Wir brauchen mehr Wut. Pauline Harmange. I Hate Men

Having the same level of confidence in ourselves as a mediocre man has in himself would also mean being kinder to ourselves. Given the way so many men manage to bulldoze their way through the world without remotely approaching perfection in any domain, perhaps it’s time to give ourselves a break as well. Where are the men so riddled with guilt they can’t sleep because they left their child with their partner to go on a business trip? […] I’m not saying we should stoop to the lousy level of interpersonal relationships typical of most men. Just that it’s time to stop guilt-tripping ourselves for failing to be a cross between Wonder Woman and a saint: time to allow ourselves to be flawed human beings. Standards are very low for men, and far too high for women. 

Nachdem Pauline Harmanges Essay I Hate Men in Frankreich Aufsehen erregte, wurde er beinahe verboten. Ein Mitarbeiter des französischen Ministeriums für Gleichstellung nahm Anstoß daran und fühlte sich anscheinend von diesem schmalen Büchlein und seiner Verfasserin dermaßen bedroht, dass ihm als Ausweg nur die Zensur blieb. Zum Glück hat sich sein Gesuch nicht durchgesetzt. Denn I Hate Men ist ein Symbol der Wut, die viele Frauen gegenüber Männern und ihren Privilegien empfinden. Und weibliche Wut hat immer noch nicht so recht einen Platz in der Öffentlichkeit gefunden.

Über diese Wut schreibt Harmange unter anderem. Es ist eine Wut, die sie erst erlernen musste. Wie viele Mädchen wuchs auch sie in dem Glauben auf, dass starke Emotionen, vor allem negative, etwas Schlechtes sind – zumindest für Mädchen und Frauen. Während es gemeinhin als sehr männlich gilt, seiner Wut Ausdruck zu verleihen (im brüderlichen Nahkampf auf dem Schulhof, in Filmen, wenn Politiker auf Twitter verbal rumwüten), sollen Mädchen und Frauen doch bitte mal nicht immer gleich hysterisch werden, wenn ihnen etwas nicht passt. Harmange zeigt ganz richtig auf, dass sich das sowohl auf öffentliche als auch auf private Räume bezieht. Oft werden Frauen, die lautstark ihre Meinung sagen und emotional für etwas einstehen, damit mundtot gemacht, dass man(n) den Fokus vom eigentlichen Problem, über das die Frau sich aufregt, auf sie selbst lenkt. „Ich rede nicht mit dir, solange du schreist“, ist ein Satz, dem die Macht innewohnt, uns zum Schweigen zu bringen. Er impliziert, dass wir nicht vernünftig denken, wenn wir unsere Stimme erheben, dass man uns maßregeln muss wie Kinder, dass man uns nicht ernstnehmen kann. 

Harmange schreibt, dass sie erst über den Feminismus zur Wut gefunden hat. Es ist eine Wut über die unzähligen Geschlechterungerechtigkeiten, über Gewalt gegen Frauen, deren Unterdrückung, über die vielen, vielen Privilegien, die Männer genießen – und vor allem über diese Männer selbst, die ihre Privilegien nicht reflektieren, die sie nicht dazu nutzen, den Frauen dabei zu helfen, aus der Unterprivilegierung herauszukommen. Natürlich erregt ein Buch, das offen deklamiert, alle Männer zu hassen, Aufsehen und Unmut. Es ist halt nicht so schön, öffentlich runtergemacht zu werden. Ein bisschen platt auch, so pauschal über Männer zu urteilen. Es sind ja nicht alle gleich. Aber im Grunde macht Harmange ja nur das, was seit Jahrtausenden mit Frauen gemacht wird, ohne dass es sofort einen solchen Aufschrei gegeben hat, ohne dass sofort diverse Schriften vernichtet werden sollten. (Mir fällt spontan nur eins ein, das kürzlich aus dem Verlagsprogramm genommen wurde, nachdem ein öffentlicher Shitstorm losbrach, weil dieser namhafte Verlag eine Anleitung zum psychischen Missbrauch an Frauen im Programm hatte. Jahrelang!)

Es empfiehlt sich, erstmal die Luft anzuhalten und den Essay zu lesen, bevor man(n) einen Tobsuchtanfall kriegt. Denn natürlich erklärt Harmange ihren Männerhass. Und stellt gleich zu Beginn klar: Frauenhass, die Misogynie, ist nicht mit Männerhass gleichzusetzen. Es ist absolut nicht gerechtfertigt, als Mann nun wimmernd in der Ecke zu sitzen, weil diese böse Frau nicht mehr mit ihm spielen will. Zunächst einmal resultiert der Männerhass ja erst aus dem jahrtausendealten Frauenhass – weil Männer ihre privilegierte Position dafür nutzen, die andere Hälfte der Menschheit zu unterdrücken. Es sind statistisch gesehen fast nur Männer, die vergewaltigen. Es sind Männer, die Frauen den Zugang zu Führungspositionen verwehren, die Gesetze durchdrücken wollen, die es Frauen verbietet, selbstbestimmt über Fragen, die ihren Körper angehen, zu entscheiden. Es sind Männer, die uns ständig die Welt erklären wollen, und die uns erst gar nicht zuhören. Ob wir nun schreien oder nicht. 

Harmange, selbst in einer heterosexuellen Beziehung, hasst natürlich nicht alle Männer. Beziehungsweise nicht jedes Indiviuum. Sie hasst das System, in dem diese Männer aufgewachsen sind. Und wenn wir mal ehrlich sind, finden wir wahrscheinlich in unseren eigenen Beziehungen, seien die Männer noch so nett und verständnisvoll und übernehmen sie freiwillig (!) noch so viele Aufgaben im Haushalt, genug Beispiele dafür, dass die Sozialisation im Patriarchat eben doch Spuren hinterlassen hat. Genauso, wie wir an uns selbst diese Spuren finden. Harmange schreibt vom „Impostor“-Syndrom, dem Hochstapler*innensyndrom, das vor allem Frauen kennen. Permanent denken wir, dass wir nicht genug für etwas sind, dass wir nicht genug können oder wissen, dass wir sicher entlarvt werden als absolute Null. Männer hingegen tendieren dazu, sich und ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Und warum? Weil sie so erzogen wurden. Ihnen wurde Selbstbewusstsein eingeimpft. Mädchen erzählt man hingegen, dass sie bescheiden sein und sich nicht in den Vordergrund spielen sollen. Es sind so viele kleine Dinge, die uns prägen. Der Mental Load, der auf unseren Schultern lastet. Die Ansprüche an Frauen, die die Gesellschaft stellt: Kinder bekommen, Kinder erziehen, sich um alles kümmern, dabei geil aussehen und alle Rollen, die man sich für uns ausgedacht hat, abfeiern. 

Harmange prangert die Männer dafür an, Frauen nicht ausreichend dabei zu unterstützen, sich von diesen Glaubenssätzen freizumachen. Sogar Männer, die sich als feministisch bezeichnen, nutzen das oft nur, um ihrer eigenen Stimme Gehör zu schaffen. Aber genau darum geht es eben: Lasst doch mal die Frauen reden. Lasst sie wütend sein! Wir brauchen diese Wut genauso wie ihr. Sie ist ein Katalysator. Versucht nicht immer, alles für uns zu lösen, lasst uns selbst die Lösung sein. 

Harmange ruft weiterhin Frauen dazu auf, untereinander solidarisch zu sein, sich zu verschwestern. Gegenseitiger Support. Ich glaube, das ist der schwierigste Punkt von allen. Wir sind so auf Konkurrenzdenken getrimmt, dass es wahrlich nicht leicht ist, anderen Frauen Erfolge zu gönnen. Aber vermutlich beginnt die richtige Revolution genau da: in den eigenen Reihen. 

Pauline Harmange: I Hate Men erschien 2020 in der Übersetzung von Nicola Denis im Rowohlt Verlag. Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel Moi les hommes, je les déteste bei Monstrograph. Die hier gezeigte Ausgabe erschien 2020 bei 4th Estate. 

Essay

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Lieben Dank für den Buchtipp und diesen wunderbaren Artikel. Ich habe letztes Jahr etwas über Wut bei Bockundkohle.de geschrieben, weil mich genau das total aufgeregt hat. Männer sprechen ein Machtwort, Frauen sind bloß „wieder zu emotional“. Darin liegt eine unglaubliche Ungerechtigkeit, die sich gerade im Arbeitsleben total oft zeigt. Das Buch kommt auf jeden Fall auf meine Liste, viele Grüße, Nina

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  2. Guten Tag.

    Das Frauen mich
    als Mann hassen

    das kann ich gut verstehen
    ich gebe durch meinen Körper
    ohne ein Wort zu sagen, bekannt

    dass ich das schändliche Abbild
    des Vergewaltigers
    des Mörders
    des Unterdrücker
    von Frauen und Kindern
    vor mir her trage

    die unteilbare Würde
    gilt allen Menschen
    den guten und den bösen
    uns allen

    Herzliche Grüße
    Hans Gamma

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