Du wolltest es doch. Kate Elizabeth Russell. My Dark Vanessa

Diesem Artikel möchte ich gern eine Triggerwarnung voranstellen. Es geht in My Dark Vanessa um sexuellen und psychischen Missbrauch an Minderjährigen und Frauen. Falls dies Themen sind, die in euch traumatische Gefühle oder Flashbacks auslösen, möchte ich euch dazu raten, den Artikel lieber nicht zu lesen.

Vanessa ist 14, als sie auf das Internat kommt, auf dem sich ihr Leben dramatisch ändern wird. Sie ist eine Außenseiterin, und als sie sich mit ihrer besten Freundin zerstreitet, hat sie kein nennenswertes soziales Netz mehr auf der Schule. Als ihr Englischlehrer Jacob Strane ihr plötzlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken scheint als den anderen Schüler*innen, ist sie verwirrt, aber auch geschmeichelt. Schnell werden aus kleinen Bemerkungen kleine Berührungen. Vanessa interpretiert die Gefühle, die in ihrem Inneren toben als Verliebtheit und tritt dem Poesieclub bei, der von ihm geleitet wird, um einen Vorwand zu haben, jeden Tag Stunden in seiner Nähe verbringen zu können. Mr Strane nähert sich ihr vorsichtig, aber bestimmt, leitet sie sanft in eine Richtung, aus der es keine Umkehr mehr gibt. Irgendwann geschieht es: die beiden haben Sex. Wieder und wieder. In Stranes Wohnung, in seinem Büro. Gerüchte werden laut, aber die Schulleitung deckt den Lehrer. Eines Tages fliegt die Affäre auf, weil eine Mitschülerin, der die Beziehung zwischen ihrem Lehrer und Vanessa komisch vorkommt, nicht locker lässt, und Vanessa wird von der Schule verwiesen. Ihre Beziehung zu Strane läuft jedoch weiter. Er holt sie von zu Hause ab, wenn ihre Eltern nicht da sind, fährt mit ihr in den Wald. Für Vanessa zählt weder ihre verbaute Schuldbildung noch der Rattenschwanz an Vertrauensbrüchen, die sie an ihren Eltern begeht. Strane ist ihr Fixstern. Er beherrscht ihr Leben.

Je mehr ich über diesen Roman nachdenke, desto cleverer finde ich die Art und Weise, wie er von Russell geschrieben wurde. Wir erleben die Ereignisse und Strane durch Vanessas Filter. Getrübt durch ihre durcheinandergeratenen Gefühle und die zunehmende Verwirrung und Selbstverleumdung verschwimmen auch für uns als Leser*innen immer öfter für den Bruchteil eines Moments die Grenzen, und wir sind uns nicht mehr sicher über das, was eigentlich glasklar sein sollte: wer hier Täter ist und wer das Opfer. Wir erwischen uns dabei, wie wir uns fragen, ob sie nicht doch recht hat mit dem Selbstbild, das Strane ihr nach und nach eingeimpft hat, ob sie nicht doch besonders und anders ist, viel zu reif für ihr Alter, und sofort schämen wir uns dafür, dass wir wie sie von Strane hineingelockt wurden in eine Version der Geschichte, die niemals die Wahrheit sein wird. Die zahlreichen Anspielungen auf Nabokovs Klassiker Lolita kommen nicht von ungefähr – auch dieses Buch lässt einem die Haare zu Berge stehen ob der Fantasien des Erwachsenen Erzählers Humbert Humbert, die er auf die 12-jährige Lo projiziert, ob der Erklärungen, die er immer wieder findet, um zu rechtfertigen, warum “seine” Lo nicht ist wie andere Mädchen in ihrem Alter, warum sie bereit ist für Sex mit ihm. Und wie Humbert bei Nabokov Lo lullt auch Strane Vanessa mit der Idee ein, eine Seelenverwandte zu sein, die einzige, die die dunkle Seite seiner Natur verstehen und zähmen kann. Was das für ein so junges Mädchen bedeuten mag, kann man sich nur ansatzweise vorstellen, doch es gelingt Russell, uns immerhin eine Idee davon zu geben. Vanessa isoliert sich zunehmend von ihrer Umwelt, von Gleichaltrigen und von ihren Eltern. Sie fühlt sich gleichzeitig auserkoren und belastet, nicht nur ihr Schicksal liegt in ihrer Hand, sondern auch das des Geliebten. Ein äußerst durchtriebener und von langer Hand geplanter Schachzug Stranes, der sein eigenes Überleben sichern soll, wie sich noch herausstellen wird.

My Dark Vanessa zeigt die mögliche Komplexität eines Missbrauchsfalls und nicht zuletzt, welchen Anteil oft das Umfeld dabei spielt, ob ein Missbrauch ans Licht kommt oder nicht. In Vanessas Fall hat eine komplette Schule die Augen vor dem offensichtlichen verschlossen. Obwohl Strane schon mehrfach unter Verdacht stand, sich Minderjährigen gegenüber unangemessen zu verhalten, obwohl Lehrer*innen darauf aufmerksam wurden, wie nah er und Vanessa sich kamen, obwohl Schüler*innen Bedenken und Verwunderung äußerten, wurden wiederholt alle Anschuldigungen gegen den Lehrer fallen gelassen, Beweise verschwanden oder wurden manipuliert, die Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin mit lustigen Kommentaren heruntergespielt. Das zeigt, wie sehr ein solcher Fall eben davon abhängt, wie ernst er genommen wird, wie ernst vor allem das minderjährige Opfer genommen wird. Wenn es von vornherein keine Bereitschaft dafür gibt, ihm zu helfen, wird es für es auch keine Hilfe geben.

Strane spielt seine Überlegenheit Vanessa gegenüber von Anfang aus. Er gibt ihr geschickt das Gefühl, dass alle Annäherungen von ihr ausgehen. Vor jeder Körperlichkeit bearbeitet er sie mit manipulativen Fragen, die sie um ihre Zustimmung bitten und darauf abzielen, sie in Verlegenheit zu bringen – er weiß um ihre Unsicherheiten als junges Mädchen und den Wunsch, sich nicht zu blamieren oder als unreif und doch nicht so interessant zu gelten und drückt stets die richtigen Knöpfe. Dass er sich die Schülerin mit dem kleinsten sozialen Anschluss ausgesucht hat, die regelrecht nach Anerkennung gierte, war natürlich kein Zufall. Sorgfältig hat er sie von Anfang an darauf getestet, wie sie auf seine Kommentare und die wie zufälligen Berührungen reagierte. Die meisten Kinder hätten sich wohl da schon zurückgezogen, sich jemanden anvertraut. Vanessa aber war empfänglich für diese Art der Zuwendung, für die Bewunderung, für das Interesse an ihrer Person, das sie so noch nicht kannte. Irgendwann erfährt Vanessa, dass er es war, der nach dem Eklat für ihren Schulverweis gesorgt hatte, der alles so hingebogen hatte, dass es angeblich Vanessa war, die ihn unangemessen belästigte. Eine verliebte Schülerin, die ihren Lehrer tyrannisiert. Damit kam er davon. Immer wieder. Über Jahrzehnte.

Jahre später, Vanessa ist inzwischen eine erwachsene Frau und steht noch in Kontakt mit Strane, der jegliches sexuelles Interesse an ihr verloren hat, von dem sie emotional aber nicht loskommt, der so gesehen ihr komplettes Leben beherrscht, wendet sich eine andere junge Frau mit schweren Missbrauchsvorwürfen gegen Strane an die Öffentlichkeit. Es sind die Jahre der Me-Too-Skandale, überall auf der Welt werden Geschichten von Frauen laut, die von meist älteren Männern sexuell belästigt wurden, ohne dass es je Konsequenzen hatte. Vanessa muss sich noch mal mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und langsam beginnt sie zu hinterfragen, ob diese Geschichte, die sie als große, außergewöhnliche Liebe gelabelt hatte, auch ein Missbrauch gewesen ist. Strane beharrt jedoch darauf, dass Vanessa alles freiwillig mitgemacht hat, seine Methode ist die des Gaslighting: er redet Vanessa kontinuierlich Dinge ein, die sie irgendwann selbst zu glauben beginnt (Gaslighting ist eine Form psychischer Gewalt, bei der dem Opfer wiederholt eingeredet wird, dass es unzurechnungsfähig und seine Wahrnehmung getrübt ist. Ein Beispiel aus einem Theaterstück, von dem auch der Name stammt: Ein Mann gibt vor, Dinge nicht zu sehen, die seine Frau sieht, etwa das Flackern der Lichter im Haus, so lange, bis sie selbst anzweifelt, ob sie wirklich flackern und darüber verrückt wird). Und er stellt sich selbst als das große Opfer dar. Wenn Vanessa ihn anzeigt, dann kommt er ins Gefängnis, dann ist sein Leben vorbei, und das nur, weil er sich unglücklicherweise in ein junges Mädchen verliebt hatte. Wieder suggeriert er ihr, dass sie die Macht in den Händen hält, über sein Schicksal, über ihres. Dass er selbst nichts dafür kann, dass er Sex mit ihr wollte. Und wieder hält er sie dadurch an der kurzen Leine. Vanessas psychischer Leidensdruck ist enorm, sie ist hin und hergerissen zwischen zwei Versionen ein und derselben Geschichte – ihrer Geschichte – aber, das ist wohl das tragischste an der Sache, es ist ihr nicht einmal bewusst, weil sie die ganze Zeit über denkt, dass sie aus freien Stücken heraus gehandelt hat. Wir erleben den psychischen Zerfall einer Frau, die vermutlich ein gutes Leben gehabt hätte, wenn sie nicht in die Falle ihres pädophilen Lehrers getappt wäre.

My Dark Vanessa ist deshalb so ein starkes Buch, weil es nicht einfach sagt: das hier ist der Täter und das hier das Opfer. Es erzählt die Geschichte aus der Sicht des Opfers, das sich selbst nicht als Opfer sieht. Vanessa hat sich ein eigenes Narrativ geschaffen, in dem ihre Beziehung zu Strane eine romantische ist. Indem sie sich selbst davon überzeugt, dass ihre Geschichte nichts mit der anderer Missbrauchsopfer gemein hat, sichert sie sich ihr Überleben, schafft es, nicht völlig zu zerbrechen. Gleichzeitig bindet sie sich emotional aber auch so fest an Strane, dass er zum Mittel- und Fixpunkt ihres Lebens wird. Als seine Obsession zu ihr schon längst vorbei ist, wird ihre mit jedem Tag stärker. Beim Lesen empfand ich fast durchgängig ein Unwohlsein, das Wissen darum, was diesem Mädchen angetan wird, wie ihr Leben systematisch zerstört wird und wie ihr niemand hilft, weil sie selbst es am wenigsten möchte – das war unerträglich. Und doch konnte ich das Buch nicht weglegen, zu intensiv war der Sog, der Wunsch, dass am Ende doch noch alles gut wird für Vanessa. Ob es das wurde? Nun, wir sind hier nicht im Märchen. Und in der Realität ist “gut genug” meistens schon so nah wie möglich dran am Happy End.

My Dark Vanessa von Kate Elizabeth Russell erschien 2020 erstmalig bei William Morrow/Harper Collins in Amerika und bei 4th Estate in Großbritannien. Die deutsche Übersetzung von Ulrike Thiesmeyer erschien unter dem Titel Meine dunkle Vanessa 2020 bei C. Bertelsmann.

Romane

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