Schattenseiten der Mutterschaft. Laura Dockrill. What have I done?

Psychische Erkrankungen erobern sich langsam ihren Raum in der öffentlichen Wahrnehmung. Dank der sozialen Medien sprechen immer mehr Menschen über ihre Erfahrungen, vernetzen sich, tauschen sich aus und stärken sich gegenseitig. Es ist eben nicht alles schlecht im Zeitalter der Digitalisierung. Was noch vor einigen Jahren ein absolutes Tabuthema gewesen ist, wird jetzt auf Instagram & Co. gezeigt und diskutiert. Das Gute daran: die Stigmen, die mit psychischen Erkrankungen verknüpft sind, lösen sich langsam auf. Vor allem über Depressionen und das Burn Out-Syndrom wird heute öffentlich mehr gesprochen denn je. Menschen, die sich als Betroffene zu erkennen geben, riskieren nicht mehr die völlige sozialen Ächtung, wie es noch vor einiger Zeit der Fall gewesen wäre. Aber: ich stelle immer wieder fest, dass es solche und solche mentalen Krankheiten gibt. Während die Depression fast schon gesellschaftsfähig geworden ist, gibt es Krankheitsbilder, um die sich nach wie vor Mythen ranken – die nach wie vor mit falschen Vorstellungen und Vorurteilen verknüpft sind. Das Borderline Syndrom beispielsweise, zu dem ich hier auf dem Blog bald auch ein aktuelles Buch vorstellen werde. Heute soll es jedoch um etwas anderes gehen. Etwas, das gleich in mehrfacher Hinsicht ein Tabuthema ist.

Laura Dockrill erlebte eine schöne Schwangerschaft. Eine ohne Komplikationen, eine, in der sie ihre wachsende Kugel gern vor dem Spiegel fotografierte. Eine, bei der sie mit einer Hand auf dem Bauch von ihrer zukünftigen Familie träumte. Eine ohne Sorgen, voll Zuversicht. Eine, die man genau so ziemlich häufig auf Instagram dokumentiert findet. Bilder gefiltert in zarten Pastelltönen, die werdende Mama glowing vor freudiger Erwartung ihrer neuen Rolle. Zuversichtlich, dass die Natur das schon machen und sie ganz intuitiv wissen wird, wie das geht – Mamasein.

Die Geburt ihres Babys verlief dann leider alles andere als zartrosa und intuitiv. Laura verbrachte quälende Stunden im Wehenprozess, der stagnierte, wurde von Nachtschwester zu Nachtschwester gereicht, kaum aufgeklärt, kaum beruhigt. Am Ende stand ein Kaiserschnitt, und plötzlich lag auf ihrem Bauch ein Baby. Doch die erwarteten überwältigenden Muttergefühle setzten nicht ein. Stattdessen fühlte sich Laura nur erschöpft und völlig erschlagen von all dem, das ihr gerade widerfahren war. Statt Ruhe und Raum zum Kennenlernen bekam Laura ein Bett in einem überfüllten, viel zu heißen Raum voll weiterer Neu-Mütter. Babys schrien, Frauen versuchten notdürftig, sich etwas Privatsphäre zu schaffen. Besucher*innen gingen ein und aus. Auch Lauras Familie und die ihres Freundes kamen, um das neue Baby zu sehen. Laura, völlig entkräftet und verzweifelt, machte gute Miene zum bösen Spiel. Innerlich stand sie in Flammen. Wer war dieses Kind? Wer war sie? Warum fühlte sich das alles so schrecklich an? Letztendlich verbrachte Laura mehrere Tage auf der Station, bevor sie endlich nach Hause gehen durfte. Doch auch dort kam sie nicht zur Ruhe. In ihrem Körper rauschte das Adrenalin, strahlte der Stress bis in den letzten Winkel ihres verwundeten, angegriffenen Nervensystems. Laura schlief nicht. Überhaupt nicht. Zwei Wochen lang. Nach außen hin versuchte sie, den Schein der überglücklichen Mama aufrecht zu erhalten, während sie innerlich zerbröckelte. Es fiel ihr schwer, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Sie verlor das Gefühl für sich selbst. Für ihren Partner. Für das Leben.

Ob es letztendlich der Schlafmangel war, die traumatische Geburt oder ein anderer Grund – selbst Ärzt*innen wissen nicht mit Sicherheit, unter welchen Bedingungen postnatale Depressionen entstehen. Es handelt sich dabei um eine Form der Depression, die jede Frau treffen kann – ganz gleich, ob sie vorher bereits mentale Probleme hatte oder nicht. In vielen Fällen geht die postnatale Depression nach einer Zeit von alleine wieder und den Frauen geht es danach gut. In seltenen Fällen – wie bei Laura Dockrill – verschwindet sie nicht von alleine. Und wächst sich sogar zu einer postnatalen Psychose aus.

Es ist wahnsinnig ergreifend und hat mich sehr mitgenommen, von Lauras Erfahrungen zu lesen. Den Prozess mitzuverfolgen, in dem sie komplett den Verstand verlor, Stimmen hörte, am Ende sogar ihre eigene Familie und ihren Freund verdächtigte, eine Verschwörung gegen sie zu planen, um ihr das Baby wegzunehmen. Jeder Versuch seitens ihrer Lieben, ihr mit dem Baby zu helfen, wurde von ihr als Affront gegen sie gedeutet – und schlussendlich fühlte sich Laura so selbstentfremdet, so vom Dunkel der Depression umfangen, dass sie nicht mehr leben wollte. Sie plante ihren Selbstmord. Zum Glück durchschaute ihre beste Freundin ihre Maskerade und alarmierte Lauras Familie, die sie in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ, wo Laura einige Zeit verbrachte, auf Medikamente eingestellt und langsam zurück ins Licht des Lebens begleitet wurde.

Leider hat mein Hund Gadsby mal wieder den Schutzumschlag zwischen die Zähne gekriegt.

Ich möchte What have I done nur mit einer ausdrücklichen Triggerwarnung empfehlen. Für werdende Mütter und Neu-Mamas ist es sicher nicht die richtige Lektüre, denn es kann Ängste schüren. Ich würde das Buch aber definitiv allen empfehlen, die etwas über das Mutterwerden lernen möchten. Abgesehen von der psychischen Erkrankung, um die es hier geht, geht es auch darum, was für eine krasse Sache es auch für psychisch gesunde Menschen ist, ein Kind zu bekommen. Und wie offen, verwundbar und verunsichert Mütter nach der Geburt sein können. Dockrill gibt sehr gute Tipps für den Umgang mit Menschen, die gerade entbunden haben. Mir hat es sehr geholfen, zu wissen, womit ich meine Hilfe und Unterstützung ausdrücken kann. Dockrills Buch ist natürlich auch ein Tool, um das Bewusstsein für postnatale Depressionen zu stärken und vielleicht Anzeichen bei Freundinnen oder Verwandten sehen zu lernen – auch wenn diese so gut es geht versuchen, diese zu verstecken. Auf Müttern lastet ein riesiger Druck. Die Gesellschaft – aber auch die sozialen Medien, here it comes, die Schattenseite des 21. Jahrhunderts – leistet gute Arbeit damit, zu suggerieren, dass es bei Elternschaft unfassbar viel falsch zu machen gibt. Viele denken, sie müssten es sofort nach der Entbindung raushaben, dieses Elternding. Und ihre Kinder von Minute eins an feiern, als gäbe es kein Morgen. Kaum jemand spricht ehrlich darüber, wie hart und zehrend die ersten Lebensjahre eines Kindes für die Eltern sein können, und dass man in die Elternschaft genauso hineinwachsen muss wie in alle anderen neuen Rollen im Leben (die als Berufsanfänger*in, die als Autofahrer*in, als Ehrenamtliche*r im Hospiz – wie könnte man irgendwas sofort perfekt beherrschen? Nichts regt mich mehr auf als diese „Look at me – I’m a Naturtalent!“ -Haltung vieler Menschen in diesem Internet.) Wenn die Glücksgefühle dann nicht einsetzen und der Kopf voller Zweifel ist – Was habe ich nur getan? Warum habe ich dieses Kind bekommen? Wo ist mein LEBEN hin? – dann schämen sich die meisten. Dafür, nicht so toll und perfekt und n o r m a l zu sein wie alle anderen. Kommen dann noch Depressionen hinzu, die per se so funktionieren, dass man sich schlecht und unzulänglich und als absolute*r Versager*in des Jahrtausends fühlt – erfolgt der Rückzug ins Schweigen und Aushalten fast unweigerlich. Dabei ist Hilfe oft so nah, und sich jemandem zu öffnen das Befreiendste, das man als an Depressionen Erkrankte*r tun kann.

Heute, am 10. Oktober 2020, ist Mental Health Day – der Welttag für psychische Gesundheit. Ich wünsche mir, dass sich in Zukunft noch viel mehr Menschen trauen, ihre Geschichten zu teilen. Und dass noch mehr Menschen ihnen zuhören.

Laura Dockrill. What have I done? An honest memoir about surviving postnatal mental illness erschien 2020 bei Square Peg.

Biografie Leben Memoir

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