Wenn die Milch nicht einschießt. Emma Gannon. Olive

Bea, Cecily, Isla und Olive kennen sich seit ihrer Schulzeit. Zusammen gingen sie durch die Jahre der Pubertät – erste Lieben, erste Liebeskummer, erste Parties, erste große Erfolge und Enttäuschungen-, besuchen anschließend dieselbe Uni und teilen sich eine Bude in London. Die vier sind eine eingeschworene Gemeinschaft, jede Höhe und Tiefe des gerade begonnenen Erwachsenenlebens wird gemeinsam genommen, und, zumindest wenn es nach Olive geht, wird sich auch nach dem Ende des Studiums so schnell nichts daran ändern, dass die Vier alles miteinander teilen und alles übereinander wissen. Aber natürlich kommt es anders. Schneller als gedacht schlagen die jungen Frauen unterschiedliche Wege ein. Sie halten Kontakt, aber die Klüfte, die sich zwischen ihnen auftun, werden mit der Zeit immer spürbarer.

Zehn Jahre später: Olives langjährige Beziehung ging gerade in die Brüche – weil ihr Freund gern eine Familie gründen wollte, sie sich die Mutterrolle für sich aber absolut nicht vorstellen kann. Was sie braucht, ist Trost und Aufmunterung durch ihre besten Freundinnen, die sie leider nicht mehr so oft sieht, weil sie alle drei auf andere Art mit Kindern beschäftigt sind. Bea ist dreifache Mutter, Cecily erwartet gerade ihr erstes Kind und Isla versucht, mittels künstlicher Befruchtung schwanger zu werden – leider bisher erfolglos. Als Olive im Stammrestaurant der vier auftaucht, eröffnen ihr die anderen, dass sie zu müde sind und sie das Treffen verschieben müssen. Geknickt betäubt Olive ihren Liebeskummer allein in einer Bar. Wo sind die Zeiten hin, in denen sie mit den anderen Nacht um Nacht durchgezecht hat? Als die Freundinnen bei Kummer immer füreinander da waren? Als sie sich geschworen haben, einander immer wichtig zu bleiben?

WAS STIMMT MIT DIR NICHT?

In Rückblenden werden signifikante Ereignisse der Freundinnen aus den Schul- und Studienjahren erzählt, während in der Gegenwart Olive damit hadert, wie weit sich die vier Freundinnen voneinander entfernt haben. Sie fühlt sich abgehängt im großen Wettkampf des Erwachsenseins und wie eine Versagerin, weil sie die einzige ist, die sich nicht mit ihrer eigenen Familienplanung beschäftigt. Was stimmt mit ihr nicht, dass sie keine Kinder haben möchte, sich nicht als Mutter sieht? Olive hat nichts gegen Kinder, aber sie interessiert sich einfach nicht übermäßig für all das, was damit in Zusammenhang steht. Wann immer ihr fehlender Kinderwunsch zur Sprache kommt, wird Olive mit Unverständnis begegnet. „Warte nur ab, der Kinderwunsch kommt bestimmt noch.“ Niemand scheint ihre Gedanken und Gefühle ernst zu nehmen, von Beschwichtigung über Beschimpfungen reicht die Bandbreite der Reaktionen, kaum jemand aber scheint akzeptieren zu können, dass Olive sich ihr Leben ohne Kinder vorstellt. Im Gegenteil: sie bekommt sogar von anderen ein schlechtes Gewissen dafür eingeredet, dass sie, die gebärfähig wäre, sich aktiv dagegen entscheidet, während Frauen wie Isla sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind, aber keines haben können. Hat nicht jeder Mensch das Recht auf seine eigenen Gefühle und Entscheidungen? Warum ist in den Augen der Allgemeinheit das eine mehr wert als das andere? Obwohl sich Olive grundsätzlich sicher ist, keine Kinder haben zu wollen (so, wie man halt auch einfach weiß, dass man Schokoeis lieber mag als Erdbeereis), führt das permanente Gegenreden der anderen dazu, dass sie an sich selbst zweifelt und Ängste entwickelt. Was, wenn sie die Kinderlosigkeit doch irgendwann bereut, so wie alle prophezeien? Wer wird sich im Alter um sie kümmern? Es dauert zum Glück nicht lange, bis Olive versteht, dass es keine Garantie dafür gibt, dass man sich mit seinen Kindern gut versteht und sie auch Bock drauf haben, sich später um ihre Eltern zu kümmern. Die Angst vor dem Alter sollte also nicht dazu führen, dass man sich in die Mutterrolle drängen lässt. Nichts sollte dazu führen.

YOU ARE NOT THE ONLY ONE

So wie Olive geht es vielen Frauen. Darüber zu sprechen ist allerdings für die wenigsten leicht, denn was Olive erlebt, ist leider keine Ausnahme. Die Annahme, dass eine Frau ganz naturgemäß Mutter werden muss – es geht oft nicht mal darum, ob sie möchte oder nicht – hält sich hartnäckig. Der Mythos von der Frau, deren Eierstöcke beim Anblick eines Babys zu jucken beginnen und der allein beim Gedanken ans Muttersein die Milch einschießt, wird fleißig geschürt, sowohl in den Sozialen Medien (Insta Moms all over, nach Profilen, die andere Lebensrealitäten abbilden, muss man schon erstmal eine Weile suchen) als auch in privaten Kontexten. Als Frau Ende zwanzig/Anfang dreißig ist der Druck am höchsten und die Frage nach der Familienplanung eine, die man quasi überall hinterher geworfen bekommt. Wie soll man sich da nicht unnormal fühlen, wenn man keine Kinder bekommen möchte? Sogar Olives Ex-Freund schlägt vor, dass sie mal mit einem Therapeuten über ihren fehlenden Kinderwunsch sprechen könnte, woraufhin Olive ihm klar macht, dass mit ihr alles in Ordnung ist. Das kann man gar nicht mit genug Nachdruck sagen. Es ist ok, wenn eine Frau sich nicht als Mutter sieht. Es ist ok. Es macht sie nicht bemitleidenswert oder weniger wertvoll. Und sie muss auch nicht beweisen, dass ihr Leben trotzdem schön ist. Auf kinderlosen Frauen lastet der Druck, zu rechtfertigen, weshalb sie lieber einen Hund als ein Baby haben oder lieber die Welt bereisen als sich auf eine Einschulung vorzubereiten. Oder einfach lieber nichts stattdessen tun. Nur für sich allein leben. Auf Müttern wiederum lastet der Druck, ihren Kindern die bestmögliche und gesellschaftlich anerkannte Erziehung zuteil werden zu lassen – es hagelt von allen Seiten Ratschläge und Kritik. Vielleicht können wir jetzt mal damit aufhören, Frauen immerzu mit allem, was sie tun oder nicht tun, unter Druck zu setzen? Männer werden übrigens nicht so sehr wie Frauen mit ihrer biologischen Uhr und angeblichen Lebensaufgabe konfrontiert. Warum eigentlich nicht?

Allerdings gibt es natürlich auch auf allen Seiten Leute, die ihren Lebensentwurf für den absolut richtigen halten und eine Engstirnigkeit gegenüber anderen entwickeln. So natürlich auch bei den gewollt Kinderlosen, deutlich wird das, als Olive eine Veranstaltung besucht, die eher einer Sekte als einem netten Treffen Gleichgesinnter gleicht.

ALLE FACETTEN DER (NICHT-) MUTTERSCHAFT

Ich mag Olive sehr, weil Emma Gannon weder das eine oder das andere verteufelt. Olives Auseinandersetzung damit, keinen dringlichen Kinderwunsch zu haben, wird genauso in allen Facetten beleuchtet wie der Kinderwunsch und die Mutterschaft ihrer Freundinnen, die alle individuell und unterschiedlich sind – von den alltäglichen Struggles einer Mehrfachmutter bis hin zur Überforderung einer Neu-Mutter. Olive zeigt Interesse an den Kindern ihrer Freundinnen und ist empathisch und hilfsbereit gegenüber Cecily, als diese gerade ihr Kind bekommen hat und im emotionalen und physischen Chaos versinkt (und streitet sich später fürchterlich mit ihr, weil die verschiedenen Welten und Ansichten aufeinander prallen – auch das ist ok, ist im Leben halt manchmal so). Aber der Roman thematisiert auch ganz offen ihre Traurigkeit darüber, dass sie sich jetzt in der Freundesgruppe oft ausgeschlossen und abgemeldet fühlt, weil sich die Gespräche nur noch um Kinder drehen, auf ihre Nachrichten niemand reagiert und ihre Freundinnen kaum noch Interesse an ihrem Leben zeigen. Sogar nach der Trennung von ihrem Freund vergehen Monate, ehe die anderen sie darauf ansprechen. Sehr gut dargestellt finde ich auch das Dilemma, in dem sich Isla befindet, der die gescheiterten Versuche der künstlichen Befruchtung und die Aussicht, eventuell niemals eigene Kinder haben zu können, psychisch stark zusetzen. Sie zieht sich zurück, versucht aber, angesichts des Kinderglücks ihrer Freundinnen gute Miene zu machen, auch, als Cecily sie wenig einfühlsam damit beauftragt, die Deko für ihre Babyparty zu gestalten. Ich mochte alle Figuren in dem Buch sehr, weil Gannon sie einfach ganz realistisch gezeichnet hat. Jede steckt gerade in einer Lebensphase, die sie herausfordert und die viele Veränderungen mit sich bringt. Jede ist gerade die Hauptfigur in ihrer eigenen Story und jede verliert zuweilen den Blick für die Probleme und Sorgen ihrer Freundinnen – aber keine Figur wird als Buhfrau hingestellt. Es ist einfach das Leben.

FREUNDSCHAFTEN

Die unterschiedlichen Lebenswege, die die vier Figuren einschlagen, das schleichende Sich-voneinander-entfernen, Wut, Traurigkeit und Enttäuschung über die Veränderungen in den Beziehungen zueinander, dann wiederum Momente, die sich anfühlen, als hätte sich gar nichts verändert und das Zurück-zueinander-Finden nach einem Streit, der eigentlich schon das Ende der Freundschaft eingeleitet hatte – ich habe mich oft darin wiedergefunden. Und mich gefragt: wie kann es sein, dass Emma Gannon so viel über mein Leben weiß? Wahrscheinlich ist, dass sie gar nichts über mein Leben weiß, mit ihrem Roman aber vielen Leser*innen das Gefühl geben wird, dass sie über einen selbst schreibt. Denn das, was sie da beschreibt, erlebt wohl fast jede*r, der/die langjährige Freundschaften hat.

NETFLIXIG

Gannon erzählt witzig, lebensnah und wertfrei von vier Frauen, die unterschiedliche Wege beschreiten. Die Botschaft des Romans ist klar: jedes Lebenskonzept hat seine Daseinsberechtigung. Und Freundschaften sind lebendige Gebilde, die sich mit der Zeit verändern. Das tut weh – und es ist ok, Vergangenes zu betrauern. Aber gleichzeitig lohnt es sich auch, am Ball zu bleiben, wenn Freundschaften sich zäh anfühlen, denn manchmal kommen auch wieder bessere Zeiten.

Olive tut an vielen Stellen weh, reißt zuweilen eigene Wunden auf und hinterlässt doch ein warmes Schön-dass-es-Freundinnen-gibt-Gefühl. Es ist wie eine Netflix-Serie für Neu-Dreißigerinnen. Vielleicht kommt ja jemand auf die Idee, es zu verfilmen. Warten wir es ab!

Emma Gannon. Olive erschien 2020 bei Harper Collins.

Romane

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