Vom Verschwinden. Maja Lunde. Die Letzten ihrer Art

Alles endet. Und beginnt. Wir fangen bei null an, wieder und wieder. Wir sind Affen, bauen Werkzeuge, wohnen in Höhlen, lernen Feuer zu machen, erfinden das Rad neu, die Autos, die Computer und schließlich die Raumschiffe, die unser eigenes Sonnensystem niemals verlassen werden, bevor wir uns noch einmal den Garaus gemacht haben. Vielleicht ist dies das eigentliche Naturgesetz, dass unsere Art jedes Mal, wenn sie auftaucht, ob hier oder auf anderen Planeten, dazu verdammt ist, vor die Hunde zu gehen. Dass eine Art ganz einfach nicht zu klug werden kann. Ich weiß nicht, ob der Gedanke erschreckend oder cool ist.

In Maja Lundes drittem Roman ihres „Klima-Quartetts“ geht es um Pferde. Wildpferde, um genau zu sein. Mh, dachte ich zunächst, dieses Thema fällt hinter denen der ersten beiden Bände, in denen es um Bienensterben und Wasserknappheit ging, deutlich ab. Ob Frau Lunde wohl die starken Aufhänger ausgegangen sind? Die anderen Bücher hatte ich letztes Jahr regelrecht inhaliert, so gut fand ich sie. Hier könnt ihr meinen Artikel zu Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers noch mal lesen. 

Doch schon nach wenigen Kapiteln wurde deutlich, dass Die Letzten ihrer Art sogar noch stärker ist als die ersten Bände. Ich lernte viel über die Przkewalski-Pferde, auch Takhis genannt, und gleichzeitig darüber, wie verheerend der Rückgang einer Art ist und wie langwierig, mühsam und von Misserfolgen gesäumt der Versuch, sie zu erhalten. Und ich stellte fest, dass es in Lundes Buch um so viel mehr geht als um ein paar Pferdchen. Es geht um uns alle. Um unser Aussterben. 

Lunde bleibt dem formalen Prinzip der ersten zwei Bücher treu und lässt die Geschichte auf drei verschiedenen Zeitebenen und Orten spielen. St. Petersburg im Jahr 1881. Die Mongolei, 1992. Norwegen, 2064. Alle drei Ebenen sind miteinander verbunden. Die Geschichte der Wildpferde ist eine, die über Jahrhunderte hinweg erzählt werden muss, um sie gänzlich verstehen zu können. 

Wir lesen den Reisebericht des Zoologen Michail Alexandrowitsch, der zusammen mit einem deutschen Abenteurer eine Expedition in die mongolische Steppe plant, um Exemplare des für ausgestorben gehaltenen Przkewalski-Wildpferdes zu fangen. Hundert Jahre später reisen wir zusammen mit der Tierärztin Karin wieder in die Mongolei, um eine Herde dieser Pferde auszuwildern, nachdem Karin sie jahrelang gezüchtet und auf die Rückführung in die Freiheit vorbereitet hatte. Und schließlich lernen wir auch Eva kennen, die als eine der letzten noch nicht ihre Heimat verlassen hat und nach Norden zieht, weil die Klimakatastrophe das Leben, das wir kannten, unmöglich gemacht hat. Eva kann jedoch ihren Hof nicht verlassen, weil sie Verantwortung für zwei Wildpferde trägt – es sind die Letzten ihrer Art. 

Schnell wird deutlich, dass „Die Letzten ihrer Art“ durchaus mehrdeutig zu lesen ist. Es meint nicht nur die Wildpferde. Sie stehen exemplarisch für eine Vielzahl von Arten, die aufgrund der Nahrungs- und Wasserknappheit und des sich drastisch verändernden Klimas vor dem Aussterben stehen oder bereits ausgestorben sind. Lunde zeigt in diesem Buch am Beispiel der Wildpferde, wie weit in die Vergangenheit der Prozess des Aussterbens bereits reicht – weit hinein in die Zeit, bevor bei uns die Alarmglocken ob des Klimas zu schrillen begannen. Zermürbend ist der Gedanke, dass wir mitten in etwas stecken, das sich nicht mehr umkehren lässt. Indem Lunde einen ihrer Erzählstränge in einer von unserer Gegenwart nicht sehr weit entfernten Zukunft ansetzt – knapp 40 Jahre – führt sie uns vor Augen, was uns vielleicht bevorsteht: das Zurückgeworfen-werden auf die Natur. Und dass diese uns dann nicht mehr helfen kann, weil sie die Fähigkeit zur Selbstregulation verloren hat. Eva, ihre Tochter Isa und Louise, die Fremde, die auf dem Hof Unterschlupf suchte (und übrigens eine alte Bekannte aus Die Geschichte des Wassers ist – Lunde spannt mit diesem dritten Buch den Bogen auch intertextuell), sind mit einer Situation konfrontiert, die man sich aus unserem heutigen Komfort heraus kaum vorstellen kann. Eines Tages fällt der Strom aus. Endgültig. Und damit bricht das gesamte Versorgungssystem zusammen. Milch, Eier, das Fleisch ihrer eigenen Tiere sowie die seltenen Güter wie Mehl und Fisch, die sie mit den wenigen anderen Menschen im Umkreis ertauschen, können nicht mehr gelagert werden. Es gibt keine Vorräte mehr für den Winter oder Zeiten, in denen die Tiere nichts geben oder der Hunger besonders an ihnen nagt. Es gibt keine Medikamente, jede Erkältung kann sich zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung auswachsen. Das Haus kann nicht mehr beheizt werden. Das Elektroauto, mit dem die Frauen immerhin mobil waren in diesem menschenleeren Gebiet und das ihnen den Zugang zu anderen Orten ermöglichte, an denen sie noch Leute für Tauschgeschäfte ausfindig machen konnten, ist nun nutzlos. Das Auto war ihre letzte Verbindung zur Welt. Das Internet? Das gibt es schon lange nicht mehr. Es war eines der ersten Dinge, die verschwanden, als das Aussterben begann. Bezeichnend finde ich das. 

Die letzten ihrer Art, das sind in Lundes Roman auch die Figuren, von denen sie erzählt. Was am Ende wichtig ist, wenn die Welt auf die Katastrophe zusteuert, über die wir noch debattieren, als gäbe es tatsächlich die Möglichkeit, dass sie nur Fake News ist: Gemeinschaft. Jede der Figuren kämpft auf ihre Weise mit Einsamkeit und findet erst in einen Modus der Stärke, als diese aufgehoben wird. Wir Menschen sind keine Einzelgänger. Genau wie die Pferde brauchen wir eine Herde, die uns Geborgenheit und Sicherheit gibt. Wir brauchen den Austausch mit anderen, Kommunikation. In der Pandemie dieses Jahr merken viele von uns, wie schrecklich soziale Isolation ist. Wie die Lebensgeister schwinden, wenn man immer nur auf sich selbst zurückgeworfen wird. Es sind vor allem zwischenmenschliche Geschichten, die uns Maja Lunde hier erzählt. Aufgefallen ist mir dabei, dass alle Familienmodelle in diesem Roman vom klassischen Vater-Mutter-Kind-Prinzip abweichen. Es sind nicht nur genetische, sondern vor allem emotionale Gemeinschaften, die sich in ihren Geschichten bilden. Freundschaften. Oder Mutter-Tochter und Mutter-Sohn-Beziehungen. Väter sind generell sehr abwesend in diesen Konstellationen – wie bei den Wildpferden, die die Väter auch nur zur Zeugung brauchen. Später schlagen sich die Stuten mit ihren Kindern alleine durch. Verschiebt sich mit den Veränderungen in der Natur auch das Verständnis von Familie, von der Herde? Oder sind diese Entwicklungen unabhängig voneinander zu betrachten? 

Lundes Roman hallt schon seit ein paar Tagen in mir nach. Ich spüre Karins Verzweiflung darüber, dass ihre Wildpferde nicht zurück in die Wildnis zu finden scheinen. Ich spüre Evas Angst davor, ins Ungewisse aufzubrechen, die innere Zerrissenheit, als sie vor der Entscheidung steht, die Wildpferde zurückzulassen oder ihre Tochter alleine ziehen zu lassen. Ich habe mit Michail Herzklopfen. Nicht nur wegen der Pferde, die sie gerade in der mongolischen Steppe gefunden haben, sondern auch wegen der Gefühle für seinen Mitstreiter, von denen auf keinen Fall jemand etwas wissen darf. 

Ich frage mich, ob dieser Ausnahmezustand des Jahres 2020 nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was mich während meiner Lebenszeit noch erwartet. Werde ich auch eines Tages den wenigen lebensspendenden Ressourcen hinterherreisen? Werde ich auch eines Tages wissen, was wirklicher Hunger, was wirkliche Kälte ist? Lundes Roman gibt einen Ausblick auf eine Zukunft, die sich niemand wünscht, aber auf die wir alle hinarbeiten. Und er wirft Fragen auf. Viele Fragen.

Maja Lunde: Die Letzten ihrer Art erschien in der deutschen Übersetzung von Ursel Allenstein 2020 beim btb Verlag. Die norwegische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel >>Przkewalksis hest<< bei H. Aschehoug & Co., Oslo. 

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