Nicht nur Opfer. Ruth Klüger. Weiter leben

Das Wort Auschwitz hat heute eine Ausstrahlung, wenn auch eine negative, so daß [sic!] es das Denken über eine Person weitgehend bestimmt, wenn man weiß, dass die dort gewesen ist. Auch von mir melden die Leute, die etwas Wichtiges über mich aussagen wollen, ich sei in Auschwitz gewesen. Aber so einfach ist das nicht, denn was immer ihr denken mögt, ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien.

Bei der Lektüre von Ruth Klügers weiter leben ist mir bewusst geworden, dass bald alle Überlebenden des Holocaust verstorben sein werden. Der Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden werden in naher Zukunft keine lebenden Zeitzeugen mehr haben. Was uns dann noch bleibt, sind die Dokumente, die sie hinterlassen haben. 

Ich habe mich schon seit meiner Kindheit für diese Zeit interessiert, dieses dunkelste aller Kapitel der Geschichte des Landes, in dem ich geboren wurde und 29 Jahre meines Lebens verbrachte, und näherte mich der Thematik für mich typisch über Bücher. Das erste Buch, an das ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, ist Der Koffer mit dem doppelten Boden von Eva-Maria Kohl, ein Kinderbuch aus der DDR, in dem es um ein Mädchen geht, deren Eltern aufgrund ihrer kommunistischen Widerstandsaktivitäten gegen die Nazis aus Deutschland flüchten müssen und ihre Tochter zu einem älteren Ehepaar in Österreich in Obhut geben. Ich habe es immer wieder gelesen, und konnte einfach nicht begreifen, wieso ein kleines Mädchen ihre Eltern nie wiedersehen darf – die politischen Dimensionen dahinter erschlossen sich mir damals natürlich noch nicht. Später war es das Tagebuch der Anne Frank, das mir einen ganz besonderen Zugang zur Thematik ermöglichte, war es doch ein junges Mädchen ungefähr in meinem Alter, das da von etwas berichtete, das so weit entfernt von meiner Lebensrealität war wie nur irgend möglich. In der Schule lernten wir, dass die Nazis Juden systematisch in Konzentrationslagern zusammenpferchten und viele, viel zu viele von ihnen dort in Gaskammern ermordeten. Ich besuchte mit meinen Eltern das KZ Buchenwald und war verwirrt, weil ich diesen Ort nicht mit den Bildern zusammenbringen konnte, die ich gesehen hatte. Im Laufe der Jahre habe ich viele Romane gelesen, die die Massenvernichtung der Juden durch die Nazis thematisieren (Der Junge mit dem gestreiften PyjamaDas Mädchen im roten MantelSchindlers ListeDie BücherdiebinMalka Mai, um ein paar zu nennen) und sicher ebenso viele Memoiren und Biografien Holocaustüberlebender. Ich dachte, dass ich ein umfassendes Bild davon habe, was damals geschehen ist, wie es den Menschen erging. Auf Ruth Klüger wurde ich – wie leider oft – erst aufmerksam, als sie dieses Jahr starb. Ich habe ihr Buch in der Erwartung gelesen, in diesen Annahmen bestätigt zu werden. Doch weiter leben hat mich extrem überrascht. Ich wurde mit meiner eigenen Naivität konfrontiert.

Ruth Klüger wurde 1931 geboren und wuchs in Wien auf. Schon als kleines Mädchen erfährt sie die graduelle öffentliche Ausgrenzung der Juden nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland. Ihre Familie war jüdisch, lebte jedoch nicht streng religiös. Ruth begann schon früh damit, ihre eigene Religion zu hinterfragen, vor allem, was die Rolle der Frauen in der jüdischen Tradition betrifft. Diese kritische Haltung zieht sich durch ihr gesamtes Leben und wird im Buch immer wieder deutlich. Ich fand ihre Gedanken und die Einblicke in jüdische Bräuche und Rituale vor dem Hintergrund der patriarchalen Strukturen darin sehr interessant. Trotz ihrer Vorbehalte und Zweifel gegen bestimmte Aspekte des Judentums wandte sich Klüger nie von der Religiosität ab. Sie schreibt, dass sie im Gegenteil ihre Zugehörigkeit zum Judentum als eine Art Widerstand gegen die Nazis begriff. Gleichzeitig legt sie die Absurditiät hinter der Selektion dar, die die Nazis allein auf den Aspekt der Religionszugehörigkeit begründeten (mal davon abgesehen, dass es in sich ein Irrsinn ist, wenn Menschen Menschen einfach auslöschen wollen). Klüger fand ihren Zugang zu Texten und Traditionen, über denen der Staub von Jahrhunderten lag: sie legte diese so aus, dass sie besser zu ihrem emanzipierten Weltbild passten. 

In letzter Zeit habe ich mich selbst der Bibel etwas angenähert und eine Art der Rezeption wieder aufgenommen, die ich schon damals im Literaturstudium die für mich einzig plausible fand: ich lese sie als Texte, mit denen Menschen versucht haben, sich die Welt zu erklären, als es noch keine Wissenschaft gab und Naturkatastrophen und moralische Fragen erläutern und erörtern konnte. Wie viele andere literarische Texte lassen sich auch die Geschichten in der Bibel unterschiedlich interpretieren – genauso verhält es sich mit dem Tanach im Judentum und dem Koran im Islam. Ich kann an dieser Stelle nicht tiefer in das Thema hineingehen, empfehle aber sehr den Podcast Unter Pfarrerstöchtern, falls ihr euch auch dafür interessiert, was eigentlich in der Bibel steht und auf welche Arten man es auslegen kann. 

Klügers Deportationsgeschichte führt von Theresienstadt über Auschwitz-Birkenau nach Christianstadt, ein Außenlager des KZ Groß-Rosen, aus dem sie 1945 kurz vor Kriegsende flüchten konnte. Auch ihre Mutter überlebte. Ihr Halbbruder und ihr Vater wurden beide ermordet – der eine in Prag, der andere in Frankreich. Es ist eine von vielen Geschichten, die man so oder so ähnlich schon oft gehört hat. Ohne Frage ist die Tragödie unvorstellbar, die Lager das unmenschlichste, das man sich vorstellen kann. Durch Klüger habe ich jetzt allerdings gelernt, solche Geschichten nicht nur als Hülsen zu sehen, die ich mit meinem Mitleid und meinen Annahmen aufladen und die Menschen, um die es geht, idealisieren kann. Bei Schicksalen wie ihrem ist es ganz besonders wichtig, hinzuhören und das Individuum als solches zu begreifen. Und vor allem zu verstehen, dass jede*r andere Erfahrungen gemacht hat. Dass es nicht die eine Holocaustgeschichte gibt. Und dass nicht jede*r Holocausüberlende*r mitleidig angeschaut werden möchte. 

Klüger geht ganz offen damit um, dass ihre Familie schon vor Beginn der Judenverfolgung dysfunktional war. Der Vater, ein Kinder- und Frauenarzt, musste sehr früh aus Wien flüchten. Die Beziehung zwischen Ruth und ihrer Mutter war angespannt und schwierig und sollte es auch immer bleiben. In Wien hatte Ruth keinen Kontakt zu anderen Kindern, wurde von der Mutter und den Verwandten, bei denen sie nach der Flucht des Vaters lebten, kontrolliert und verkümmerte emotional. In Theresienstadt kam das Mädchen in ein Kinderheim, wo es zusammen mit anderen Mädchen lebte und ihre Mutter nur tagsüber zu Besuch kam. Es war eng, kalt, Hunger und Durst herrschten durchgängig, Hygienemaßnahmen waren nicht vorhanden – und doch beschreibt Klüger dies als eine relativ glückliche Zeit. Sie war alt genug, um zu begreifen, dass sie eingesperrt worden war, dass andere die Kontrolle über ihr Leben übernommen hatten und dass es von jetzt an tendenziell nur bergab gehen würde. Dennoch genoss sie es, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, spielen zu können, Freundinnen zu haben und der toxischen Beziehung zu ihrer Mutter zumindest teilweise entkommen zu sein. Es ist diese Ambivalenz, die man im ersten Moment schlecht einordnen kann. Wie kann sie sagen, dass sie glücklich war, wo sie doch in einem Ghetto leben musste? Aber vielleicht ist es auch gar nicht an uns, dies verstehen zu müssen. Vielleicht ist es nur an uns, es zu akzeptieren, dass Ambivalenzen wie diese existieren. Der Mensch ist letztendlich doch darauf ausgerichtet, sich sein Überleben zu sichern, indem er sich anpasst. So schrecklich das im Nachhinein auch aussieht. 

Klügers Buch erzählt von den Jahren in den Konzentrationslagern, aber auch von den Jahren danach im gerade durch die Alliierten befreiten und besetzten Deutschland und danach in Amerika, wohin ihre Mutter auswandern wollte, um der Vergangenheit zu entfliehen, dem Stigma, das ihnen anhaftete. Dass das nicht funktionierte, wurde Ruth schnell klar. Und dass die Amerikaner*innen eine ganz eigene Sichtweise auf die Geschehnisse in Europa hatten, auch. Es sind vor allem ihre Erfahrungen nach den Kriegsjahren, die mich oft haben nachdenklich werden lassen. Die Ignoranz, mit der so viele Menschen über jene urteilen, die Schlimmes durchmachen mussten. Wie häufig Leute dazu neigen, das Leid der anderen zu relativieren – um sich selbst von Schuld reinzuwaschen oder um sich selbst nicht damit belasten zu müssen. Auf der Strecke bleiben immer die Traumatisierten, denen auf das ursprüngliche Trauma noch Bevormundung, Kleinmachung und oft leider auch eine Absprache des Stärkegrad des Erlebten obendrauf gepackt wird. Ich denke als aktuelles Beispiel an all die Geflüchteten, die gerade in Lagern (immer wieder Lager! Warum pferchen wir immer noch Menschen in Lagern zusammen?) darauf warten, irgendwo in Europa Asyl gewährt zu bekommen, und die, sollte sich ihrer jemand annehmen, dort wahrscheinlich mit Ausgrenzung und Anfeindung konfrontiert werden. Ihr nehmt uns unsere Frauen, Arbeitsplätze und Weihnachtsplätzchen weg. Und niemand fragt danach, wieviel sie schon durchgemacht haben. Wie das Leben vorher war, bevor der Krieg es weggebombt hat und eine gesichtslose Masse übrigließ, denen niemand mehr Individualität, Interessen und schöne Erinnerungen mehr zuschreibt. 

Ruth Klüger schrieb ihr Leben lang leidenschaftlich Gedichte. Ihr Erinnerungsvermögen war so gut, dass sie sich jeden Vers merken und auch Jahrzehnte später noch rezitieren konnte. Es wäre doch schön, wenn man sich auch diese Dinge von ihr merkt. 

Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend erschien erstmals 1994 im Deutscher Taschenbuch Verlag. 

Biografie Leben Memoir

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diese interessante Rezension! Ja, leider wird man auf zu viele Personen erst durch den Nachruf aufmerksam. Ich freue mich immer, wenn sich Besprechungen und Empfehlungen nicht nur um Neuerscheinungen drehen.
    Im Zeitmagazin gab es im Frühjahr übrigens ein sehr lesenswertes Interview mit Erika Freeman, die ebenfalls aus Wien stammt, in dem sie unter anderem von der Bewältigung ihrer Flucht und des Schicksals ihrer Familie berichtet.

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    • Liebe Mathilde,

      danke für deinen Kommentar! Es ist mir sehr wichtig, hier auf dem Blog ein relativ ausgewogenes Verhältnis von Neuerscheinungen und älteren Titeln zu haben. Ich beschäftige mich gern mit Büchern, die in der Masse an erscheinenden Büchern schnell untergehen.

      Danke für den Hinweis auf den Artikel im Zeitmagazin, ich schau mal, ob ich den noch irgendwo finde.

      Liebe Grüße,
      Maria

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