Alte sind auch nur Menschen. Margaret Laurence. Der steinerne Engel

Hagar Shipley ist 90 Jahre alt und verbringt ihren Lebensabend in dem Haus, in dem sie einen großen Teil ihrer Jahre lebte, umsorgt und behütet von ihrem Sohn Marvin und ihrer Schwiegertochter Doris. Dachte sie. Als sie eines Tages mitbekommt, dass Marvin und Doris planen, sie in ein Pflegeheim zu geben, bröckelt die Welt vor ihren Augen. Wie können sie so herzlos sein? Nach allem, was sie als Mutter für Marvin getan hat? Hagar will sich nicht fremdbestimmen lassen und plant ihren Ausbruch. Obwohl ihre Füße sie kaum noch tragen, läuft sie davon. Ohne Proviant, ohne Gepäck. Ob das ein gutes Ende nimmt?

Passend zum diesjährigen Gastland Kanada der Frankfurter Buchmesse erscheint Margaret Laurences Roman Der steinerne Engel, der bereits 1964 erstveröffentlicht wurde, jetzt in einer vollständig neuen deutschen Übersetzung. Für mich ist Laurence definitiv eine Entdeckung und erweitert meinen Horizont an kanadischen Autorinnen ungemein. Man darf Laurence zurecht im selben Atemzug nennen wie Margaret Atwood und Alice Munroe. Sicherlich teilt sie sich die deutsche Übersetzerin Monika Baark nicht von ungefähr mit Atwood.

Laurence schafft es, vom Alt-Sein zu erzählen, ohne auf ihre 90-jährige Protagonistin herabzuschauen oder sie in all ihrer altersbedingten Gebrechlichkeit senil wirken zu lassen. Hagar behält als Romanfigur bis zur letzten Seite ihre Würde, erscheint scharfsinnig, klug, zuweilen barsch und sicherlich nicht unfehlbar – und genau darum geht es in dem Text: alten Menschen nicht ihre Menschlichkeit abzusprechen.  

Altern und Alt-Sein sind Themen, über die es selten einen öffentlichen Diskurs gibt und über die auch privat ungern gesprochen wird. Leute in meinem Alter setzen sich nicht gern mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander, wir haben doch gerade erst unseren Berufseinstieg hinter uns und Familien gegründet oder auf eine andere Weise unseren Lebensweg geformt und beschritten. Zum ersten Mal werden wir wohl mit dem Thema dann konfrontiert, wenn unsere Großeltern allmählich deutlich altern und sterben. Das nächste Mal begegnet uns das Alter bei unseren Eltern – und hier wird es wahrscheinlich für die meisten schwierig. Das Dilemma ist ein unlösbares: Sind wir es unseren Eltern schuldig, sie im Alter zu pflegen, weil sie uns geboren und aufgezogen haben? Was aber, wenn wir es körperlich, psychisch und zeitlich nicht leisten können?

Zerrissen von diesen Fragen ist auch Marvin. Hagar ist eine schwere Frau, deren körperliche Leiden sich mit dem Alter mehren. Immer öfter fällt sie nachts beim Versuch, auf die Toilette zu gehen. Für Doris und Marvin, beide in ihren 60ern, wird es zunehmend schwieriger, sie zu heben und zu tragen. Auch psychisch ist die Betreuung Hagars eine Belastung, da sie an manchen Tagen vergesslich und verwirrt ist und zuweilen ihre Zigaretten nicht richtig ausdrückt oder andere gefährliche Dinge tut, wenn sie allein ist.

Laurence erzählt die Geschichte so, dass uns als Leser*in Hagar keineswegs alt und beeinträchtigt erscheint, und das ist der große erzählerische Kniff des Romans, der ihn so wertvoll macht. Erzählt wird aus ihrer Perspektive, wir lernen sie als etwas forsche Frau kennen, die ihre Umgebung und ihre Mitmenschen genau beobachtet und gern mit bissigen Kommentaren bedenkt. In ihrer Wahrnehmung ist mit ihr alles in Ordnung, bis auf die kleinen Zipperlein hier und da. Die Bemerkungen von Doris und Marvin und anderer Figuren wie dem Pastor und den Ärzten über ihre geistigen Ausfälle hält sie für einen Affront, für den Versuch, sie zu zermürben und gefügig zu machen. Die Erzählperspektive ist deshalb schlau gewählt, weil sie die Kluft zwischen der Selbst- und der Fremdwahrnehmung vieler alter Menschen aufzeigt. Es muss unheimlich schwer sein, nach einem selbstständigen, langen Leben allmählich abzubauen und auf andere angewiesen zu sein, und es ist vielleicht verständlich, dass man davor die Augen verschließt und Gefühle wie Wut und Verzweiflung empfindet.

Der Roman bewertet weder Hagars Verhalten noch das ihres Sohnes und seiner Frau, sondern zeigt, wie schwer es für beide Seiten ist, einen Umgang damit zu finden. Indem von Hagars Leben – ihrer Kindheit und Jugend als rebellische Kaufmannstochter, die sich gegen den Willen des Vaters für einen Mann entscheidet; ihrer Ehe, in der sexuelle Gewalt an der Tagesordnung war; ihren Söhnen, die sie nicht gleichwertig lieben konnte und von denen der starb, der ihr näher stand; der harten Zeit nach der Trennung von ihrem Mann, in der sie sich allein durchschlagen musste – erzählt wird, wird aber auch betont, was wir im Umgang mit alten Menschen oft vergessen: dass sie auch einmal so jung waren wie wir, dass sie auch ein Leben hatten und dass sie es verdienen, in die Entscheidung über ihren Lebensabend mit einbezogen zu werden, sofern das aufgrund ihrer geistigen Verfassung noch möglich ist. Die Erzählperspektive zeigt, dass Hagar durchaus in der Lage ist, logisch und komplex zu denken, dass da in der alternden Hülle noch immer dieselbe Frau steckt, die jetzt nur manchmal etwas länger braucht, um ihre Gedanken zu sortieren. Ihre Enttäuschung darüber, dass Marvin und Doris über ihren Kopf hinweg entscheiden wollen, was mit ihr passiert, treibt sie zu einer extremen Handlung. Was wäre gewesen, hätten sie mit ihr gesprochen wie mit einer mündigen Person?

Der steinerne Engel mag über fünfzig Jahre alt sein und in einem Kanada der Vergangenheit spielen, thematisch hat der Roman jedoch gar nichts von seiner Kraft eingebüßt. Mich hat er zum Nachdenken gebracht. Über meine Familie, aber auch über mein eigenes Altwerden. Meine Generation hat bescheidene Rentenaussichten, und ich lese häufig über die Altersarmut gerade bei Frauen. Das Thema Altersvorsorge ist eines, um das ich mich etwas herumdrücke, weil mir mein Leben in 50 Jahren so abstrakt und schwer greifbar erscheint. Und natürlich sind Fragen, die sich um die eigene Endlichkeit drehen, auch sehr schmerzhaft. Aber vielleicht bringt Der steinerne Engel ja den einen oder die andere dazu, die eigenen Großeltern und Eltern im Alter mit anderen Augen zu sehen und anders zu behandeln, etwas milder mit ihren Gefühlen umzugehen und sich selbst immer mal zu fragen, ob diese vielleicht daher rühren, weil man selbst in einen Umgang verfallen ist, der der anderen Person Selbstbestimmung und Bedürfnisse abspricht. Denn eins habe ich jetzt verstanden: Unsere Menschlichkeit verschwindet nicht hinter Falten und Vergesslichkeit.

Margaret Laurence. Der steinerne Engel erschien erstmals 1964 unter dem Titel The Stone Angel bei McClelland & Stewart, Toronto. Die vollständig neue deutsche Ausgabe erschien 2020 in der Übersetzung von Monika Baark bei Eisele.

Ein Kommentar

  1. Hallo,

    sehr schöne Rezension! Da mein Vater auch schon 88 Jahre alt und gesundheitlich sehr angegriffen ist, beschäftigt mich das Thema Altern und Sterblichkeit sehr – und es macht mir Angst. Daher zögere ich immer ein wenig, Bücher wie dieses zu lesen obwohl ich sie wahrscheinlich gerade deshalb lesen sollte.

    LG,
    Mikka

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