Von Greifvögeln und wie man sie zähmen lernt. Kea von Garnier. Die Vögel singen auch bei Regen

Wer nicht mit einer psychischen Erkrankung lebt, weiß nicht, wie es ist, wenn sie ein permanenter Begleiter ist. Die meisten Menschen, die noch nie mit Angstattacken in Berührung kamen, wissen nicht, dass sie permanent über einem kreisen wie ein Greifvogel, jederzeit bereit, zuzuschlagen. Sie wissen nicht, dass sie einen ganz plötzlich überraschen, obwohl man dachte, es würde ein guter Tag werden. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn sich von jetzt auf gleich der Magen verknotet, das Herz rast, der Schweiß aus allen Poren am Körper fließt, der Kopf in den Survival-Modus springt und man nichts anderes mehr will, als der Situation zu entfliehen. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn alles, wirklich ALLEs potenziell Angst machen kann: sogar der Gang zum Supermarkt. Ein ganz normaler Mittwoch kann sich anfühlen, als lauerte hinter jeder Minute eine Bedrohung. Angst- und Panikstörungen sind nicht rational, sind niemals rational. Und deshalb sind sie auch so schwer zu erklären. Außenstehende schütteln gern den Kopf über sie. Betroffene stecken ihn (un)gern in den Sand. Denn der Kampf gegen die Angst und Panik scheint sehr oft sehr aussichtslos. Und die bittere Wahrheit für viele Betroffene ist, dass sie ihre Angststörung wohl nicht mehr ganz loswerden. Man kann Therapien machen und Strategien erlernen, man kann lange Zeit symptomfrei leben, aber eine Garantie dafür, dass man nie wieder unter Angst und Panik leidet, gibt es nicht. Da Angst- und Paniksymptome häufig in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen wie einer Depression auftreten, schlagen sich Betroffene nicht „nur“ mit einer Sache herum, die ihr Leben signifikant einschränkt, sondern oft eben gleich mit mehreren. Darüber zu sprechen ist extrem schwer. Wer will schon zugeben, dass er ständig unter Ängsten leidet? In Vermeidungsverhalten fällt, weil es nicht mehr zu ertragen ist, jedes Mal körperlich und psychisch eine Höllenfahrt zu durchleben, wenn bestimmte Situationen anstehen? Wer will schon gern immer wieder hören „Jetzt stell‘ dich doch nicht so an!“ oder „Hast du das immer noch??? Du hast doch schon drölfzig Therapien gemacht!“?

Umso wertvoller finde ich Bücher wie jenes von Kea von Garnier. Für eine betroffene Person kann es schon extrem hilfreich sein, einfach nur zu wissen, dass man nicht allein ist mit diesen Symptomen, mit der Zeit zwischen den ersten Symptomen und der ersten Diagnose, die oft quälend lang sein kann, denn der Gang zum Arzt ist eine riesige Hürde – die, wenn man sie genommen hat, zunächst einmal nur zu einer schier endlosen Reihe anderer Hürden zu führen scheint. In diesen Zeiten hilft das Bewusstsein darüber, dass da draußen auch andere sind, die ähnliche Krankheitsbilder haben. Und die es trotz allem schaffen, ihr Leben mit der Erkrankung zu gestalten und die mit voller Inbrunst sagen können: Das Leben ist schön. Ich lebe es mit meiner Erkrankung, nicht trotzdem. Wie schon in anderen Beiträgen hier angerissen, beobachte ich in den letzten Jahren eine zunehmende öffentliche Auseinandersetzung mit Themen rund um die mentale Gesundheit. Es sind vor allem junge Menschen, die in den sozialen Medien über sich und ihre Erfahrungen sprechen. Die über ihre Zeiten in psychischer Behandlung berichten, darüber, wie schwer es ist, einen Therapieplatz zu bekommen, wie müßig es sein kann, sich dann, wenn man endlich einen Platz zugewiesen bekommen hat, mit der Krankheit auseinanderzusetzen, wie tief die Ursachenforschung einen manchmal in die eigene Vergangenheit hinein befördern kann, ob und wie eine medikamentöse Behandlung sinnvoll ist – und immer wieder auch von schönen Momenten des Lebens erzählen, von „normalen“ Dingen. Den psychischen Erkrankungen wird mehr und mehr das Stigma genommen. Wurde uns früher noch eingetrichtert, dass wir niemals öffentlich darüber reden dürfen, dass wir unter Depressionen leiden – potenzielle Arbeitgeber*innen könnten das schließlich beim Googeln unseres Namens herausfinden und dann bekommen wir NIE einen Job!!! – wird heute endlich darüber gesprochen, dass es nicht zuletzt, neben geneteischer Veranlagung und persönlichen Traumata, vor allem die heutige Arbeitswelt ist, die uns erst krank macht. Wir sprechen über unser Burn Out nach Jahren in ausbeuterischen Jobs. Über unsere Depressionen, an denen wir schon seit unserer Kindheit leiden. Über unsere Angststörung, wegen der wir schon so viel von dem verpasst haben, was unser Leben uns zu bieten hätte. Und wir finden Gleichgesinnte. So wie Kea von Garnier, deren Buch Die Vögel singen auch bei Regen ich allen ans Herz legen möchte, die: 

  • Noch dabei sind, in ein Leben mit ihrer psychischen Erkrankung hineinzufinden
  • Es geschafft haben, die psychische Erkrankung zu akzeptieren und mit ihr zu leben
  • Angehörige und Freunde von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind, die nicht verstehen, wieso es so schwer ist, sich einfach mal zusammen zu reißen
  • Allen anderen 

Ich folge Kea von Garnier schon lange auf Instagram (ihres ist ehrlich gesagt eins der wenigen Profile dort, das ich mit guten Gefühlen verbinde – meiner Meinung nach ist Instagram die toxischte aller Plattformen, weshalb ich mich ihr immer öfter komplett entziehe), wo sie von ihrem Alltag als Studentin des kreativen Schreibens in Hildesheim und als selbstständige Grafikdesignerin berichtet, die an Angst- und Paniksymptomen, dem Boderline-Syndrom, Hypochondrie und einem Reizmagen leidet. Und jetzt hat Kea ein Buch geschrieben. Ich habe es in Windeseile gelesen, denn in ihren Worten finde ich mich SO GENAU wieder. Kea schreibt nicht einfach nur von ihrer langen Reise auf dem Weg zu der Person, die sie heute ist, sie schreibt es tatsächlich wahnsinnig schön, findet Worte und Bilder für ihre Erkrankungen, die sie weniger bedrohlich machen, weniger klinisch, und gleichzeitig menschlicher. Nachvollziehbarer. Kea berichtet davon, wie lange es gedauert hat, bis ihr endlich das Borderline-Syndrom diagnostiziert wurde – und sie endlich einen Namen hatte für das, was sie seit ihrer Kindheit gefühlt immer so anders und ihr das Leben so schwer gemacht hat – weil niemand wusste, was es ist. Das Borderline-Syndrom zählt zu jenen psychischen Erkrankungen, die ich nach wie vor als sehr stigma-behaftet empfinde. Ich glaube, dass Boderliner*innen sehr schnell in die Ecke „Psychopatinnen“ abgestellt werden – was ihnen gegenüber natürlich sehr unfair und voreingenommen ist. Wenn sich eine psychische Erkrankung sehr heftig äußert, dann ist das NICHT die Schuld der/des Betroffenen! Dann bedeutet es einfach nur, dass der/demjenigen bis jetzt noch nicht richtig geholfen wurde. Wer einmal versucht hat, in Deutschland einen Therapieplatz zu bekommen, weiß vielleicht, wie lang die Wartezeit sein kann. Man weiß, dass etwas mit einem nicht stimmt, aber man kann sich auch nicht selbst helfen. Wie auch? Und das Umfeld verurteilt.

Kea gibt einen Einblick in ihre Krankheitsbilder und darüber hinaus auch sehr gute Hinweise und Tipps zu Techniken und Programmen, die ihr selbst geholfen haben. Ihr Buch ist kein reiner Erfahrungsbericht, sondern auch ein Ansatz zur Selbsthilfe – ein sehr guter, wie ich finde. Dabei zeichnet Kea ein überaus realistisches Bild psychischer Erkrankungen und zeigt auf, dass es nicht primär um Heilung geht – weil es die in den meisten Fällen nicht zu 100 Prozent geben wird – sondern darum, mit der Erkrankung und den Symptomen leben zu lernen. Die gute Nachricht ist: das geht! Kea schreibt von Rückschlägen, von Verzweiflung und Wut, von Frust und dem Gefühl, am Rande des Abgrunds zu stehen – aber auch davon, dass es möglich ist, aus den tiefen Tälern herauszuklettern. Stabil zu bleiben. In Situationen, in denen sich alte Muster ankündigen, auf ein Set aus Skills zurückgreifen und gut hindurchzukommen. All das ist möglich. Und ein Leben mit Job, einem sozialen Leben und wahrer Freude auch. Aber dafür braucht es eben auch das Verständnis anderer, derer, die das Umfeld einer/s Betroffenen bilden. Wahrscheinlich ist Kea selbst gar nicht bewusst, wie sehr sie anderen schon allein mit ihrem Instagramprofil hilft. Ihre selbstreflektierte Art, ihre positive Lebenseinstellung und die Haltung, die sie zu sich selbst eingenommen hat – liebevoll, verständnisvoll mit ihrem Körper und ihrer Psyche umzugehen, auch wenn diese mal nicht so „funktionieren“, wie andere und man selbst es gern hätten – sind sicher nicht nur mir eine große Inspiration. 

Über nicht wenigen Köpfen kreisen die unsichtbaren Greifvögel und warten nur darauf, ihrer Beute den Kopf zu zerhacken – mit Ängsten, Depressionen und anderen psychischen Stör-Symptomen. Es gibt leider kein Allheilmittel, das einen sofort „gesund“ macht. Aber es gibt die Tage, Wochen und Monate, an denen sind die Greifvögel nicht mehr als ein Schwarm Möwen, die ein bisschen im Hintergrund rumnerven, aber ansonsten ziemlich harmlos sind.  Und dann gibt es Zeiten, da sind sie plötzlich kleine Meisen, die zauberhaft singen. Für diese Zeiten lohnt es sich, gegen die kreisenden Greifvögel anzukämpfen. Und Menschen wie Kea stehen dafür ein, dass man das nicht mehr im stillen Kämmerlein tun muss, sondern offen damit umgehen kann. Für eine Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig stärken und unterstützen, in der wir Schwächen zeigen dürfen, ohne fürchten zu müssen, dass wir unser Gesicht verlieren. 

Kea von Garnier. Die Vögel singen auch bei Regen erschien 2020 bei Eden Books. 

Biografie Leben Memoir Sachbuch

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