Altern ohne Schrecken. Marina Benjamin. Zwischenzeiten.

Ich wähle meinen Körper als Ausgangspunkt meines Erzählens, für die Einführung jüngerer Frauen in das Geschäft des Älterwerdens, weil ich das Gefühl habe, genau dort ansetzen zu müssen, wenn ich mich gegen die vorherrschende Kultur auflehnen will, welche die Lebensmitte umgibt. Eine Kultur, die uns dazu verleitet, die mittleren Jahre zu verstecken, zu verleugnen, von uns abzuspalten oder, wenn das alles nicht funktioniert, die Beine in die Hand zu nehmen und davonzulaufen, bis die Zeit uns schließlich trotzdem einholt und zur widerwilligen Kapitulation zwingt.

Ich habe auf dem Blog schon über einige Themen geschrieben, die im Allgemeinen als Tabuthemen gelten und über die öffentlich kaum oder nur abwertend gesprochen wird. Psychische Erkrankungen, Kinderlosigkeit, Altern und Sterben sind nur ein paar Schlagworte. Vor einiger Zeit landete die Rezensionsanfrage zu Marina Benjamins Buch Zwischenzeiten in meinem Postfach, in dem sie über die Wechseljahre schreibt. Oft werden sie auch »Menopause« genannt. Durch Marina Benjamin habe ich noch einen weiteren Begriff dafür gelernt: das Klimakterium. Benjamin gibt eine gute Definition:

Rein physiologisch ist das Klimakterium ein radikaler Wechsel in der körperlichen Morphologie und Zellfunktion, wie er seit der Pubertät nicht mehr erlebt wurde. Dieser Wechsel gleicht einer inneren Kettenreaktion, die ausgelöst wird, wenn die Eierstöcke, endgültig von ihrem Bestand an Follikeln befreit, die Produktion einstellen […]. Von da an geht es bergab.

Ohje! Das klingt ja nicht sehr spaßig, dachte ich. Zusammen mit dem spärlichen Bild, das ich von den Wechseljahren bis dato hatte, ergab sich nicht gerade die Aussicht auf eine sehr erheiternde Lektüre. Dennoch habe ich keine Sekunde damit gezögert, die Anfrage anzunehmen. Denn ich verspürte eine grundsätzliche Neugier, was diese Lebensphase angeht, die mich früher oder später nun einmal ereilen wird. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto gravierender fiel mir auf, dass ich noch nie jemanden darüber habe reden hören, nicht einmal die Frauen in meinem engsten Familienkreis, die die Menopause bereits durchlebt haben. 

Meine Vorstellungen von der Menopause beschränkten sich darauf, dass man mehrere Jahre lang unkontrollierbare Hitzewallungen hat und dann irgendwann einfach seine Tage nicht mehr bekommt. Von den Hitzewallungen abgesehen fand ich die Idee eigentlich gar nicht so schlecht, weil ich, wie viele andere Menstruierende, jeden Monat Beschwerden habe, die mich ziemlich stark einschränken. Als ich Jugendliche war und mittendrin in der Pubertät, war das kein Thema, über das freimütig geredet wurde, es gab nicht viele Behandlungsmöglichkeiten für meine Beschwerden, und es wurde erwartet, dass man als Mädchen und als Frau trotzdem funktioniert. Im Sportunterricht, im Unterricht, auf der Arbeit. Erst im Laufe der letzten Jahre beobachte ich einen sehr viel offeneren Umgang mit dem Thema Periode und ihren Begleiterscheinungen – auch den psychischen. Es gibt unzählige Seiten im Internet und Profile auf Social Media, die wahnsinnig gute Aufklärungsarbeit leisten und dem Thema das Anrüchige und Ekelerregende nehmen, mit dem es immer behaftet war. Schauen wir uns aber mal an, wie die Periode ansonsten öffentlich dargestellt wird, fällt auf, dass der Blick darauf einer von Außen ist, von Unbeteiligten, die nicht daran interessiert sind, wirklich zu helfen, sondern Versprechen zu machen, die nicht eingehalten werden können. In Werbespots für Tampons sehen wir Frauen, die ihre Tage haben, und TROTZDEM fröhlich lachend auf Pferden reiten und Tennis spielen. Die Periodenflüssigkeit wird durch blaue Farbe symbolisiert, die ohne jedes Danebenlaufen, ohne Klumpen und Stückchen in der Binde verschwindet. Mit solchen Bildern sozialisiert erlebt so manches Mädchen beim Einsetzen der ersten Periode den Schock seines Lebens und fühlt jeder männliche Arbeitgeber nur grenzenloses Unverständnis, wenn die Mitarbeiter*innen sich einmal im Monat krankmelden, weil sie keine zwei Schritte gehen können, ohne sich vor Schmerzen übergeben zu müssen. Das Bezeichnende ist eben, dass das Augenmerk bei der öffentlichen Erwähnung der Periode hauptsächlich darauf gelegt wird, wie man sie am besten verstecken und trotzdem funktionieren kann. Es ist der männliche Blick auf diese urweiblichen Themen, die den Umgang damit so verdammt schwer machen. 

Wenig überrascht hat mich deshalb, was Benjamin über den Umgang mit den Wechseljahren schreibt. Hängengeblieben ist bei mir vor allem der Abschnitt über die Hormontherapie. Auch dahinter steht eine grundlegend frauenfeindliche Industrie, die die alternden Frauen möglichst präsentabel und ansehnlich halten und die unangenehmen Seiten des Ganzen verbergen wollte. Doch um welchen Preis? Was nämlich anfangs komplett verschwiegen und auch jetzt noch verschleiert wird, ist, dass diese Therapie krebserregend sein kann und auch sonst heftige Nebenwirkungen hat. Den Erfinder der Hormontherapie, Robert A. Wilson, hat jedoch die Krebserkrankung seiner eigenen Frau nach der Behandlung nicht davon abgehalten, sie öffentlich als DAS Mittel gegen das Altern schlechthin zu verkaufen. 

Aber von vorne: Marina Benjamin schreibt in Zwischenzeiten von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Klimakterium. Sie bewegt sich dabei aber nicht auf einer rein emotionalen Ebene, schreibt nicht nur von ihren individuellen Erfahrungen, sondern unterfüttert ihre Beobachtungen stets mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, mit den Berichten anderer Frauen und zieht immer wieder auch Beispiele aus Kunst, Kultur und Philosophie heran, um so ein sehr umfassendes Bild der Wechseljahre zu zeichnen. Die Kapitel heißen beispielsweise HautMuskelnHerz und Zähne, Benjamin schreibt aber wider meiner Erwartungen gar nicht so ausführlich über die körperlichen Aspekte des Alterns. Ohnehin war ihre Erfahrung mit dem Klimakterium eine Ausnahmesituation, weil ihre Gebärmutter entfernt werden musste und sie aufgrund der schieren Welle aus Symptomen eine Zeit lang Östrogene nehmen musste, um ihren Hormonhaushalt langsam zu stabilisieren. Das Klimakterium traf sie also mit voller Wucht, während bei vielen ihrer Freundinnen und Bekannten der Prozess ein schleichender war. 

Was mir sehr gut gefallen und mich sehr berührt hat, ist die Offenheit, mit der sie von dieser Zeit des Umbruchs in ihrem Leben erzählt und uns an dem Prozess, in ein inneres Gleichgewicht zu finden, teilhaben lässt: von der Erkenntnis und der einsickernden Tatsache, dass ihr eigenes Leben nun in seine zweite Hälfte gegangen ist, dass sich das Leben ihrer Eltern jetzt allmählich dem Ende zuneigt und sie danach zur Generation gehören wird, die als nächstes stirbt. Dass sie ihre Jugend unwiderruflich hinter sich gelassen hat – und der damit verbundene Schmerz, plötzlich nicht mehr sichtbar zu sein, in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr vorzukommen, für Männer nicht mehr attraktiv, für andere Frauen kein Vorbild mehr zu sein. Abgelöst worden zu sein von Jüngeren, einen neuen Platz für sich finden zu müssen, sich neu zu definieren, nachdem Kapitel wie Arbeit und Selbstverwirklichung für sie abgeschlossen sind. Benjamin spricht auch von einem Neid auf ihre Tochter, die gerade erst in die Pubertät kommt, die sich also auch in einer Umbruchsphase befindet, allerdings in einer, die den Start von etwas markiert, nicht das Ende. Ich finde den Ansatz, diese beiden markanten Phasen in den Leben von Menschen mit Gebärmüttern und weiblichen Zyklen auch unter psychologischen Gesichtspunkten anzuschauen, wahnsinnig gut und wichtig. Und ich kann mir gut vorstellen, dass viele Frauen bislang still und im Verborgenen gelitten haben, weil es für sie keinen Raum gab, um über die belastenden Veränderungen zu sprechen. Ich würde mir wünschen, dass es, wenn ich in die Wechseljahre komme, normal geworden ist, es zu thematisieren. Dass es dann normal ist, über meine Verzweiflung und Traurigkeit zu sprechen, die damit einhergeht. Dass die körperlichen Veränderungen keine Abwehrreaktionen mehr hervorrufen, sondern einfach sein dürfen. Dass ich meine Falten und meine hängenden Brüste und meine grauen Haare nicht verstecken und wegcremen oder färben muss, weil der Schönheitsdruck uns von der Wiege bis zur Bahre begleitet.

Ich finde Altern und Sterben an sich überhaupt nicht erschreckend oder angsteinflößend. Angst macht mir immer nur die Ungewissheit. Nach der Lektüre von Zwischenzeiten stellte ich fest, dass das Thema Wechseljahre seinen Schrecken für mich fast komplett verloren hat. Zu wissen, worauf ich mich einstellen sollte, hilft mir ungemein dabei, meinen Frieden mit dem Altern zu schließen, meinen Körper dabei zu unterstützen statt gegen ihn zu kämpfen. Daher rate ich auch Frauen in meinem Alter, eigentlich Frauen und Männern jeden Alters dazu, das Buch einmal zur Hand zu nehmen. 

Marina Benjamin: Zwischenzeiten. Vom Verstehen der Wechseljahre erschien in der Übersetzung von Sabine Längsfeld 2020 beim Arche Literaturverlag. Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel The Middlepause. On Turning 50 bei Scribe Publications, London. 

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