Über Listen im Kopf, Bullshit-Jobs und das Recht auf Wut. Emma. The Mental Load

VIELLEICHT KENNT DIE EINE ODER ANDERE VON EUCH DAS: BEIM BLICK IN DEN KÜHLSCHRANK FESTSTELLEN, DASS DIE BUTTER LEER IST, AUF DEM WEG ZU ZETTEL UND STIFT NOCH ZWEI HERUMLIEGENDE KLEIDUNGSSTÜCKE AUFHEBEN, DEN WÄSCHEKORB VOM EINEN ZIMMER INS ANDERE TRAGEN, ÜBERLEGEN, WANN EIN GUTER ZEITPUNKT WÄRE, UM DIE WASCHMASCHINE EINZUSCHALTEN – VOR DEM EINKAUFEN ODER DANACH? LIEBER DAVOR, DANN IST SIE DURCH, WENN ICH NACH HAUSE KOMME -, DAS KLINGELNDE TELEFON BEANTWORTEN UND EINE WEITERE MENTALE NOTIZ HINZUFÜGEN, DIE DARAN ERINNERN SOLL, DIE WICHTIGEN UNTERLAGEN ENDLICH AUSZUFÜLLEN UND ABZUSCHICKEN – KURZ PANIK SCHIEBEN BEI DEM GEDANKEN, WAS WÄRE, WENN ICH STERBE, BEVOR ICH DIESE UNTERLAGEN ABGESCHICKT HABE UND MEINE KINDER DESHALB IN ARMUT UND BEI FREMDEN MENSCHEN LEBEN MÜSSEN? -, IM VORBEIGEHEN KRÜMEL VON DER KÜCHENZEILE FEGEN UND FESTSTELLEN, DASS DAS BROT AUCH AUS IST UND DASS DAS EINKAUFEN HEUTE NOCH STATTFINDEN MUSS, WEIL MORGEN SONNTAG IST, ÜBERLEGEN, WANN EIN GUTER ZEITPUNKT WÄRE, UM LOSZUFAHREN – VOR DEM MITTAGSSCHLAF DES BABYS? DANACH? – ÜBER EIN SPIELZEUG STOLPERN UND EINE MENTALE NOTIZ MACHEN, UM BEIM NÄCHSTEN IKEA-EINKAUF NICHT WIEDER ZU VERGESSEN, ENDLICH EINE BOX ZU KAUFEN, IN DER DAS SPIELZEUG IM WOHNZIMMER EINEN PLATZ FINDET, ZETTEL UND STIFT ERREICHEN UND NOTIEREN, DASS BUTTER UND BROT BENÖTIGT WERDEN UND DANN GLEICH NOCH DEN ESSENSPLAN FÜR DIE KOMMENDE WOCHE AUSDENKEN, IN SEINE ZUTATEN ZERLEGEN UND DIESE NIEDERSCHREIBEN.

So ähnlich beschreibt Emma, so das Pseudonym der Autorin, das Phänomen des „Mental Load“ (was auf Deutsch so viel wie „mentale Last“ bedeutet) in ihrer gleichnamigen Graphic Novel. Mental Load – das ist die Art von Kopfarbeit, die in unserer Gesellschaft vorrangig von Frauen* erledigt wird, die innerhalb der Familie oder der Partnerschaft die Care-Position innehaben und die die gesamte Organisation des Alltagslebens umfasst. Vom Schmeißen des Haushalts über die Sicherstellung der Grundversorgung über die Termin- und Freizeitplanung bis hin zum Überblick-Behalten über wichtige ärztliche Maßnahmen für die Kinder und oft auch den/die Partner*in. Das Frauenhirn – ein Hochleistungscomputer.  

Jetzt werden bestimmt einige von euch aufschreien und sagen: bei uns ist das aber anders! Wir teilen uns den Mental Load gleichberechtigt. Falls dem so ist: Herzlichen Glückwunsch! Bei der Mehrheit der Menschen sieht es leider nicht so rosig aus. Immer noch herrscht der Irrglaube, dass Frauen von Natur aus besser darin seien, sich um Kinder (oder Kranke oder Alte) zu kümmern, zu kochen, zu putzen und zu organisieren. Dass sie zum Beispiel besser darin sind, Geschenke auszusuchen und einzupacken, liegt in Wahrheit einzig daran, dass sie von klein auf in solchen vermeintlichen Frauenaufgaben trainiert werden. Indem wir die Hobbys unserer Kinder bereits nach ihrem Geschlecht auswählen und Mädchen das gute, alte Vater-Mutter-Kind mit ihren Puppen aufdrücken und ihnen zu Weihnachten Spielzeugstaubsauger schenken, ihren Brüdern aber verbieten, auch damit zu spielen und sich stattdessen draußen im Dreck zu wälzen (Achtung, ich überspitze), geben wir den Mädchen einfach mehr Zeit zum Üben.

Emma beschreibt die Situation in vielen Haushalten so: die Frau ist die Projektleiterin, der Mann ist nur ausführende Kraft, die ohne konkrete Arbeitsanweisung nicht in der Lage ist, eine Socke vom Boden aufzuheben. Im ersten Comic in ihrem Buch, You should have asked, der nach seinem ersten Erscheinen weltweit viral ging, zeigt sie auf sehr witzige, aber gleichzeitig auch frustrierende Weise, wie die häuslichen Dynamiken oft funktionieren. Der Mann bricht kurz nach der Geburt seines Kindes wieder in die große, weite Welt auf, um dort wichtige Arbeit zu verrichten und Abenteuer zu erleben. Die Frau bleibt zu Hause und ist für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig. Gönnerhaft bezeichnet der Mann dies als „Ihr Terrain“, weshalb er sich dann auch verantwortungsmäßig völlig rauszieht. Das lässt sich natürlich auch auf kinderlose Partnerschaften übertragen – das Muster, dass Frauen für den größten Teil der Organisation des täglichen Lebens zuständig sind, wiederholt sich einfach überall und wird uns so auch überall eingeimpft. Schaut euch doch einfach mal Werbung an: in wie vielen Spots, in denen es um Haushaltsprodukte geht, schmeißt eine Frau den Laden? Und in wie vielen, in denen es um Autos und Sport geht, ist eine Frau mehr als schöne Deko?

Emma versammelt in ihrem Buch Comics, die eine ganze Bandbreite feministischer Themen abdecken. Neben dem Mental Load und der seit jeher eingeschliffenen Aufgabenteilung im Patriarchat und dem „Male Gaze“, also dem männlichen Blick auf Frauen und den zwei verschiedenen Maßstäben, mit denen männliche und weibliche Körper angeschaut und bewertet werden, geht es außerdem um Sexismus am Arbeitsplatz und um die weibliche Anatomie. Neben der erschreckenden Tatsache, dass ein Großteil der Menschen, die eine Klitoris besitzen, gar nicht wissen, wie diese eigentlich aufgebaut ist, erklärt Emma auch, wie negativ konnotierte weibliche Zuschreibungen in unserer Sprache verankert sind. Wusstet ihr, dass das Wort „hysterisch“, das ja gerne verwendet wird, um Frauen, die auf eine Degradierung reagieren (die natürlich oft durch einen Mann erfolgt ist), als unglaubwürdig und unzurechnungsfähig hinzustellen, vom Wort „uterus“ abstammt? Wenn eine Frau wütend wird, bezeichnet man sie ja schnell mal als irrational und emotional und tut ihre Reaktion damit völlig ab. Wenn ein Mann wütend wird, beweist er Charakter und erwirkt sich Autorität. Finde den fucking Fehler. Dieses ganze Kapitel über die angelernte Unterdrückung von Wut bei Mädchen und Frauen und die damit verbundenen Zuschreibungen möchte man einfach gern all den Schwachmaten um die Ohren hauen, die sich erdreisten, uns zu fragen, ob wir unsere Tage haben, wenn wir auf einen sexistischen Kommentar wütend reagieren.

In einem anderen Comic beschreibt die Autorin ihren Alltag in der Arbeitswelt, der sich Tag für Tag 1:1 wiederholt und sie als Mutter vor eine doppelte Belastung stellt: in kürzerer Zeit als ihre Kolleg*innen muss sie doppelt so viel schaffen, nur um trotzdem immer das Gefühl zu haben, dass die anderen denken, sie würde nicht hart genug arbeiten, weil sie ja früher nach Hause geht. In diesem Zusammenhang spricht sie auch über sogenannte Bullshit-Jobs, die weder etwas zum Wohle der Menschheit oder des Planeten beitragen und die es nur gibt, weil unsere stetig wachsende Wirtschaft Leute erfordert, die diese eigentlich unsinnigen Jobs ausführen. Gerade in der jetzigen Coronakrise wird aber klar, dass die Welt im Grunde auch ohne diese Jobs funktioniert, bei denen Arbeiter*innen in der Regel schlecht bezahlt und auch körperlich und emotional ausgebeutet werden. Habt ihr die uns verordnete Zwangspause während des lock downs genutzt, um euch zu fragen, ob ihr einen Bullshit-Job verrichtet? Falls nicht, tut es doch jetzt: Wenn mein Job verschwinden würde, hätte das eine Auswirkung auf die Gesellschaft?

The Mental Load umfasst insgesamt 12 Comics, die in einem Zeitraum über mehrere Jahre entstanden sind und vom Zeichenstil her ein bisschen an das gute alte Paint auf Windows erinnern. Die Comics und die Seiten im Buch sind sehr minimalistisch gestaltet, und es gibt sicher Graphic Novels, die ästhetisch ansprechender sind oder zumindest künstlerisch wertvoller erscheinen (obwohl man sich um Kunst natürlich immer streiten kann!). Auch ist die eingenommene Perspektive eine sehr heteronormative. Wenn es um Familien und Beziehungen geht, liegt dem also eine Frau-/Mann-Konstruktion zugrunde, das Buch kränkelt etwas in Punkto Diversität – fairerweise muss man aber sagen, dass Diversität abzubilden wohl auch nicht der Anspruch der Autorin war. Sie wollte ihre persönlichen Erfahrungen sammeln und in wissenschaftliche und politische Kontexte stellen. Dennoch halte ich das Buch für eine sehr witzige, treffende und kluge Auseinandersetzung mit Themen, zu denen sicherlich viele Leser*innen einen Bezug haben. Emma verarbeitet in ihrem Buch darüber hinaus nicht nur rein feministische Themen, sondern auch aktuelle Geschehnisse wie die horrende Polizeigewalt gegen PoC in Frankreich. Generell basieren ihre Geschichten und zitierten Studien und Beispiele auf Frankreich, dem Land, in dem sie lebt. Vieles sieht in Deutschland sicherlich anders aus, vor allem gibt es wohl in Punkto Elternzeit deutliche Unterschiede. Dennoch kann man natürlich auch als Nicht-Französin etwas mit den verhandelten Themen anfangen. Und vielleicht einen weiteren Punkt auf den mentalen Notizzettel hinzuzufügen: Socken einfach mal liegen und von deren Träger*innen selbst waschen lassen.

Emma. The Mental Load erschien 2018 erstmals als englische Übersetzung bei Seven Stories Press. Der französische Originaltitel lautete Un autre Regard: Trucs en vrac pour voir les choses autrement, volume 1 et volume 2 und erschien erstmals 2017 bei Massot Éditions.

*Sidenote: ich verwende hier natürlich „Frau“ und „Mann“ und bin mir bewusst darüber, dass das sehr binär gedacht ist – in Zeiten, in denen endlich mehr über Geschlechtsidentitäten geredet wird, möchte ich natürlich meinen Beitrag dazu leisten, diese sichtbar zu machen – bitte versteht aber, dass die Inklusion aller möglichen Identitäten auch ein Umdenken erfordert, WIE man sprachlich inklusiv sein kann. Und viele Bücher, über die ich spreche, legen auch einfach ein binäres Denken zugrunde. Seht mir daher bitte nach, falls ich nicht immer ALLE anspreche. Ich gebe mir Mühe. Ich lerne.

Comic Graphic Novel

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