Eine Jugend. Manja Präkels. Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Was mit unserem Land, der DDR, geschah, war aus der Froschperspektive schwer zu überblicken. Niemand sprach mehr von ihr. Waren wir noch da? Es hatte freie Wahlen gegeben. Mein neuer Reisepass wies mich als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik aus. Aber alle redeten nur von Deutschland und meinten die BRD. Karl-Marx-Stadt hieß jetzt Chemnitz. Die Südafrikaner hatten gerade die Apartheid abgeschafft, aber, wie Zottel bei jedem unserer Treffen zu bemerken pflegte: „ Bei uns jibt’s jetzt endlich wieder Nazis. Prost!“

Mimi ist 14, als die Mauer fällt. Alt genug, um die Veränderungen um sie herum bewusst wahrzunehmen. Zu jung, um gänzlich zu verstehen, was vor sich geht. Wie stark die Welt, die sie kannte, umgewälzt wird. Mimis Mutter, in der DDR Oberschullehrerin, wird von Tag zu Tag stiller und frustrierter. Nach der Wende werden ihre Qualifikationen nicht anerkannt, sie muss ein komplett neues Studium absolvieren und nebenbei an einer Grundschule arbeiten. Mimis Vater, der schon vor der Wende aufgrund einer Erkrankung körperlich eingeschränkt war, verfällt mehr und mehr dem Alkohol und baut rapide ab. Mimis Omi versteht die Welt nicht mehr. Und Mimis einst bester Freund Oliver nennt sich jetzt Hitler und schart andere um sich, die in dem kleinen brandenburgischen Dorf Angst und Schrecken verbreiten.

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß erzählt von einer Jugend, die in zwei Welten stattfindet. In der DDR, die mit ihrer forcierten Heimeligkeit den zu beschreitenden Pfad ganz genau vorgibt, wo Mimi mit schulischen und sportlichen Leistungen glänzen, auf Pionierfahrten ihren Horizont im sozialistischen Sinne erweitern und sich gemeinsam mit den Eltern über den ersten Trabanten freuen kann. Und in der BRD, in der plötzlich nichts aus der alten Lebensrealität mehr Bestand zu haben scheint, wo Neues aus allen Richtungen auf sie einprasselt und die tausend neuen Möglichkeiten zur kompletten Handlungsunfähigkeit einer ganzen Generation führen. 

Ein neuer Hauch von Freiheit weht, aber mit ihm spaltet sich auch die Gesellschaft, die Mimi bislang nur als eine idyllische, gemeinschaftliche kannte. Rechte Gesinnungen sprießen aus dem Boden wie Giftpilze und Mimi, die sich mit sogenannten „Zecken“ anfreundet, gerät selbst ins Visier der gewalttätigen Jugendlichen, die in ihrem Dorf patrouillieren. Und irgendwann eskaliert die Situation.

Radikalisierung und rechtes Gedankengut sind leider immer noch präsente Themen und in den letzten Jahren durch Aufstieg (und Fall) der AFD im Fokus der Medien. Dabei stellt sich sicherlich nicht nur mir immer wieder die Frage, wie das sein kann, dass wir in Deutschland wirklich noch Probleme mit Nazis haben. Die Frage nach dem Warum stellt Präkels in ihrem Roman allerdings gar nicht. Es wäre vielleicht auch zu einfach, es auf Unwissenheit, fehlende Bildung und Frustration zu schieben. Präkels zeigt lediglich, dass es passiert. Und ein bisschen wirkt es wie Willkür. Die eine Hälfte der Dorfjugend wird Nazis. Die andere Hälfte Punks. Ehemalige Freund*innen und Schulkamerad*innen sind jetzt Feinde, aber nicht in einem unschuldigen, kindlichen Sinne. Es werden Häuser angezündet. Personen krankenhausreif geprügelt. Eine echte Motivation scheint es für den ausgebrochenen Krieg nicht zu geben. Einzig der Hass (auf das Leben? Auf die BRD? Auf sich selbst?) braucht eine Projektionsfläche. Präkels zeigt die Konsequenzen der Radikalisierung, die rohe Gewalt, mit der Jugendliche plötzlich ein ganzes Dorf beherrschen.

Mimi hat jahrelang Angst davor, in einem unachtsamen Moment zusammengeschlagen oder sogar getötet zu werden. Ihr Zuhause wird zu einem Ort der Furcht. Sie verbringt viel Zeit in Kellern und Abrissbuden, immer versteckt vor den „Gorillas“, die ihr und ihren Freunden überall jederzeit auflauern können. Einige Zeit lang flüchtet sie sich nach Berlin, kehrt jedoch wieder zurück. Ihre Zukunft, so scheint es, liegt hinter einer Tür, die sie nicht öffnen kann. Irgendetwas hält sie zurück.

Sind es die Verluste aus der Vergangenheit, die nie verarbeitet wurden? Das Auseinanderdriften der Familie nach der Wende? Die Krankheit des Vaters, die alles überschattet, sein langsamer Zerfall, die niederdrückende Gewissheit, dass nichts wieder gut wird? Oliver, der einst so nette Junge von nebenan, der jetzt mit strengem Seitenscheitel und scharfen Hunden Jagd auf Leute wie sie macht?

Präkels Roman ist nicht gerade ein leichtfüßiger Tanz durch eine Jugend, es gibt keine Liebesgeschichte, die alles aufwiegt, was der Heldin widerfährt, kein Happy End. Am Ende sind nicht alle Nazis tot. Im Gegenteil: wie wir wissen, war das erst der Anfang. Und dennoch ist es ein starkes, berührendes Buch. Nicht nur sprachlich beeindruckend, lakonisch erzählt, mit Sätzen so witzig, dass sie mich dann und wann schier aus dem Sessel gehoben haben. Vielleicht gefällt es mir so gut, weil es die Wirklichkeit zeigt. Weil ich mit den letzen Seiten nicht einverstanden war, aber bei intensivem Nachdenken zu dem Schluss komme, dass dieses unmöglichste aller Enden nun mal das ist, das die Realität so schreiben würde.

Präkels’ Roman wurde 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Das finde ich spannend, denn eigentlich ist das Buch kein Jugendroman im klassischen Sinne. Es gibt die Jugendbücher, die für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben werden – Jugendliche eben – und die in den meisten Fällen bestimmten Kriterien entsprechen. Und dann gibt es Romane, die nicht eindeutig Jugendbuch oder Belletristik zuzuordnen sind. Bekannte Vertreter sind Tschick von Wolfgang Herndorff und Auerhaus von Bov Bjerg – diese Romane haben jugendliche Protagonist*innen, richten sich mit ihrer Erzählweise und den behandelten Themen aber nicht ausschließlich an Jugendliche. Dass der Roman den Jugendliteraturpreis erhielt, freut mich insofern sehr, als dass er es dadurch hoffentlich in die Hände vieler Jugendlicher schafft, die ihn sonst nicht auf dem Schirm gehabt hätten, weil er in der Buchhandlung nicht bei den Jugendbüchern steht (denn er ist nicht in einem Jugendbuchverlag erschienen). Falls hier Lehrer*innen mitlesen: wie wärs, wenn ihr unsägliche Schullektüre wie Romeo und Julia oder Kabale und Liebe aus dem Lehrplan entfernt und stattdessen dieses hier mit euren Schützlingen besprecht? 

Manja Präkels. Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß erschien erstmals 2017 im Verbrecher Verlag. Die hier abgebildete Taschenbuchausgabe erschien 2019 im btb Verlag. 

Allgemein

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