Kein Roman. Sophie Calle. Das Adressbuch

Was für ein grandioser Plot, mit dem „Das Adressbuch“ da aufwartet. Alles drin, was es braucht. Einzig an der Fiktion mangelt es. Denn „Das Adressbuch“ ist nicht etwa literarische Prosa, sondern war 1983 gleichwohl konzeptuelles Kunstprojekt wie handfester Skandal.

Man interpretiert wohl nicht allzu viel hinein, wenn man den transparenten Schutzumschlag von „Das Adressbuch“ als passend, weil der Thematik entsprechend gewählt beurteilt. Worum es geht, ist schnell erzählt: Sophie Calle, international renommierte Künstlerin, findet 1983, also im analogen Zeitalter, das Adressbuch des ihr unbekannten Pierre D. Bevor sie ihm dieses anonym zurückschickt, kopiert sie selbiges und nimmt Kontakt mit den darin Verzeichneten auf. Mit der Bitte, ihr etwas über Pierre D. zu erzählen und ihn so kennenzulernen, trifft sie sich mit den Kontaktierten und dokumentiert die Treffen, die in der Regel zwischen 30 und 120 Minuten dauern. Calles Recherchen selbst dauern 28 Tage und ergaben 28 Kolumnen, die zwischen dem 02. August und 04. September 1983 in der französischen Tageszeitung Libération erschienen. 36 Jahre später wurden diese nun in Buchform auf Deutsch veröffentlicht, ergänzt um ein erklärendes Vor- und Nachwort Calles.

Konzeptkunst versus Datenschutz

Viel mehr passiert in „Das Adressbuch“ gar nicht. Muss es auch nicht. Die Wirkung
(ihr Name sei: ERNSTHAFT?!!!) setzt unmittelbar mit Lesen des Klappentextes ein, der genau darüber informiert: Dass all das genau so, also durchaus öffentlichkeitswirksam, stattgefunden hat. Und schon begrüßt man zum einen ein Gefühl von „Na schönen Dank auch!“ und zum anderen Fragen nach Datenschutz, nach dem Aufenthaltsort des eigenen Adressbuches und nach den darin verzeichneten Kontakten. Was würden diese wohl über einen selbst erzählen, würden sie von einer fremden Person darum gebeten? Würden sie überhaupt etwas erzählen und wenn ja, was für ein Bild würde sich unbekannten Dritten vermitteln? Würde es mit dem eigenen übereinstimmen? Was sagen die Kontakte, die man hat über einen aus und was die, die man pflegt und unabhängig vom Ergebnis, wollte man das abgedruckt in der Tageszeitung lesen? Und wo man schon dabei ist, sich solche und ähnliche Fragen gefallen zu lassen, die einem das provozierte Hirn da aufbürdet, warum nicht gleich noch die immergleichen mit weggemacht, die sich aufdrängen, sobald das Prädikat „Kunst“ bemüht wird: Was ist und was darf Kunst?

Smarter Daten verlieren

Fragen, die in einer weit digitalisierteren Welt, als sie es 1983 war, noch an Bedeutung gewonnen haben. Man denke an all die Möglichkeiten, die Smartphones heute bieten – oder auch Smart-TV, Smartkühlschränke, Smarthastenichtegesehenesdichaber. Diese Wunderwerke für Kontaktdaten, Chats, Video-, Ton- und Bildaufnahmen. Good news: Man muss diese Geräte nicht erst verlieren, damit aus Input Outcome werden kann. Verlieren wäre bei einem Smart-Kühlschrank, selbst für Smart-Kühlschrankunerfahrene, auch halbwegs schwierig. Aber die Daten … Nun ja. Als Warnung gelesen, erfüllt „Das Adressbuch“ auf jeden Fall seinen Zweck. Und auch, den eigenen Voyeurismus zu bedienen und das Nachdenken anzukurbeln. Hohe Literatur ist „Das Adressbuch“ nicht. Einen Anspruch, den es als eigenwillige Charakterstudie und Kunstprojekt gar nicht stellt. Apropos Kunstprojekt: Der Schmalbüchler hat zahlreiche, sehr schöne Schwarzweiß-Aufnahmen inne. Und Schwarz-Weiß ist ja per se schon Kunst. Das weiß man ja.

Entblößte Daten gegen entblößten Körper

Pierre D., der unfreiwillig Entblößte, fand Sophie Calles Projekt wenig überraschend nicht so richtig super. Dies zu unterstreichen, rächte er sich mit einem Nacktfoto der Künstlerin, das er aufgetrieben und Libération zum Abdruck angeboten hatte. Ebenfalls wenig überraschend und nicht so richtig super: Libération druckte. Nach den berechtigten Fragen zur Kunstfreiheit, drängt sich an der Stelle eventuell auch noch die ein oder andere Frage zur Pressefreiheit und dem falschen Umgang damit auf.

Sophie Calle. Das Adressbuch erschien im Original unter dem Titel Le carnet d’adresses bei Siglio Press. Die deutsche Übersetzung erschien 2019 bei Suhrkamp.

Anne Büttner. Arbeit und Leben meistens in Berlin. Zweitmeistens nicht. Schreibt literarisch und redaktionell. Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen, Anthologien, im Goldenen Buch der Familie und in diesem Internet. Mehrfach prämierte Kurzgeschichten. Zweites Standbein: Rubellose. Drittes auch. Auf Instagram findet ihr Anne unter: @allesausserbinnenschifffahrt

Essay Gastbeitrag Konzeptkunst

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