Sie hat Nein gesagt. Louise O’Neill: Asking for it

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um ein Buch mit expliziten Darstellungen sexueller Gewalt.

Well, those photos are sort of weird, aren’t they? Emma looked completely out of it. Was she asleep?«

»I don’t know«, the second girl says. 

[…]

»Yeah.« Caroline still sounds unsure. »But if she had passed out?«

The first girl is losing patience. »Come on. No one forced the drink down her throat, or made her take shit. And what guy was going to say no if it was handed to him on a plate?« She laughs. »She was fucking asking for it.

Emma O’Donovan ist eine dieser Protagonistinnen, die alle Regeln des Schreibens brechen. Sie ist höchst unsympathisch und ganz sicher keine Figur, mit der man sich identifizieren möchte. Das oberste Gebot, vor allem im Jugendbuch, lautet eigentlich: die Hauptfigur sollte die Leser*innen abholen, ihnen schon auf den ersten Seiten eine emotionale Verbindung ermöglichen, damit sie die Geschichte weiterlesen wollen. Von Emma möchte man eigentlich nur schnellstmöglich Abstand gewinnen, weil sie die Worte „toxische Freundin“ geradezu ausdünstet. Sie ist mit außerordentlicher Schönheit gesegnet, und leider weiß sie das auch. Im Grunde dreht sich ihre Welt nur um eines: sie selbst. Und so ist sie auch die meiste Zeit damit beschäftigt, die Bewunderung anderer zu sammeln. Emma kann andere sehr geschickt manipulieren und bekommt am Ende immer, was sie will – Aufmerksamkeit. Ein Kompliment und bewundernde Blicke von anderen Mädchen, einen lüsternen Blick des Freundes einer ihrer Freundinnen, sogar die Mütter ihrer Freundinnen lassen sich gern dazu hinreißen, Emma äußerliche Vorzüge gegenüber denen ihrer eigenen Töchter zu betonen. Die Anerkennung anderer ist Emmas Lebenselixier, für das sie sich auch nicht scheut, ihren Freundinnen Maggie, Jamie und Ali regelmäßig vor den Kopf zu stoßen. Sie ist davon überzeugt, dass sie der rechtmäßige Mittelpunkt der Welt ist, was sicher, zumindest ein Stück weit, ein typisches Verhalten für Menschen in ihrem Alter ist. Dennoch ist Emma dieses Mädchen, das man anbetet und gleichzeitig hasst, weil ihr jede*r zu Füßen liegt und gern in Kauf nimmt, von ihr mit selbigen getreten zu werden, wenn man dafür von ihr wahrgenommen und für eine Millisekunde in ihren Dunstkreis aufgenommen wird, der soziales Ansehen verspricht. 

Natürlich ist auch schnell klar, dass hinter Emmas Fassade eigentlich ein hochgradig unsicheres Mädchen steckt, deren Selbstwert sich aus Anerkennung speist. Diese Geschichte ist nicht neu: von der Mutter seit der Kindheit immer nur für ihre Schönheit gelobt und von anderen genau dafür angehimmelt, fürchtet sich Emma jetzt, als 18-Jährige, davor, nicht genug Charakter aufzuweisen, farblos und langweilig zu sein. Deshalb dreht sie im Beisein ihrer Freund*innen und Schulkamerad*innen immer mehr auf, spielt sich in den Vordergrund, wo sie nur kann und setzt dabei auf die Mittel, die immer funktionieren. Knappe Outfits und ein offensives Flirtverhalten. Dass sie dabei immer öfter auch die Toleranzgrenze ihrer Freundinnen überschreitet, scheint Emma nicht zu bemerken. Oder vielleicht stört es sie auch nicht, versetzt ihr im Gegenteil eher noch einen zusätzlichen Thrill, wenn Maggies Freund Eli ihr auf die Brüste glotzt, während Maggie danebensteht. Oder wenn Alis Schwarm Sean ihr gesteht, dass er in sie, in Emma, verliebt ist. 

Auf einer Party gerät schließlich alles außer Kontrolle. Emma, die es an diesem Abend auf den Footballspieler Jack abgesehen hatte, rast vor Eifersucht, als dieser seine Zunge in die kleine rothaarige Mia steckt – ausgerechnet Mia, die doch so gar nicht mit Emmas gutem Aussehen mithalten kann! Emma betrinkt sich und nimmt sich dann Paul vor, Jacks Kollegen aus dem Footballteam. Eigentlich wollte sie nur Jacks Aufmerksamkeit erregen, aber nachdem Paul ihr Drogen angeboten hat, geraten die Ereignisse aus den Fugen. Emma und Paul landen in einem freien Schlafzimmer, es geht heftig zur Sache. Emma realisiert jedoch, dass sie sich unwohl fühlt und teilt Paul mit, dass sie aufhören möchte. Doch er ignoriert sie. Er vergewaltigt sie. Emma bewertet diese Situation nicht als Vergewaltigung, immerhin ist etwas Ähnliches bereits Jamie passiert, und sie war es selbst, die ihr geraten hatte, nicht so einen Aufstand zu machen, weil sonst jeder Wind davon bekommt und Jamie ihr Ansehen verliert. Stattdessen macht sich Emma Sorgen darüber, ob Paul auch wirklich seinen Spaß mit ihr hat. Vom Rest der Nacht weiß sie dann nichts mehr, sie wird von ihren Eltern bewusstlos und übel zugerichtet auf der Veranda gefunden. 

In der Schule erlebt Emma nach dem Wochenende eine sehr unangenehme Überraschung, denn ihre Freundinnen reden nicht mehr mit ihr und niemand schaut ihr mehr bewundernd nach. Schnell wird ihr klar, dass sich der Wind gedreht hat. Nun lästern alle hinter ihrem Rücken, bezeichnen sie als Schlampe. Mit Entsetzen findet Emma eine Facebookseite, auf der Fotos von ihr zu sehen sind, wie sie – offensichtlich bewusstlos – auf einem Bett liegt, während eine Gruppe von Jungs sich an ihr vergeht und sehr gewaltvolle und erniedrigende Dinge mit ihrem Körper anstellt. Was dann folgt, ist schlimmer als jeder Alptraum. Emma wird gemobbt und fertig gemacht. Alle sind davon überzeugt, dass sie selbst schuld ist. Sie hat es doch so gewollt. Das Buch zeigt nicht nur den Vorfall an sich, sondern fokussiert sich auf die Zeit danach – es zeigt, wie ein junges Mädchen auseinanderfällt, wie langwierig der Gerichtsprozess ist, wie langsam die Mühlen der Justiz mahlen, während die Täter frei herumlaufen und von allen Seiten den Rücken gestärkt bekommen. Emma verlässt hingegen das Haus kaum noch, ihre Familie zerbricht an dem Druck und dem Leid, das sich in den vier Wänden staut. 

Louise O’Neill hat bei der Konstruktion ihrer Hauptfigur ein geschicktes Händchen bewiesen. Hätte sie die Geschichte des lieben, netten Mädchens von nebenan erzählt, dem dasselbe zustößt wie Emma, die Sympathien wären ganz klar auf ihrer Seite gewesen. Indem sie Emma aber eben als eine junge Frau zeichnet, die ihren Körper und ihr Aussehen einsetzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen, die gerne und viel mit Jungs anbandelt, knüpft sie genau dort an, wo das Problem liegt. Von Frauen, die sich verhalten wie Emma, sagt man, dass sie sich nicht darüber zu wundern brauchen, wenn sie vergewaltigt werden. Victim blaming nennt man das, oder Täter-Opfer-Umkehr.  Die Opfer sexueller Gewalt werden zu Verantwortlichen gemacht, der Fokus rückt von den eigentlichen Täter*innen ab. Dabei ist die einzig richtige Antwort auf die Frage, was eine Vergewaltigung ist, nur diese: wenn das Opfer deutlich gemacht hat, dass es nicht an der sexuellen Handlung teilnehmen möchte – wenn es keine Einwilligung gegeben hat. Das englische Wort „consent“ hat man in diesem Zusammenhang im Zuge der Debatten um Fälle, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregt haben, oft gehört. Der Irrsinn dahinter scheint mal wieder denjenigen, die das Maul am Weitesten aufreißen, nicht aufzufallen. Dabei ist doch eigentlich total klar, dass es völlig egal ist, ob jemand einen kurzen Rock getragen oder vorher noch aus freien Stücken herumgeknutscht hat. In den letzten Jahren gab es nicht nur eine Meldung darüber, dass Vergewaltigungsopfer (vom Gericht, von Journalist*innen, etc.) gefragt wurden, was sie anhatten, als es passiert ist. WHAT THE FUCK? Nackte Haut allein ist keine Einladung für Übergriffigkeit. Solange wir in der Vorstellung leben, dass es in der Verantwortung der Frauen liegt, Männer nicht mit ihren Reizen zu provozieren, weil sie es sich dann selbst zuzuschreiben haben, wenn sie vergewaltigt werden, unterliegen wir einem gravierenden Denkfehler. Ein Denkfehler, auf den sich das gesamte Patriarchat gründet. Ein Denkfehler, der uns dazu veranlasst, unsere Mädchen so zu erziehen, dass sie sich so und so verhalten, um nicht vergewaltigt zu werden, statt unsere Jungs dazu zu erziehen, nicht zu vergewaltigen. Leider bringt das auch mit sich, dass junge Mädchen wie Emma in der Vorstellung aufwachsen, dass sie sich für die Aufmerksamkeit von Jungs und Männern im wahrsten Sinne des Wortes aufopfern müssen – indem sie ihnen geben, was sie wollen. Denn Sex ist die einzige Währung, deren Besitz Frauen uneingeschränkt zugestanden wird. 

Asking for it entspricht allen formalen Kriterien eines Jugendbuchs, aufgrund der Heftigkeit und expliziten Darstellung sexueller Gewalt finde ich es aber gerechtfertigt, dass der deutsche Verlag das empfohlene Lesealter ab 16 Jahren angesetzt hat. Die Botschaft der Geschichte ist so deutlich wie wichtig: egal, wie unsympathisch und arrogant jemand ist, egal, wie kurz die Kleidung ist, die jemand trägt – niemals rechtfertigt irgendetwas, dass jemandem Gewalt angetan wird. Der Blick auf die Täter*innen hingegen muss schärfer sein. Wir müssen damit aufhören, Männer (laut Statistik sind 99% der Täterinnen bei Vergewaltigungen männlich!) zu heroisieren oder in Schutz zu nehmen. Vor allem Jugendliche stehen unter diesem Druck, sich über die Sexualität beweisen zu müssen. Das Äußere und die sexuellen Erfahrungen sind die Währungen, mit denen sich Respekt erkauft wird. Wer da nicht mitzieht, wird schnell zur Außenseiterin. Es passiert also häufig, was in Asking for it beschrieben wird: Mädchen lassen Dinge mit sich machen, die sie eigentlich nicht wollen, reden sich dann aber ein, dass das schon seine Richtigkeit hatte. Traumatische Erfahrungen werden verdrängt, die eigenen Grenzen gar nicht erst ausgelotet. Wenn es schon im Teenageralter beginnt, dass Frauen sich männlichen Bedürfnissen unterwerfen, wie soll es jemals eine wirkliche Gleichberechtigung geben?

Louise O’Neill: Asking for it erschien erstmals 2015 bei Quercus. Die deutsche Ausgabe erschien 2018 in der Übersetzung von Katharina Ganslandt unter dem Titel Du wolltest es doch bei Carlsen.

Jugendbuch Sachbuch

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