Wer darf Kinder haben? Mieko Kawakami. Brüste und Eier. #Interview mit Übersetzerin Katja Busson

Japan – das Land der riesigen Metropolen und technischen Verrücktheiten, der bunten Plastikspielzeuge, schrillen Outfits; das Land der Verniedlichung, der Schulmädchen-Ästhetik; das Land des aufgesetzten Lächelns, der Tabuisierung von Intimität und privaten Angelegenheiten; das Land der Erdbeben, Selbstmorde, Stress-Toten; das Land des Sushi, der Tempel, der atemberaubenden Landschaften und nicht zuletzt das Land des ungebrochenen Traditionsbewusstseins, in dem Modernität und Geschichte nicht nur neben-, sondern miteinander existieren. Wahrscheinlich haben wir Europäer*innen alle ähnliche Bilder und Klischees im Kopf, wenn wir an Japan denken.

Was davon entspricht der Realität? Und wie sieht es mit der Rolle der Frauen in der japanischen Gesellschaft aus? Mit diesen Fragen im Hinterkopf stürzte ich mich in die Lektüre von Mieko Kawakamis Roman Brüste und Eier. Was ich bekam: Einblicke in die Leben japanischer Frauen – ungeschönt und roh, mit Figuren fernab von Klischees.

AUS DEM JAPANISCHEN ÜBERSETZEN

Zu Beginn noch ein kleiner Exkurs: Die japanische Sprache fand ich schon immer spannend und ich bedauere es sehr, dass ich mir nie die Zeit für einen Sprachkurs genommen habe. Als ich Brüste und Eier las, hatte ich viele Fragen, die das Übersetzen an sich betreffen. Also habe ich Kontakt mit der Übersetzerin Katja Busson aufgenommen, die meinen Horizont mit ihren Antworten sehr erweitert hat. Das ganze Interview mit ihr findet ihr am Ende dieses Artikels – es geht darin nicht nur um das Übersetzen vom Japanischen ins Deutsche, sondern auch um die japanische Literaturszene und um die Rezeption japanischer Literatur in Deutschland.

DIE PROTAGONISTINNEN

In Brüste und Eier geht es hauptsächlich um Frauen, und das an sich ist schon bemerkenswert, wird doch auch die japanische Belletristik sehr von Männern und ihren Themen dominiert – aber dazu später noch ein paar Worte. Wir begegnen den Schwestern Natsuko und Makiko und Makikos Tochter Midoriko. Kawakami zeichnet kein romantisches Bild einer glücklichen japanischen Kleinfamilie, sondern zeigt die ungeschminkte Realität einer Alleinstehenden, einer Alleinerziehenden und eines Teenagermädchens auf dem Weg zur Frau.

Natsuko ist asexuell, lebt allein in einem winzigen Apartement in Tokyo und arbeitet hart für eine Schriftstellerkarriere, die nicht so recht in Gang kommen will. Mit über dreißig ist sie weder beruflich noch privat irgendwo angekommen, zumindest, wenn man die gesellschaftlichen Maßstäbe anlegt, die in Japan gelten: wenn du bis Ende zwanzig nicht verheiratet bist und eine Familie hast, hast du versagt. Makiko ist über vierzig und hadert mit ihrem Körper, sie möchte sich die Brüste operieren lassen – obwohl sie mit ihrem Hostessen-Job in einer Bar an der Armutsgrenze lebt und das Geld eigentlich benötigt, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Midoriko befindet sich mitten in der Pubertät, spricht nicht mehr mit ihrer Mutter und kommuniziert nur noch mit Stift und Notizbuch, in eingeschobenen Tagebucheinträgen erfahren wir, dass ihr die Veränderungen in ihrem Körper Angst machen. Die Aussicht auf ihre erste Periode und damit theoretisch ein Kind bekommen zu können, ängstigt sie zu Tode, aber mit ihrer Mutter, ihrer Tante oder gar einer Gleichaltrigen darüber sprechen kann sie nicht.

IM WALD DES SCHWEIGENS

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft, das soziale Ansehen alleinstehender Frauen, Sexismus, weibliche Idealbilder, Patriarchat – mich hat vor der Lektüre vor allem interessiert, wie es damit in Japan eigentlich aussieht. Und wie es scheint, gibt es da vieles, über das geschrieben und gesprochen werden will. In der Wirtschaft und Politik sind Frauen in Japan stark unterrepräsentiert – generell in Führungspositionen und besser bezahlten Jobs. Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist für japanische Frauen extrem schwierig, oft sogar unmöglich, denn die allgemeine Erwartungshaltung sieht vor, dass sie völlig in ihrer Mutterrolle aufgehen und alle Energie in das schulische Vorankommen ihres Nachwuchses investieren. Für eigene Ambitionen bleibt da natürlich wenig Raum. Das konventionelle Familienmodell gilt als das höchst angesehene.

Brüste und Eier thematisiert Dinge, über die es in Japan kaum einen öffentlichen Dialog gibt. Natsuko findet klare Worte dafür, wie sich Sex mit ihrem Exfreund angefühlt hat, wie sie weder Lust noch Freude empfand, und dass sie kein Bedürfnis nach sexueller Nähe hat, sich aber trotzdem nach einer anderen Art von Nähe sehnt. Sie wünscht sich ein Kind, möchte Mutter sein, hat aber als Alleinstehende quasi keine Chance auf eine künstliche Befruchtung. Der Roman wirft ein Licht auf Menschen wie Natsuko, die sich fern der Norm bewegen. Kein Bedürfnis nach Sex haben, vielleicht gar nicht auf der Suche nach einem Partner sein, aber ein Kind haben wollen? Wo kommen wir denn da hin? Nicht nur in Japan, auch in Europa ist das doch die gängige Einstellung. Entweder du begibst dich auf den klassischen Weg Partnerschaft – Sexualität (ob erfüllend oder nicht ist dabei völlig egal) – Kinder – oder du hast keine Ansprüche zu stellen. Es wird kaum je über die Wünsche und Bedürfnisse Alleinstehender (aber auch: Unfruchtbarer, psychisch Erkrankter, Menschen in Partnerschaften, bei denen es biologisch nicht oder nicht mehr möglich ist, schwanger zu werden) gesprochen – so, als hätten diese Menschen keine Bedürfnisse zu haben. So, als dürfte nur Mutter sein, wer eine Liste an Voraussetzungen erfüllt. Und allen, bei denen es aus biologischen und/oder den Umständen geschuldeten Gründen nicht möglich ist, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, wird diese Option entweder unendlich erschwert oder gar unmöglich gemacht. Es ist schön, dass es Romanfiguren wie Natsuko gibt, die sich nicht entmutigen lassen.

Natskuo besucht eine Info-Veranstaltung für Interessierte an einer Samenspende. Wie sich herausstellt, wurde diese von Samenspende-Gegner*innen initiiert. Durch eine offene Diskussionsrunde am Ende der Veranstaltung beleuchtet Kawakami geschickt verschiedene Standpunkte zum Thema – es ist jedoch Natsuko, die sich eindeutig dafür ausspricht und sich danach fürchterlich dafür schämt, in aller Öffentlichkeit so klare Worte gefunden zu haben. Später trifft sich Natsuko mit einem Mann, der private Samenspenden anbietet, aber von der Leistungsfähigkeit seiner Spermien und seines Penis so eingenommen ist, dass Natsuko in tiefe Zweifel über ihr Vorhaben fällt. Soll es vielleicht doch einfach nicht sein? Was in der Realität wahrscheinlich viel zu wenig stattfindet, geschieht in Kawakamis Roman dafür umso mehr: Natsuko spricht über ihren Kinderwunsch, sie öffnet sich anderen Menschen, formuliert ihre Bedürfnisse. Dafür stößt sie auf Widerspruch, Unverständnis und Ablehnung – findet aber auch Zuspruch und Unterstützung, und die sind es letztendlich, die sie auf ihrem Kurs halten.

Auch ihre Schwester Makiko stößt auf wenig Verständnis für ihre geplante Brustvergrößerung. Statt sie nach den Gründen zu fragen, wird sie dafür verurteilt – Kawakami bildet damit ziemlich genau ab, wie viele von uns reagieren und Entscheidungen anderer sofort bewerten, statt nach dem Warum? Zu fragen. Ist es wirklich so verwerflich, dass sich Makiko wünscht, wieder begehrenswert und schön zu sein? Ist es ihre Schuld, dass sie mit bestimmten Vorstellungen von begehrenswert und schön sozialisiert wurde, und dass sie jetzt danach strebt, diese zu erfüllen? Natürlich ist das Weltbild dahinter eines, das wir uns anders wünschen, aber können wir die Einzelne dafür verachten, dass sie fühlt, wie sie fühlt? Es gibt doch immer eine Lücke zwischen Dingen, die wir rational verstehen und Dingen, die wir emotional fühlen. Anstrengend ist diese Doppelmoral. Auf der einen Seite existieren Schönheitsbilder und man wird überall damit vollgeballert, aber wenn man dann nicht stark genug ist, dem Wunsch zu widerstehen, ihnen zu entsprechen, wird man verurteilt, ausgegrenzt, in Schweigen gehüllt.

KARRIERE ODER FAMILIE?

Kawakami thematisiert auch die japanische Literaturszene selbst in ihrem Buch, weil ihre Hauptfigur Natsuko eine leider bislang eher erfolglose Schriftstellerin ist, die zum ersten Mal Kontakt mit anderen Autor*innen hat und schnell merkt, dass Autorinnen oft nicht ernst genommen werden, während Autoren überall gefeiert werden. Der international wohl bekannteste japanische Autor ist Haruka Murakami, dessen Bücher für ihre surrealen, traumhaften und kafkaesken Szenerien bekannt sind. Doch auch Murakamis Werke sind nicht frei von eindimensionalen Frauenbildern, die aus einer rein männlich dominanten Perspektive betrachtet werden.[1] In den letzten Jahren schaffen es immer mehr weibliche japanische Autorinnen, in Europa übersetzt zu werden, bislang hat aber noch keine so einen großen Durchbruch gehabt wie Murakami. Vielleicht gelingt es jetzt Kawakami mit ihrem ehrlichen, rohen Einblick in die Leben japanischer Frauen fernab von Happy Ends und weichgespülten Romanzen?

Ich fand es erst etwas befremdlich, dass das Thema rund um das Schriftsteller*innentum Natsukos so viel Raum im Roman bekommen hat, wo es doch im ersten Teil eindeutig um andere Themen ging: Makikos Probleme mit ihren Brüsten, Midorikos Angst davor, was während der Pubertät mit ihrem Körper passiert, Natsukos unerfüllter Kinderwunsch. Allmählich habe ich aber meine Lesart geändert und, so meine ich zumindest, verstanden, wo Kawakami hinwollte. Für Natsuko spielt ihre Karriere in dieser Phase ihres Lebens eine große Rolle. Sie hat den Kinderwunsch, aber sie möchte auch von der Schriftstellerei leben können. Gleichzeitig ist sie in einer Branche unterwegs, die auch in Japan sehr männerdominiert ist, und hat es nicht leicht, sich dort einen Namen zu machen. Japan rangiert im weltweiten Vergleich mit anderen Ländern in Punkto Gleichberechtigung im unteren Drittel, in den Buchhandlungen gibt es „Frauenregale“, auf denen Werke weiblicher Autorinnen stehen, die klar vom Rest des Sortiments,  das aus Werken männlicher Autoren besteht, abgegrenzt werden.[2] Die bereits angesprochene fehlende Vereinbarkeit von Familie und Karriere in Japan ist wohl auch ein Grund dafür, dass der Literaturmarkt von männlichen Autoren beherrscht wird. Ist die berufliche Selbstverwirklichung für eine Frau nur möglich, wenn sie auf eine Familie verzichtet  – oder keine haben kann? Kawakami beleuchtet hier ein Feld, das nicht nur in Japan problematisch ist, aber gern unter den Tisch gekehrt wird. In einer Szene trifft sich Natsuko mit einern ehemalige Kollegin in einer Bar, die sich ihr, beflügelt von Bier und Sake, anvertraut und darüber klagt, dass sie mit ihrer Tochter und ihrem depressiven Ehemann zu dessen Eltern ziehen wird, weil er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr arbeiten kann. Ihr graut es vor dem Leben, das ihr bevorsteht und sie gibt zu, dass sie Fluchtgedanken hat. Als Natsuko wissen möchte, weshalb sie sich  nicht von ihm trennt und mit ihrer Tochter ein neues Leben beginnt, wird die Freundin ärgerlich. Als Alleinerziehende würde sie niemals eine Arbeit finden, die so gut bezahlt wird, dass sie sich und ihre Tochter alleine durchbringen kann. Es gibt für sie keinen Ausweg. Sie beendet das Gespräch.

Brüste und Eier ist ein vielschichtiger Roman, in dem es um Frauenkörper, um Mütter und Töchter und um das Erfüllen oder Nicht-Erfüllen von Rollenerwartungen geht. Anders als viele andere weibliche Autorinnen schreibt Kawakami weder von einer romantisierten, verklärten Welt noch bedient sie sich mystischer und magischer Elemente. Sie bildet das Leben ab, wie es für viele Frauen ist, wirft politische und gesellschaftliche Themen auf. Damit macht sie etwas, das in Japan hauptsächlich männliche Autoren tun und markiert klar ihren Standpunkt: Hier bin ich, eine Frau, und ich erhebe meine Stimme.

Definitiv eine meiner Lieblingsszenen im Buch ist diese: Makiko und Midoriko haben monatelang kein Wort miteinander gesprochen. In einem emotionalen Ausbruch während eines Streits mit ihrer Mutter fängt Midoriko an, rohe Eier an ihrem Kopf zu zerschlagen und sich mit der Masse einzureiben. Statt ihre Tochter aufzuhalten, steigt Midoriko mit ein. Am Ende haben sich beide mit zwei Packungen Eiern vollgeschmiert. Natsuko steht ratlos dabei, als sich Mutter und Tochter dieses bizarre Duell liefern. Am Ende sind sie miteinander versöhnt. Worte sind oft wie rohe Eier – wir haben Angst, dass wir etwas zerbrechen, deshalb hüten wir sie. Aber manchmal muss vielleicht erst etwas zerbrechen, bevor Dinge sich verändern können.  

INTERVIEW MIT ÜBERSETZERIN KATJA BUSSON

Female Writers Club: Liebe Frau Busson, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mir meine Fragen zu beantworten. Brüste und Eier hat mir gut gefallen und ich habe während des Lesens oft Ihre Übersetzung bewundert. Ich habe selbst zwar gar keine tieferen Kenntnisse der japanischen Sprache, aber ich weiß, dass es sich dabei um ein grundsätzlich anderes Sprachsystem handelt als das, das wir gewohnt sind. Können Sie kurz erklären, worin die wesentlichen Unterschiede zu unseren europäischen Sprachen bestehen?

Katja Busson: Das Japanische ist eine agglutinierende Sprache, d. h. grammatische Funktionen werden durch das Anfügen von Affixen an den Wortstamm ausgedrückt, das Verb steht immer am Ende eines Satzes, die höfliche Sprache ist sehr komplex und ausgefeilt, und die geschriebene Sprache besteht aus einer Mischung aus sino-japanischen Zeichen (Kanji) und zwei Silbenalphabeten (Hiragana und Katakana).

FWC: Eröffnet das Übertragen von Inhalten von einem Sprachsystem in ein anderes bestimmte Herausforderungen oder gar Probleme für Sie als Übersetzerin?

KB: Nein. Wenn man die lexikalischen und syntagmatischen Wege des Japanischen kennt und zwischen »normal« und »unnormal« unterscheiden kann, ist eine Übersetzung aus dem Japanischen nicht schwieriger als aus anderen Sprachen auch. Oder wie Jürgen Stalph in seinem Aufsatz Pro litteris japonicis oder vom Schaden schlechten Übersetzens schreibt: »Erstens: Das Japanische ist eine Sprache wie jede andere auch; man kann sie lernen, verstehen, übersetzen. Zweitens: Im Übersetzen dürfen wir erst dann mutig sein wollen, wenn wir zwischen Japanisch und faszinierend gesetztem Japanisch unterscheiden können und die Sprache, in die übersetzt werden soll, beherrschen. Das ist der Anfang der Kunst, so trocknen Mythen aus. Der Rest ist Detail.« (In: Japanstudien, Nr. 8, 1996. S. 190).

FWC: Wie sind Sie selbst zum Übersetzen japanischer Literatur gekommen? Was reizt sie an japanischen Texten vielleicht mehr als an Texten in europäischen Fremdsprachen?

KB: Ich habe Japanologie studiert und irgendwann im Laufe des Studiums festgestellt, dass mein größtes Interesse der Sprache gilt, wie sie funktioniert, worin sie sich vom Deutschen unterscheidet, wie man sie lehren und wie man sie übersetzen kann. Daraus haben sich zwanzig Jahre lexikographische Arbeit, zahlreiche Übersetzungen und ein eigener Verlag ergeben. – Dass die Wahl zu Beginn meines Studiums auf Japanisch gefallen ist, war Zufall. Aber ich will nicht verhehlen, dass die Vorstellung, irgendwann diese wie eine Geheimsprache anmutende Schrift lesen zu können, großen Reiz ausübte.

FWC: Was ist Ihr Eindruck: Unterscheidet sich die Art des Storytellings in japanischen Romanen von europäischen oder amerikanischen Romanen?

Es gibt auch heute noch Autoren oder Autorinnen, bei denen Elemente des traditionellen japanischen Erzählens auszumachen sind, Handlungsarmut, skizzenhafte Charaktere und Spannung, die eher aus dem untergründigen Beziehungsgeflecht entsteht, um mit Barbara Yoshida-Krafft einige typische Wesenszüge zu benennen, zum Beispiel Nanae Aoyama oder Hiroko Ôyamada, aber insgesamt hat sich seit der Öffnung und Modernisierung Japans vor 150 Jahren die japanische Art und Weise des Erzählens der westlichen so weit angenähert, dass sich das Storytelling in den meisten Romanen kaum von dem in europäischen oder amerikanischen Romanen unterscheidet.[3]

FWC: Mussten Sie an vielen Stellen eingreifen und Dinge „europäischer“ machen, weil man sie als Leser*in sonst nicht verstanden hätte? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass manchmal schon bei der Übersetzung englischer Romane ins Deutsche Fernsehsendungen oder Speisen angepasst werden, wenn sie zu „britisch“ anmuten.

KB: Nein. Glücklicherweise sind viele Dinge mittlerweile so international, dass man so gut wie nichts anpassen muss. Und wenn man doch einmal einen Begriff einführen muss oder möchte, lässt sich das in der Regel mit einem erklärenden Halbsatz lösen.

FWC: Ich habe gelesen, dass es im Japanischen viele feine Nuancen gibt, die wir in europäischen Sprachsystemen so nicht haben, zum Beispiel Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sprache. Gab es in Brüste und Eier Anzeichen einer „weiblichen Sprache“? Und falls ja, wie Sie sind sie beim Übersetzen damit umgegangen?

KB: Der Unterschied zwischen Männer- und Frauensprache besteht heute im Wesentlichen nur noch darin, dass man in direkter Rede verschiedene Pronomina verwendet. Männer sagen zum Beispiel häufig »ore« oder »boku« für »ich«, Frauen verwenden das neutrale »watashi« oder »atashi«. Das ist übersetzungstechnisch kein Problem. – Die größte Herausforderung bei der Übersetzung von Natsu-monogatari (Brüste und Eier) bestand vielleicht darin, der Diktion der verschiedenen Figuren gerecht zu werden, allen voran Makiko, der älteren Schwester der Protagonistin, die in Osaka als Hostess arbeitet, und Midoriko, ihrer elfjährigen Tochter.

FWC: Wie stark ist japanische Literatur derzeit auf dem deutschen Buchmarkt vertreten? Gibt es überhaupt andere international erfolgreiche Autoren – oder Autorinnen – außer Haruki Murakami?

KB: Angesichts der überschaubaren Zahl an Übersetzern, erfreulich stark. Neben Autorinnen wie Yoko Ogawa (Liebeskind), Hitomi Kawakami (Hanser), Sayaka Murata (Aufbau) und Autoren wie Durian Sukegawa (Dumont) und Fuminori Nakamura (Diogenes) sind einige Klassiker wiederaufgelegt worden, darunter Junichiro Tanizaki, Osamu Dazai und Yukio Mishima. Außerdem werden immer mehr Krimiautoren entdeckt, was mich sehr freut, da ich ein ausgesprochener Krimifan bin. – Weitere große, preisgekrönte Namen, die im deutschen Sprachraum und zum Teil europaweit noch unbekannt sind, finden sich in meinem eigenen Programm.

Wenn dieser Artikel eure Neugier auf japanische Literatur geweckt hat, dann schaut doch unbedingt auch bei Katja Bussons Verlag vorbei: https://www.cass-verlag.de/

Mieko Kawakami. Brüste und Eier erschien 2019 erstmals unter dem Titel Natsu monogatari bei Bungeishunju, Tokyo. Die deutsche Übersetzung von Katja Busson erschien 2020 bei DuMont. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich selbst angefragt hatte.


[1] https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/haruki-murakami/von-maennern-die-keine-frauen-haben

[2] Hier gibt es einen interessanten Beitrag über die Erwartungen an die japanische „Frauenliteratur“, Formen „weiblichen Schreibens“ und Autorinnen, die diese Erwartungen aufbrechen und über Themen schreiben, mit denen sich viele Frauen in Japan konfrontiert sehen: Armut, Diskriminierung, Gewalt, und generell die Situation vieler Frauen zwischen Familie und schlecht bezahlten Teilzeitjobs. https://www.swr.de/swr2/literatur/broadcastcontrib-swr-21558.html

[3] Als weiterführende Lektüre empfielt Katja Busson Barbara Yoshida-Kraffts Einführung zu dem Erzählband Frauen in Japan (München: dtv, 1989) zur japanischen Literatur und ihrer Entwicklung.

4 Kommentare

  1. Ein sehr schöner und interessanter Artikel. Ich lege aber Veto ein, dass es hierzulande unmöglich gemacht wird als alleinstehende Frau bzw. Frau mit Kinderwunsch einen Weg zu wählen um sich zu Verwirklichen und die Wünsche zu erfüllen. Da habe ich viele Blogs gelesen, die zeigen das dies möglich ist und auch immer mehr gelebt wird.
    Das Buch werde ich auch lesen, der Artikel hat große Lust darauf gemacht. Lg

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    • Das ist natürlich erfreulich, dass es hier (wo ist “hierzulande” – Deutschland konkret?) einfacher ist, den Kinderwunsch umzusetzen – darüber weiß ich gar nicht so viel, ehrlich gesagt. Mein Eindruck ist aber, dass es da schon auch einige Hürden gibt. Man kann sich nicht einfach künstlich befruchten lassen, oder doch? Ich glaube aber, dass es für Alleinerziehende nach wie vor in Deutschland ziemlich schwer ist, Job und Kind miteinander zu vereinbaren.

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      • Ich hab zum Beispiel gelesen, dass eine künstliche Befruchtung in D nur für Paare möglich ist, als Alleinstehende muss man dafür ins Ausland gehen. (Wenn man es nicht privat macht, sondern über eine Klinik, natürlich). Und dann ist da auch ein Kostenfaktor, den wahrscheinlich nicht jede Person stemmen kann, vor allem, wenn es mehrerer Behandlungszyklen bedarf…und die Partner dürfen nicht jünger als 25 und älter als 45 sein. Ich finde schon, dass es recht schwierig klingt für manche Paare und Einzelpersonen, sich so auf einem offiziellen Wege beim Kinderwunsch helfen zu lassen. :/

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  2. Da hast du leider Recht. Es ist nicht einfach und man muss sich durch sämtliche Seiten von Klinken, Krankenkassen, Gesetzten kämpfen und sich ethischen, sowie finanziellen Fragen stellen.

    Es gibt aber auch den Weg der Samenspende, Co- Vaterschaft mit deren Hilfe schon einige Babys entstanden sind und die schon ein offeneres Licht auf die Möglichkeiten werfen.

    Meine Meinung dazu habe ich auch erst durch diesen sehr wunderbaren und ausführlichen Blog geändert.

    https://planningmathilda.com/category/worum-es-geht/

    Es ist mit dadurch bewusst geworden, das es neben der künstlichen Befruchtung auch noch andere Wege gibt.

    Die Seite beschäftigt sich auch mit der Bewältigung von unerfülltem Kinderwunsch. Für mich waren die Literaturtipps auch sehr hilfreich.

    https://planningmathilda.com/produkte-literatur-planningmathilda/

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