Blut ist dicker als Wasser. Meg Wolitzer. Das ist dein Leben

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, wie gerne ich Meg Wolitzer lese. Ich mag ihren schnörkellosen, aber humorvollen Erzählstil und die Figuren, die sie mit Empathie, jedoch ohne Mitleid betrachtet. Wolitzer schreibt gern von Frauen, die sich in männerdominierten Bereichen behaupten müssen. So auch in Das ist dein Leben.

Wir schreiben die 70er Jahre. Dottie Engels ist die Comedy-Ikone Amerikas. Ihren Erfolg verdankt sie vor allem ihrem Übergewicht, über das sie Abend für Abend schamlose Witze reißt. Das Publikum kringelt sich vor Lachen. Zuhause, vor dem Fernsehapparat, kringeln sich auch Dotties Töchter Erica und Opal, obwohl sie gar nicht richtig wissen, wovon ihre Mutter da spricht. Sie sind stolz auf ihre berühmte Mama, die sie zwar nur selten zu Gesicht kriegen und ihren zahlreichen Babysittern näherstehen als ihr. Erst als die beiden älter werden, wandelt sich das Verhältnis der Schwestern zur Arbeit ihrer Mutter. Erica reagiert ablehnend, findet es ekelhaft, wie sich ihre Mutter öffentlich präsentiert. Opal verliert sich in den Erwartungen, in die Fußstapfen ihrer erfolgreichen Mutter treten zu müssen. Die Schwestern, die sich als Kinder sehr nah standen, verlieren nicht nur die Verbindung zu ihrer Mutter, sondern auch zueinander.

Obwohl es vordergründig die Geschichte einer Frau ist, die sich in den 70er Jahren in einer Domäne behauptete, die wie alle öffentlichen und kulturellen Bereiche hauptsächlich von Männern geführt wurden, lese ich Das ist dein Leben vor allem als Text, in dem Mutter-Tochter-Beziehungen im Fokus stehen. Und damit auch all die schönen und schmerzlichen und komplizierten Aspekte dieses Verhältnisses. Wolitzer konstruiert ihre Figuren mit psychologischer Feinheit und schafft es, dass wir uns nicht auf eine Seite schlagen, sondern alle Figuren irgendwie verstehen können.

Ericas eigene Unfähigkeit, ihren übergewichtigen Körper zu akzeptieren. Den Selbsthass, den sie empfindet, und das Unverständnis, das sie ihrer Mutter dafür entgegenbringt, ihren Körper nicht nur okay zu finden, sondern damit auch noch Kapitel zu schlagen. Die Kluft, die zwischen Mutter und Tochter in den Jahren von Dotties Abwesenheit entstanden ist, ist nur schwerlich zu kitten. Erica bricht den Kontakt zu Mutter und Schwester ab, lebt mit ihrem drogendealenden Freund in einer völlig heruntergekommen Bude und schlägt sich durch, indem sie als Probandin an Studien zu Übergewicht teilnimmt. Ihr Leben gleicht mehr einem Vegetieren. Opal hingegen hadert auf ganz andere Art und Weise mit ihrer Mutter. Nachdem ihr klar wurde, dass ihre Glanzzeiten als Comedy-Star vorbei sind, weil sich der Geschmack des Publikums mit dem Zeitgeist geändert hat und nun niemand mehr auch nur müde die Mundwinkel zucken lässt, wenn Dottie sich über ihren fetten Körper lustig macht, verdient diese ihren Lebensunterhalt damit, im Fernsehen in Werbespots für Mode für übergewichtige Frauen aufzutreten. Während Dottie mit sich darüber im Reinen ist, weil sie immerhin die Kontrolle über ihr Leben trotz des Karriere-Endes nicht verloren hat, schämt sich Opal fürchterlich für ihre Mutter und kann nicht anerkennen, dass diese den Kopf nicht in den Sand steckt und ihre eigene Herrin bleibt. Gleichzeitig glorifiziert Opal ihre Mutter, kann sich nicht von ihr lösen und klammert an ihr, die jetzt endlich für sie verfügbar ist, fast so, als würde sie die Versäumnisse ihrer Kindheit aufholen wollen.

Als Dottie unerwartet sehr krank wird, ändert sich schlagartig vieles. Die Schwestern müssen ihr eigenes Leben endlich in die Hand nehmen. Sie müssen einsehen, dass sie sich ihrer Verantwortung der Familie gegenüber nicht einfach entziehen können, nur weil es schwierig ist, zueinander zu finden.

Wolitzer schrieb diesen Roman bereits in den Achtzigerjahren, was ich aber beim Lesen noch nicht wusste. Rückblickend kann ich schon sagen, dass man doch irgendwie merkt, dass sich Wolitzers Schreibstil im Laufe der Jahre entwickelt hat, aber das ist ja nur wünschenswert. Störend empfand ich es keinesfalls und die Themen, die sie behandelt, sind aktuell wie eh und je: (Alleinerziehende) Frauen, die Karriere machen wollen und dafür – damals wie heute – eine Entscheidung zwischen Familie und Job treffen müssen, oftmals auf Kosten des Verhältnisses zu ihren Kindern, Mutter-Tochter-Bindungen, Geschwisterbande, zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen, Körperbilder und der Umgang mit Selbstzweifeln. Und natürlich geht es letztendlich darum, dass wir unserer eigenen Familie, unserer eigenen Geschichte, nicht entkommen können, ganz gleich, wie sehr wir es manchmal vielleicht auch versuchen mögen. 

Meg Wolitzer. Das ist dein Leben erschien in der deutschen Übersetzung von Michaela Grabinger 2020 bei DuMont. Ich danke dem Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Der Originaltitel erschien erstmals 1988 unter dem Titel This is my life bei Crown, später unter dem Titel This is your life bei Penguin Books und Riverhead Books.  

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