Kein Piepmatz. Donna Tartt. The Goldfinch

“You can look at a picture for a week and never think of it again. You can also look at a picture for a second and think of it all your life.”

Eines der Dinge, die ich dieses Jahr am meisten vermisse, ist die erlebte Kultur. Vor der Pandemie bin ich oft auf Konzerte gegangen, auf Lesungen, ins Theater. Und seit ein paar Jahren auch immer öfter ins Museum. Das Interesse an bildender Kunst, vor allem an Malerei, ist ganz unerwartet in mein Leben getreten und ich kann gar nicht sagen, wodurch es ausgelöst wurde. Anfangs war ein Besuch im Museum wahrscheinlich ein Zeitvertreib, der mich auf irgendeine Art unter Menschen gebracht hat, ohne dass ich mit ihnen direkt in Kommunikation treten musste, der mich geerdet und in einen Zustand der Ruhe versetzt hat, weil sich die gedämpfte Langsamkeit, die Museen ausstrahlen, immer zuverlässig auf mich überträgt. Stunden kann ich damit verbringen, die Informationstafeln zu jedem Kunstwerk zu lesen und die Bilder in ihren Rahmen anzuschauen. Mich fasziniert an Gemälden am meisten das, was sie erst auf den zweiten, dritten, fünfhundertsten Blick offenbaren: ihre eigene Geschichte. Die Art des Farbauftrags. Farben, die manchmal spiegelglatt aufgetragen wurden, manchmal ganze Gebirgsketten auf der Leinwand bilden. Erkennbare Pinselstriche. Maltechniken, durch die aus der Nähe nichts als Kleckse auf der Leinwand zu tanzen scheinen, und die aus einer Distanz heraus betrachtet Formen und Figuren offenbaren. Augen, die mich anschauen und durch den Raum verfolgen. Kleine Hinweise der Künstler*innen auf die Endlichkeit der Dinge, hier ein welkes Blatt am reifen Apfel, dort ein dunkler Vogel, der in der Ferne Kreise zieht. Ab und zu entdecken Forscher*innen unter der ersten Farbschicht weitere Bilder, die wieder übermalt wurden. Dann geht es an die Ursachenforschung: wieso hat man das getan? Früher fand ich Malerei, vor allem alte Malerei, langweilig, nichtssagend. Erst nach und nach habe ich verstanden, wie viel diese alten Bilder demjenigen erzählen, der ihnen zuhören möchte. 

In Donna Tartts Roman The Goldfinch geht es um die lange Reise eines berühmten Kunstwerkes, das nach einer Bombenexplosion aus einem New Yorker Museum verschwand und erst über ein Jahrzehnt später wieder auftauchte. Waren hier Kunstschmuggler am Werk? Ist es bei der Explosion zerfetzt worden, sodass es unmöglich war, noch Teile davon zu finden?

Wir Leser*innen wissen es natürlich besser. Der Junge Theo, der an diesem Tag zusammen mit seiner Mutter im Museum gewesen ist, nahm das Bild an sich, als er nach der Explosion wieder zu sich kam und in den Trümmern vergeblich nach seiner Mutter suchte. Auf beinahe schicksalhafte Weise ist das Gemälde der Ausgangspunkt für alles, was danach passiert. Es führt Theo zu Hobie, einen Antiquitätenhändler und Restaurateur, der erst sein Mentor und später sein Geschäftspartner wird. In der Explosion starb nicht nur Theos Mutter, sondern auch Hobies alter Geschäftspartner Welty, den Theo kurz vor der Katastrophe mit seiner Enkelin Pippa im Museum gesehen hatte – vor dem Gemälde des Distelfinken, der Stelle, an der Theo seine Mutter zum letzten Mal sah, und an der die Welt, wie er sie kannte, für immer unterging. 

The Goldfinch ist ein komplexes Buch, eine Geschichte, die sich über viele, viele Seiten langsam entfaltet, die diesen Raum auch braucht, damit sie mit ganzer Wucht wirken kann, und das man nicht einem einzigen Genre zuschreiben kann. Es ist Theos Coming-of-Age Geschichte, erzählt von der Odyssee eines verlorenen Jungen, die in New York beginnt und ihn nach dem Tod seiner Mutter in die Einöde der Wüste von Las Vegas führt, wo er bei seinem Alkoholikervater und dessen Freundin Xandra lebt und sich selbst überlassen ist. In all seiner Trauer, seinem Schmerz über die vielen Verluste, die er erleiden musste, ist er hier allein – seine Mutter, seine unschuldige Kindheit, Hobie, Pippa, die Barbours, die Familie seines Schulfreundes Andy, die ihn bei sich aufnahm und kurze Zeit seine neue Familie zu werden schien. Als dann Boris in sein Leben tritt, lässt Theo seine Kindheit ein für alle Mal hinter sich. Boris beendet Theos Einsamkeit, wird sein bester Freund. Doch er führt er ihn auch auf abwegige Pfade. Drogen und Alkohol spielen von nun an eine große Rolle in Theos noch minderjährigem Leben – und sie sollen ihn auch nach seiner Rückkehr nach New York weiterhin begleiten. 

In New York steigt Theo in Hobies Antiquitätenhandel ein und verstrickt sich zunehmend in krude Geschäfte, die er vor Hobie zu verbergen versucht. Außerdem hat er wieder Kontakt zur Familie Barbour, die ihn wie einen verlorenen Sohn bei sich aufnimmt – und schließlich verlobt sich Theo mit Kitsey, der einzigen Tochter der Barbours. Dabei schlägt sein Herz insgeheim noch immer für Pippa, die inzwischen in London lebt und Hobie und Theo regelmäßig besucht. Dieser Teil des Buches hat mir am besten gefallen. Theos Hin- und Hergerissen-sein, das Doppelleben, das er führt. Am Tag Geschäftsmann und Verlobter, in der Nacht Beruhigungsmittel-Junkie, der noch immer gegen die Monster seiner Traumatisierung kämpft. 

Natürlich ist da auch noch das Bild, das Theo all die Jahre versteckt hält. Wieso er es nicht zurückgegeben hat? Diese Frage kann er sich selbst nicht beantworten. Da ist die Angst vor einer Strafe, auf Kunstdiebstahl stehen in Amerika etliche Jahre Gefängnis. Da ist die Scham. Und da ist auch die Erinnerung an seine Mutter, die sich für Theo untrennbar mit dem kleinen Gemälde verbunden hat. Der Distelfink ist der einzige greifbare Gegenstand, der mit seiner Mutter zu tun hatte, der ihm geblieben ist, nachdem sein Vater die Wohnung hatte ausräumen und allen Besitz seiner Mutter entsorgen lassen. Um den kulturellen und materiellen Wert des Gemäldes ging es Theo nie. 

Im letzten Teil des Buches entfaltet sich plötzlich ein Action-Plot um das Bild, den ich zugegebenermaßen am wenigsten an der Geschichte mochte. Aber das liegt einzig daran, dass ich keine actionreichen Handlungen mag. Die Story führt uns tief hinein in Drogenhandel, Kunstschmuggel und zwielichtige Milieus – und Theo steht einmal mehr am Rande des Abgrunds. 

Das Gemälde, den Distelfink, gibt es übrigens wirklich. Es stammt von Carel Fabritius und wurde 1654 gemalt. Es ist auf den ersten Blick, vor allem am Bildschirm betrachtet, ein nettes, aber unspektakuläres Bild. Ein kleiner Vogel, der sein Dasein angekettet auf einem kleinen Verschlag fristet. Beige- und Brauntöne. Tartts Roman erzählt vor allem davon, wie Kunst sich für jede*n mit einer individuellen Bedeutung aufladen kann. Wie aus einer bestimmten Situation heraus ein Lied für immer mit einer Emotion verknüpft ist. Ein Buch mit einer Stimmung. Oder eben ein Gemälde mit einer Person. Ohne Kunst-Dinge sind unsere Leben und unsere Herzen leer. Deshalb ermutige ich euch dazu, gerade jetzt, in dieser Pandemiezeit, so viel zu lesen, Musik zu hören und Filme zu schauen, wie ihr nur könnt. The Goldfinch wurde auch verfilmt und lohnt sich sehr. Ganz zu meiner Freude wurde dort nämlich der Fokus nicht auf die Action-Handlung gelegt, sondern auf die feinen psychiologischen Aspekte, auf die Beziehungen der Figuren, auf Theos Reise durch die Zeit. 

Donna Tartt. The Goldfinch erschien erstmals 2013 bei Little, Brown and Company. Die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Rainer Schmidt und Kristian Lutze erschien unter dem Titel Der Distelfink erstmals 2014 im Goldmann Verlag.

Romane

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