Heldin, Ikone, Freundin. Pippi Langstrumpf.

Neulich überraschte mich eine liebe Freundin mit diesem Buch. Sie hatte wohl gespürt, dass ich etwas Aufmunterung in Form einer kleinen Dame, die nichts und wieder nichts auf die Meinung anderer Leute gibt und die stark, mutig und stets optimistisch ist, gebrauchen konnte. Das Buch ist gerade im Oetinger Verlag erschienen – jenem Verlag, der im Jahr 1949 erstmals die deutsche Übersetzung von Pippi Langstrumpf herausgab und bis heute die deutsche Verlagsheimat aller Bücher Astrid Lindgrens ist. 

Pippi wurde nach ihrer ersten Veröffentlichung zum Vorbild für Millionen von Kindern, zur Stimme von Generationen von Leser*innen, die sich wünschten, so stark, unerschrocken und schlagfertig zu sein wie sie. Deshalb verwundert es auch nicht, dass es so viel über Pippi Langstrumpf zu sagen und eine schier endlose Reihe von Aspekten in den Texten zu erörtern gibt. Was Pippi mit Superman und Jeane d’Arc gemeinsam hat zum Beispiel. Inwiefern Lindgren mit ihren Büchern Gesprächskonventionen aufgebrochen, die Sprache in Kinderbüchern nachhaltig verändert und Geschlechterkonzepte auf den Kopf gestellt hat. Die Pippi-Langstrumpf-Bücher haben die Kinderliteratur revolutioniert. Nicht nur in Schweden. Universitätsprofessor*innen, Schauspieler*innen (Eva Mattes, Heike Makatsch), Musiker*innen, Autor*innen (Kirsten Boie, Henning Mankell), Verleger*innen (Friedrich Oetinger, Harry Rowohlt), sogar die Illustratorin der farbigen Pippi-Ausgaben, die ab 2004 erschienen. Sie alle schreiben mit einer Passion über Pippi, die sagt: diese Kinderbuchfigur ist ein Symbol für den Wandel und die Autonomie, die sie brachte und die sie bis heute verkörpert. 

Dabei hatte Astrid Lindgren diesen Riesenerfolg gar nicht im Sinn, als sie sich die Geschichten rund um Pippi für ihre Tochter Karin ausdachte, als diese einige Zeit krank das Bett hüten musste. Sie bekam sogar zunächst eine Absage eines Verlages, bis sich schließlich einer fand, der so begeistert war, dass er Pippi drucken wollte. Vielen Verlagen und später auch Leser*innen und Kritiker*innen war Pippi ein Dorn im Auge, die Befürchtung, sie würde die Kinder auf Abwege bringen und dazu animieren, Streiche und Dummheiten zu begehen, war groß. Offenbar war das Vertrauen in kleine Menschen nicht sonderlich groß, dass sie sich eher an den positiven Eigenschaften Pippis orientieren würden – an ihrer Loyalität, ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ihrer Schlagfertigkeit, mit der sie allen begegnet, die sie klein machen wollen – und durchaus in der Lage sind, zu erkennen, dass sie selbst wohl eher nicht Verbrecher in Bäume hängen oder kopfüber auf einem Pferd reiten sollten. Diese Sorge haben Verlage übrigens bis heute und scheuen sich daher oft, Bücher mit Figuren zu publizieren, die aus der Reihe tanzen. Auch Lindgren selbst polarisierte sehr, weil sie sich in einer Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 offen gegen Gewalt in der Erziehung aussprach, während es zum Beispiel in Deutschland zu dieser Zeit noch erlaubt war, Kinder zu schlagen und eine gewaltfreie Erziehung noch lange nicht die Regel war. Die Bücher, die es bei Pippis Veröffentlichung auf dem Buchmarkt gab, bildeten die Kinder so ab, wie sie laut der generellen Meinung zu sein hatten: wohlerzogen, folgsam, lieb. Pippi mischte diesen angepassten Haufen mit ihrer anti-autoritären Art ordentlich auf. 

Im Buch finden sich originale Dokumente wie Zeitungsartikel über das Buch, Briefe von Verlegern und Lindgren selbst, Briefe von Kindern und allerlei andere Einblicke in die lange Rezeptionsgeschichte Pippi Langstrumpfs. Interessant finde ich vor allem den kurzen Einblick in die Gutachten, mit denen festgestellt werden sollte, ob Lindgrens Buch in den Literaturkanon der DDR aufgenommen werden darf und falls ja, welche Einschränkungen (Zensuren) notwendig sind. Bei diesem Kapitel ist mir aufgefallen, dass ich tatsächlich noch so eine gekürzte DDR-Ausgabe von Pippi besitze.

Pippi-Ausgabe des Kinderbuchverlags Berlin, 2. Auflage 1989

Spannend ist auch der Beitrag über die Schwierigkeiten, die bei einer Übersetzung eines literarischen Werkes auftreten können. Pippi wurde inzwischen in 77 Sprachen übertragen und die Übersetzer*innen – die übrigens generell immer zu Unrecht bei der Besprechung von Büchern vergessen werden, obwohl sie eine sehr komplexe Leistung erbringen – standen dabei sicher nicht selten vor der Herausforderung, Entsprechungen für Realia und kulturelle Unterschiede in der Zielsprache zu finden. Literarisch zu übersetzen heißt nicht einfach, einen Text Wort für Wort von einer Sprache in eine andere zu Transformieren. Da gilt es, sprachliche Besonderheiten, den Rhythmus eines Textes, den Tonfall und weitere Elemente, die den Stil eines Textes ausmachen, so zu übertragen, dass am Ende nicht ein ganz anderer Text herauskommt. Inhaltlich ist es genauso. Manchmal lassen sich bestimmte Dinge auch gar nicht übersetzen. Pippi duzt grundsätzlich alle Erwachsenen, weil sie so einen starken Sinn für Gleichberechtigung hat. Im Englischen gibt es aber kein “Du” oder “Sie”, sondern nur das “You” – der Witz vieler Szenen ist in der englischen Übersetzung nicht vorhanden. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Ein Teil des Buches widmet sich der Rezeption Pippis in anderen Ländern und gibt Aufschluss darüber, dass Lindgrens Geschichte nicht nur deutschen und schwedischen Kinder große Freude bereitet – wenn auch mancherorts mit Anlaufschwierigkeiten, wie in Frankreich, wo Pippi am Ende nicht mehr viel mit dem Original gemein hatte, sondern eher ein befremdliches, wenig sympathisches Kind war, mit dem sich niemand identifizieren mochte. Erst 1995 erschien eine französische Übersetzung, in der Pippi (die in Frankreich Fifi heißt) näher am Original dran ist, doch der Artikel führt an vielen Beispielen vor Augen, wie sehr die französische Ausgabe von Pippi Langstrumpf zugunsten geltender Maßstäbe für Kinderliteratur beschnitten wurde. 

Das Buch ist mit seiner hochwertigen Ausstattung – einem festen Papp-Einband mit Prägung – und der liebevollen Gestaltung im Innenteil eine wahre Freude. Heldin, Freundin, Ikone lautet der Untertitel dieser charmanten, kurzweiligen Sammlung und trifft damit haargenau das, was Pippi bis heute für unzählige Leser*innen ist. 

Heldin, Ikone, Freundin. Pippi Langstrumpf erschien 2020 beim Verlag Friedrich Oetinger

3 Kommentare

  1. Hallo Maria =)

    Der Pippi-Sonderband zum 75. Geburtstag ist auch direkt nach Erscheinen bei uns zuhause gelandet. Ich kann mich deiner Meinung nur anschließen, es gibt viele Hintergrundinfos und interessante Interviews und der hochwertige Einband ist eine Augenweide. Auf jeden Fall ein Must-Have für alle Fans von Pippi.

    Liebe Grüße,
    Nico

    Liken

  2. Was ungemein spannend wäre – aktuell wurde ja wieder am Originaltext herumgebessert, fraglos zumindest insofern eine Verbesserung, als in der Südsee nun mal keine Afrikaner zu Hause sind – ist, was die DDR-Zensur forderte. Als ein gefährliches, kaum zu verantwortendes Buch galt die gute Pippi ja immer, auch westlich des Zauns. Und sie hat uns begeistert, gerade wegen ihrer Unwahrscheinlichkeiten, die doch so viel lebensnäher waren, als die kaum vorstellbaren Sachverhalte der uralten Märchenerzählungen. Ganz ähnlich wie, na, z.B. der allseits beliebte Struwwelpeter, welcher wirklich Angst einjagen konnte – denn, untermalt auch noch durch die Abbildungen, konnte man sich derlei wirklich vorstellen!
    Und außerdem ist Sachen suchen oder adäquate Beschäftigung bis heute sinnstiftend.

    Liken

    • Sorry für die späte Antwort – ich war im Urlaub. 🙂 Zu deiner Frage: da das im Buch thematisiert wird, was die DDR-Zensur gestrichen hat, mag ich das hier nicht so aufdröseln – ich muss ja immer irgendwie darum bemüht sein, den Inhalt der Bücher in meinen Rezensionen nicht komplett wiederzugeben, damit auch noch Leute in die Bücher selbst hineinschauen. Sicherlich kann man Antworten auf diese Frage aber auch im Internet recherchieren – habe ich noch nicht gemacht, aber da es ja eine weitreichende Thematik ist, wird sich über DDR-Zensur in der Literatur sicher das eine oder andere nachlesen lassen.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s