus deshalb kritisch betrachtet, weil das, was die Aktivistinn*en fordern, zum Beispiel eine inklusivere Sprache, für viele Frauen eben bedeutet, dass sie sich entmenschlicht fühlen, wenn sie als “Menschen mit Vulva” bezeichnet werden sollen – und das wiederum resultiert aus ihrer eigenen Geschichte, in der sie vom Patriarchat auf ihre Geschlechtsorgane reduziert und sexualisiert werden. Wie oben bereits geschrieben, prallen hier zwei unterdrückte, diskriminierte Gruppen aufeinander und sind nicht fähig, die andere Seite ohne Groll und Argwohn zu betrachten. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass bei der Verteufelung Rowlings an vielen Stellen zu kurz gedacht und ihr von Anfang an keine Chance mehr gegeben wurde, um sich zu erklären.

Ich muss auch sagen, dass ich auch die Reaktionen der betroffenen Seite teilweise haarsträubend fand. Das zeigt aber eigentlich nur mal wieder, wie wenig das Internet ein geeigneter Ort für sachliche Diskussionen ist. In der Anonymität der Nicknames wird oft sofort beschimpft, beleidigt und bedroht. Sorry, aber das ist genauso schlimm wie transphobe Statements abzugeben.

Darf ich denn nun Harry Potter noch mögen? Ich für mich sage: Ja. Darf ich. Die Bücher sind lange vor Rowling unseligen Twitter-Eskapaden entstanden. Das darin vermittelte Bild von Freundschaft und Werten wie Toleranz und gegenseitigem Support verliert seine Aussage nicht durch Rowlings aktuelle Aussagen.

Mir ist klar, dass das Thema für sehr viele Menschen emotional aufgeladen ist und dass hier sehr viele verschiedene Meinungen herrschen. Bitte achtet dennoch auf einen fairen und respektvollen Umgangston, wenn ihr unter meinem Beitrag kommentiert. 

11 Kommentare

  1. Rowling hat den Bezug zur Realität ein wenig verloren – und ich den Bezug zu ihr. Harry Potter war ein toller Erfolg, aber der scheint ihr etwas zu Kopf gestiegen zu sein. Ich mag sie schon seit ihren Krimis unter ihrem Pseudonym nicht mehr besonders und kaufe auch keine neuen Bücher mehr von ihr.

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    • Ich mochte ihre anderen Bücher auch nur so semi. Aber woran machst du fest, dass sie den Bezug zur Realität verloren hat? Ich finde sie bei anderen Themen – wie sie Donald Trump verballhornt zum Beispiel – immer recht scharfsinnig und witzig.

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      • Sie ist sehr unsensibel im Umgang mit anderen Menschen. Sie geht sehr schnell in eine Art Angriff mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, ohne darüber nachzudenken, wie das in ihrer Position (und mit der Vorbildfunktion, die sie ja doch für eine bestimmte Altersklasse hat) rüberkomme. Sie schwebt durch ihre eigene Blase…

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      • Da geb ich dir vollkommen Recht, was die Unsensibilität und die Vorbildfunktion angeht! Das meinte ich in meinem Beitrag hier ja auch. Ich finde aus diesen Gründen generell Twitter schwierig, weil da so ein rauer Umgangston herrscht, sich viel über andere lustig gemacht wird. Auf ihrem Blog schlägt sie ja einen ganz anderen Ton an. Also grundsätzlich: ja, dass sie unsensibel ist und damit andere vor den Kopf stößt, lässt sich leider nicht leugnen.

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  2. Viele deiner Gedanken ähneln meinen eigenen. Ich finde die Debatte sehr schwierig und nicht so schwarz/weiß wie sie in vielen sozialen Medien gerade dargestellt wird. Ich bin auch froh, dass JKR ihre Gedanken auf ihrem Blog mal ausgeführt hat, diese ganze Kommunikation über Twitter-Posts ist einfach für niemanden hilfreich. Ich fand ihre Ausführung sehr interessant zu lesen und konnte ihre Gedankengänge so besser nachvollziehen, ich finde aber auch, dass sie viel sehr einseitig sieht oder nur zu kurz denkt. Sie führt zwar ein paar Studien und Beispiele an, die z. B. davon reden, dass Transmenschen eine Operation später bereut hätten oder dass das alles oft nur „Teenagerphasen“ sind, aber ich bin mir sicher, dass das die Seltenheit ist und dass es genauso viele, wenn nicht sogar mehr, Transteenager und -menschen gibt, die enorm darunter leiden, nicht ihre wahre Identität ausleben zu können oder die sich eben auch nicht sicher fühlen, für die es überhaupt keine safe spaces wie die von ihr zitierten Umkleidekabinen gibt. Gerade das Argument mit den Umkleidekabinen scheint zwar auf den ersten Blick schlüssig, aber jetzt mal ganz im ernst: ein Mann, der sich extra diese schriftliche Bestätigung sucht, dass er (ich benutze jetzt bewusst das männliche Pronomen, weil es in diesem Beispiel nicht um eine Transfrau geht) sich als Frau identifiziert, nur um zu Umkleidekabinen Zutritt zu bekommen und dort wer weiß was zu tun, der schreckt auch vor anderen Dingen nicht zurück und braucht nicht erst diesen Umweg zu gehen. Ich denke auch, dass es deutlich schwerer ist seine Transidenität anerkannt zu bekommen, als JRK es in ihrem Beitrag darstellt.
    Ich bin also in vielem absolut nicht ihrer Meinung, aber ich finde auch, dass sie ein Recht auf diese Meinung hat. Ich finde es bedenklich, dass sie die so offen und scheinbar bedenkenlos kundtun muss und dabei so wenig Rücksicht auf die Gefühle von Transmenschen nimmt, aber ich finde es auch schade, dass das große Echo Beschimpfungen und „Abschiedsdrohungen“ sind und keine argumentative Auseinandersetzung.

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    • Ja, es ist einfach ein komplexer Sachverhalt. Sowohl der Rahmen, also das Kundtun einer Meinung, die Art und Weise, über welches Medium, als auch die Debatte an sich.

      Ich kann das nachvollziehen, was du schreibst im Hinblick auf das Beispiel mit der Umkleide. Einerseits versteh ich, dass das Szenario grotesk anmutet, dass sich jemand wirklich die Mühe macht, um das auszunutzen, andererseits gibt es aber leider auch echt Leute, die auf due irrsinnigsten Ideen kommen. Mal davon abgesehen finde ich aber auch, dass das, was sie schreibt, nicht komplett ausgereift ist. Da bin ich wieder bei dem Punkt, wie komplex die Thematik ist und wie schwer es ist, da durchzusteigen als jemand, der nicht “betroffen” ist oder sich ausgiebig damit beschäftigt hat. Mit dem Punkt, dass in GB ja leider auch noch eine generelle große Transfeindlichkeit herrscht, meinte ich auch, dass deshalb auch eine große Unwissenheit und Fehlinformation herrscht. Das wird da sicherlich mit reinspielen, dass sie so pauschalisiert.

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  3. Ich mag nach so ausführichem TExt nebst ebenso ausführlichen Kommentaren nicht in eine Diskussion einsteigen, in der irgendwann das (x und y – das war schon irgendwann mal biologisch? Und, denn wir lernen ja dazu, beliebig kombinierbar, d.h. rein biologisch muß da nicht Superweib und Supermann rauskommen, sondern gern mal was dazwischen) Geschlecht einfach weggelassen wird oder aber die einen als Menschen mit Vulva und die anderen als Menschen mit Penis bezeichnet werden – und die nicht besonders eindeutigen schon wieder wegfallen.
    Aber was hat Meinung, selbst Verhalten mit dem künstlerischen Produkt zu tun? Wir müßten die komplette Klassik, ja, alles, was vor uns war und, am wenigsten schade, die Filmbranche komplett wegschmeißen (und ich habe den deutlichen Eindruck, das es derlei Bilderstürmer und Bücherverbrenner, die solche Forderungen erheben, gibt!). Brecht und Goethe und Picasso und andere? Der Umgang mit Frauen unterirdisch, wegschmeißen! Hallo, wo kommen wir da hin? Nein, man muß
    a) Kunstobjekt und Künstlerperson trennen.
    b) den Entstehungskontext sehen, wenn man schon tiefer einsteigen will. Natürlich war es falsch, wenn Pippi – ein Kind – ihren Papa als Negerhäuptling bezeichnet – immerhin soll der in der Südsee sein, da leben Polynesier und keine Afrikaner, also Unsinn von vorneherein.
    Wollt ihr eine Meinungs-, insbesondere aber Kulturwüste? Und wollt ihr alle diese besondere Brille aufsetzen, die Unterschiede einfach unsichtbar macht, nivelliert, damit man erst nicht drüber reden kann und muß, denn das könnte ja, zugegeben, peinlich werden, jeder müßte zugeben, dass er, Produkt nicht nur der Biologie sondern der Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat, aus den seltsamsten Vorstellungen und auch VOrurteilen besteht, wohlverdrängt in tiefere Schichten, dort, wo sie richtig gefährlich werden können.
    Ach ja. Doch n bißchen länger als gewollt geworden. Puh.

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    • Ich finde die Frage nach der Trennung von Künstler*in und Werk nicht so einfach zu beantworten. Für mich muss jeder Fall individuell betrachtet werden und vor allem aus dem Kontext heraus. Dein Pippi-Beispiel ist gut, denn hier finde ich ganz klar, dass der “Neger-König” nichts mit rassistischer Gesinnung der Autorin (die Lindgren nachweislich nicht hatte) zu tun hat, sondern damit, dass man leider zur Entstehungszeit Pippis noch kein Bewusstsein für Rassismus in der Sprache hatte. Man gebrauchte das Wort und war sich nicht klar über dessen Konnotation. Heute wird es in den Pippi-Auflagen ja auch geändert. Wenn aber rauskommt, dass jemand zum Beispiel Nazi-Ideologie vertritt und wirklich überzeugt davon ist, dann möchte ich auch mit dem Werk nichts mehr zu tun haben, selbst wenn es da netteste Kinderbuch ist, aus dem sich die Rechte Gesinnung des/der Autorin nicht herauslesen lässt. Das ist meine Meinung, aber darüber wird ja auch viel diskutiert, von daher gibt es wohl keine Allgemeingültigkeit Antwort.

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      • Ich überlege grad – aber so war’s wohl nicht gemeint – welcher Faschist ein nettes Kinderbuch verbrochen haben könnte, das diese Gesinnung nicht durchscheinen läßt, es fällt mir keiner ein. Ja, natürlich, wir müssen den Künstler in seinem Werk wiedererkennen! Ist das Gedicht eines B.Brecht über die Panne und das Warten nicht großartig, findet er nicht einen wichtigen Punkt, den wir alle kennen (bekanntlich ist er nicht gern, wo er herkommt, nciht gern dort, wo er hinsoll)? Und sehen wir nicht, dass er in ganz typischer Weise als alter Klassenkämpfer mit keiner Zeile, keiner Silbe daran denkt, dem sich abschuftenden, radwechselnden Chaufffeur zu helfen? – das entwertet die philosophische Aussage nicht, nicht den WErt des Gedichtes, erlaubt uns aber, besser einzuordnen, wie es um diese politischen Absichtern wirklich bestellt war, nicht nur bei ihm als Person! Ja doch, wir können mehr darin lesen, als nur Unterhaltung, Erbauung, immer ist eine Botschaft, womöglich eine verborgene, sehr oft eine unbeabsichtigte eingebaut, scheint der Charakter, scheinen die Einstellungen des Autors durch. Die Zaubereibuchautorin z.B. hebt sehr auf die positive Grundeinstellung ab, läßt die Liebe zwischen allen Menschen und darüber hinaus auch für arme Wesen der Zwischenwelt zu – aber die geschlechtliche Liebe findet zwischen Mann und Frau statt. Was ja auch o.k. ist, aber wenn man will, kann man sagen: da fehlt doch was? Man soll so eine Phantasiewelt sicher nicht überbelasten, es ist kein vollständiges Abbild der wirklichen Welt, es ist auch nicht besonders nett, aus dem an sich einst netten Ort Grindelwald einen bösen Zauberer zu machen – aber wie gesagt, wer mag, kann für sich Mängel entdecken. Überall. Im doppelten Lottchen und und und – da müssen wir noch nicht ein, ich verstehe das ja immer noch nicht, wieder aufgelegtes fürchterliches Buch eines Österreichers aus Braunau lesen!

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  4. Du hast ruhig, überlegt und sachlich einen Sachverhalt eingeordnet und Kritik geäußert. Würden doch mehr Menschen so vorgehen wie Du! Ich teile Deine Ansicht. Es ist leichter, etwas wutentbrannt im Netz weiterzuleiten (wobei hier die Schnelligkeit des Weiterleitens die wirkmächtigste Währung zu sein scheint), als sich zunächst einmal selbst damit auseinanderzusetzen und ein Bild zu machen. Je rascher und empörter ich etwas teile, desto höher mein „fame“, denn ich war ja gleich eine:r der Ersten, der/die/: auf den Bashing-Zug aufsprangen, so scheint es. Es ist richtig und wichtig, seine Stimme zu erheben gegen Ungerechtigkeit und Reproduktion von Leid. Es ist aber genauso richtig, sich zu informieren, bevor man seinen Kübel auskippt.

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