Behind the Pages – der literarische Reiseführer: Von Blutsaugern, weißen Kaninchen und magischen Bahnhöfen

Die bislang erste und einzige Begegnung mit Blutsaugern in England hatte ich in unserem Urlaub in Whitby. Zufall? Oder sind die Zecken, die wir von uns und dem Hund gesammelt haben, vielleicht Nachfahren des wohl berühmtesten Vampirs der Literaturgeschichte (und nein, ich spreche nicht von Edward Cullen, ihr Banaus*innen!), dessen literarische Heimat sich in Whitby befindet?

EIN KÜSTENSTÄDTCHEN MIT DUNKLER SEITE

Whitby in North Yorkshire ist bei den Engländern und den Schotten ein sehr beliebtes Reiseziel in den Sommermonaten. Das verwundert nicht: An sonnigen Tagen glitzert das Meer unter den Klippen und im Hafen des Fischerstädtchens mit den Fenstern der Häuser auf den Hängen um die Wette. Niedliche, enge Gassen mit allerhand kleinen Läden zieren die Altstadt und im Hafen hüpfen Segelboote auf den Wellen auf und ab. Wie zu jeder typisch englischen Hafenstadt gehören auch zu Whitby ein Pier und eine Strandpromenade, auf der sich Fahrgeschäfte und Attraktionen neben Fish & Chip- und Souvenirbuden einreihen. Der Shabby-Look des Ganzen gehört hier dazu und macht einen großen Teil des nostalgischen Charmes dieser Art englischer Ferien aus. Über allem thront auf einer der Klippen das Wahrzeichen der Stadt: die Whitby Abbey, Ruine eines ehemaligen Klosters.

Alles in Whitby kann man gut zu Fuß erreichen, für die Abbey benötigt man allerdings etwas Puste: 199 Stufen führen von der Altstadt aus hinauf auf den Berg. Man kann sie aber auch bequem mit dem Auto von der anderen Seite aus erreichen. Neben dem Gelände, auf der sich die Ruine befindet, gibt es einen großen Besucherparkplatz. In Zeiten von Covid-19 funktioniert hier alles nach einem One-Way-System und man muss das Gelände von der Parkplatz-Seite aus betreten. Unter regulären Bedingungen kann man auch von der anderen Seite aus zur Abbey gelangen. Hunde sind an der Leine auf dem Gelände erlaubt. Ich empfehle außerdem einen Besuch im zugehörigen Museum. Dort wird die Geschichte der Abbey durch die Jahrhunderte erklärt – von ihren Anfängen 657 nach Christus unter König Oswius von Northumbrien über die Benediktinermönche um 1200 bis hin zur teilweise Zerstörung des Klostersbaus durch deutsche Granaten im Ersten Weltkrieg. Auch zu den Werken, die auf Whitby basieren, gibt das Museum eine Übersicht.

An typischen englischen Sommertagen, an denen es in Strömen regnet und nebelt, kann man sich hingegen sehr gut vorstellen, dass Whitby im Laufe der Zeit viele Künstler*innen zu düsteren Werken inspiriert hat. Der wohl bekannteste Roman, der hier seinen Ursprung hat, ist Bram Stokers Horrorgeschichte Dracula, die teilweise vor den Kulissen Whitbys spielt. Vor allem die mysteriöse Whitby Abbey hat Stokers Fantasie beflügelt.

Auf der gegenüberliegenden Klippe der Abbey findet man heute eine Gedenk-Bank an der Stelle, an der Stoker gesessen und Ideen aufgeschrieben haben soll. Im Buch sitzt Mina Harker einmal genau hier und beobachtet, wie ihre Freundin Lucy auf dem gegenüberliegenden Friedhof von einer dunklen Gestalt angefallen wird. Diesen Friedhof gibt es auch in echt, und er ist einer der schönsten Friedhöfe, die ich je gesehen habe. Der St. Mary’s Churchyard erstreckt sich fast bis zum Ende der Klippe. Die schiefen, teilweise durch die Witterung unlesbar gewordenen Grabsteine erzählen eine eigene Geschichte. Von hier aus kann man ganz Whitby und das angrenzende Meer überblicken. Truly a  good place to spend eternity.  Auch das Tate Hill Pier sieht man sowohl von der Stoker-Bank auf der einen als auch vom Friedhof auf der anderen Seite aus gut, an dem Dracula im Buch in Gestalt eines großen Hundes das russische Schiff verlässt, auf dem er von Transsilvanien nach England gereist ist (und unterwegs die gesamte Besatzung getötet hat).

BRAM STOKER: DRACULA

Dracula erschien im Jahr 1987 und wurde von Stokers Zeitgenoss*innen mit gemischten Reaktionen bedacht. So richtig berühmt wurde das Buch erst später, gilt aber heute als DER erste richtige Horrorroman schlechthin. Und Dracula ist ja sowas wie eine Kultfigur geworden. Ich muss sagen, dass ich mir das Buch nicht unbedingt auf die Lektüreliste gepackt hätte, hätten wir nicht in Whitby Urlaub gemacht. Als Vorbereitung auf diesen Blogbeitrag habe ich es dann aber doch gelesen – und fand es zu meiner großen Überraschung sehr, sehr gut. Stoker bedient sich einer sehr wirkungsvollen und für seine Zeit noch recht neuen Erzähltechnik, mit der er eine scheinbare Authentizität der Ereignisse herstellt. Er lässt mehrere Figuren in Form von Tagebucheinträgen zu Wort kommen, die über mehrere Wochen hinweg die merkwürdigen Geschehnisse schildern, die in Whitby vor sich gehen. Wir haben da den jungen Immobilienmakler Jonathan Harker, der zu seinem Kunden nach Transsilvanien reist, um mit ihm das Haus zu besprechen, das er in seinem Auftrag in London kaufen sollte. Auf dem Schloss des Grafen geht es nicht mit rechten Dingen zu und Harker entkommt dem Grafen nur ganz knapp, ist aber so verstört, dass er erstmal wochenlang in einem Krankenhaus landet. Seine Verlobte Mina Harker hält sich unterdess in Whitby bei ihrer Freundin Lucy auf, die sich immer seltsamer benimmt und des Nächtens draußen umherwandert und mit Bissspuren am Hals aufgefunden wird. Zeitgleich läuft im Hafen ein Schiff ein, dessen Mannschaft tot ist. Als Lucy stirbt, übernimmt Mina zusammen mit dem Leiter der städtischen Nervenanstalt Dr. Seward und dem niederländischen Arzt Van Helsing die Aufklärung der Geschehnisse – am Ende killen sie Dracula und alles ist gut. Aus heutiger Sicht ist Dracula weder besonders schaurig noch blutig, aber zu Zeiten seiner ersten Veröffentlichung haben die Szenen, in denen Seward und Van Helsing Lucys Grab öffnen und ihre Leiche so bearbeiten, dass der böse Geist, der in sie gefahren ist, sie endlich in Frieden lässt, die Leser*innen sicher ordentlich verstört. Ich fand den Roman auch aufgrund der Figur Minas spannend, weil sie eine für das späte 19. Jahrhundert sehr eigenständige, taffe junge Frau ist, die man so in Büchern sicherlich nicht sehr oft gefunden hat (vor allem nicht in denen aus der Feder eines Mannes). Generell ist das Frauenbild im Roman aber eher, naja, eingestaubt.

Stoker war gebürtiger Ire, der am Trinity College in Dublin studierte und danach auf Wunsch seines Vaters eine Laufbahn als Beamter am Dublin Castle einschlug. Seine wahre Passion galt allerdings dem Theater und dem Schreiben. Als er den berühmten Schauspieler Henry Irving auf der Bühne sah, fing er an, ehrenamtliche Theaterkritiken zu schreiben und wurde schnell mit Irving persönlich bekannt. Das war der Start von Stokers Schriftstellerkarriere. Fortan arbeitete er als Assistent Irvings und schrieb nebenbei eigene Texte. Stoker war übrigens auch gut bekannt mit den Eltern eines anderen berühmten Schriftstellers, mit dem er sogar um die Gunst derselben Frau rivalisierte. Die entschied sich letztendlich für Bram Stoker und gab Oscar Wilde einen Korb.

Stoker arbeitete 7 Jahre lang an Dracula. Auf die Idee für den Namen seiner Figur kam er durch ein Buch, auf das er in der Bibliothek im Whitby stieß. Dracula ist mehr als nur ein Roman, der dem Horror-Genre zugeteilt wird. Die Rezeptionsgeschichte ist wahnsinnig umfassend und spannend und befasst sich mit psychoanalytischen, sexuellen, macht-strukturellen und gar feministischen Aspekten in Stokers Roman.

FOLGE DEM WEISSEN KANINCHEN

Nicht nur Stoker hatte in Whitby kreative Eingebungen, sondern auch ein anderer englischer Schriftsteller, dessen Werke heute zu den Klassikern der britischen Literatur gehören. Lewis Carroll kam erstmals im Sommer 1854 mit einer Studiengruppe nach Whitby. Später besuchte er die Stadt noch einige Male. Es wurde berichtet, dass er am Whitby Beach saß und dort stets von einer Gruppe andächtig lauschender Menschen umringt war, denen er eigene Texte vortrug.

Ob und inwiefern Carroll in und um Whitby zu Alice im Wunderland inspiriert wurde, ist nicht belegbar. Denkbar ist es aber schon, dass Eindrücke aus seinen Besuchen in Nord Yorkshire Eingang in den Roman fanden. Mit Sicherheit hat er hier aber Texte verfasst. Das Gedicht The Lady of the Ladle ist sein erstes jemals veröffentlichtes Gedicht (in der Whitby Gazette, August 1854) und spielt in Whitby.

(Kein) Weißes Kaninchen?

Im Vorfeld der Reise habe ich vom White Rabbit Trail gelesen, der von der Whitby Society initiiert wurde und als eine Art Quiz für Kinder auf den Spuren Carrolls durch Whitby führt – eine unterhaltsame Stadtführung sozusagen. Leider konnte ich das Booklet mit der Karte nirgendwo auftreiben und erfuhr vor Ort, dass der Trail bereits vor 10 Jahren ins Leben gerufen wurde und es nur noch wenige Exemplare dieses Booklets gibt. Vielleicht habt ihr mehr Glück, wenn ihr mal nach Whitby reist. Fragt einfach in einem der kleinen Buchläden oder im Touris Information Office nach. In der Stadt findet sich aber ganz sicher der Laden The White Rabbit – für jeden Alice-im-Wunderland-Fan ein kleines Paradies.

EIN BUTTERBIER, BITTE!

Fährt man aus Whitby raus, findet man sich sofort in den North Yorkshire Moors wieder, einem Nationalpark, der sich schier unendlich in die Ferne erstreckt. Hier lässt es sich nach Herzenslust und beinahe uneingeschränkt wandern. Der Begriff „Moor“ bedeutet dabei keineswegs, dass die Gefahr besteht, irgendwo festzustecken und zu versinken. Je nach Jahreszeit und Lichteinfall sieht das Moor anders aus. Was an grauen Tagen wie eine Fläche aus Brauntönen wirkt, wird zu einem wahren Kaleidoskop an Grüntönen, wenn die Sonne scheint. Im Sommer mischen sich das Gelb, Blau, Rot und Lila von Heidekraut und anderen Pflanzenarten dazu. Überall mümmeln Schafe vor sich hin und versperren auch gern mal die Straße, weil sie es nicht einsehen, sich von der Stelle zu bewegen. Apropos Straße: zufällig stießen wir bei unserer Rundfahrt durch die Landschaft auf eine alte romanische Straße, die mitten durch das Moorland hindurchführt.

Und noch etwas haben wir mehr oder weniger zufällig entdeckt: einen Schauplatz aus den Harry-Potter-Verfilmungen. Der kleine Bahnhof in Goathland ist in den Filmen nämlich der Bahnhof von Hogsmeade, an dem Harry und die anderen Schüler*innen von Hogwarts von Hagrid abgeholt werden. Leider war der Bahnhof aufgrund der Corona-Situation geschlossen, aber ich konnte immerhin auch von außen ein paar Fotos schießen.

Whitby hat mich mit seinem Charme und seiner reichen Geschichte komplett verzaubert. Falls ihr mal in Nordengland seid, haltet hier auf jeden Fall für eine Portion Fish & Chips, einen Strandspaziergang und einen Blick auf die Whitby Abbey an!

Literarischer Reiseführer durch Großbritannien

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Das ist erstens eine super Beschreibung und macht 2. Lust mal Dracula zu lesen und hat 3. den Wunsch geweckt, eine Reise dahin machen zu wollen

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