Nicht nur Luxusprobleme. Anne Glenconner. Lady in Waiting

Bevor ich nach England zog, habe ich mich nie sonderlich für Monarchien oder gar die britischen Adelsfamilien interessiert. Während der eineinhalb Jahre, die ich nun hier lebe, hatte ich nie Berührungspunkte mit der Queen & Co. – während der Süden Englands eher als posh bekannt ist, herrscht hier „oben“ doch die Bodenständigkeit vor, mit Prunk und Adelsfamilien zumindest assoziiere ich Yorkshire nicht. Seitdem wir aber die Netflixserie The Crown schauen, bin ich obsessed mit der Royal Family und finde die Geschichte der britischen Monarchie wahnsinnig faszinierend. Dabei sind es weniger die prunkvollen und luxuriösen Aspekte des Ganzen, sondern vielmehr die zwischenmenschlichen Beziehungen hinter den Kulissen, die Intrigen, die komplizierten Regeln und Auflagen für Mitglieder der königlichen Familie sowie die politischen Themen und das System der konstitutionellen Monarchie an sich, die mich in ihren Bann gezogen haben. 

Anne Glenconners Autobiographie wartete schon seit einer Weile darauf, von mir gelesen zu werden. Wie so oft kam auch für dieses Buch schließlich der perfekte Zeitpunkt. Angefixt durch die Serie wollte ich noch mehr über die königliche Familie erfahren, vor allem über Princess Margaret, die Schwester von Queen Elizabeth, die in der Serie als sehr exzentrisch und individualistisch beschrieben wird und die dadurch Zeit ihres Lebens immer wieder aneckte und für Schlagzeilen sorgte. Anne Glenconner verband eine lebenslange Freundschaft mit den Prinzessinnen Elizabeth und Margaret, vor allem aber mit Margaret. Anne wurde in eine hochrangige englische Adelsfamilie geboren, die in enger Beziehung zur königlichen Familie steht. Dadurch verbrachte sie von Kindesbeinen an viel Zeit mit Elizabeth und Margaret und konnte einiges über die beiden erzählen.

Das Buch liefert zunächst genau das, was es verspricht: Einblicke in das Leben adeliger Menschen im England der 30er Jahre bis in die Anfänge der 2000er Jahre. Einige Geschichten und Episoden, die in The Crown angeschnitten werden, greift Glenconner (die von Helena Bonham Carter, die in der Serie Princess Margaret spielt, besucht und ausgiebig über deren Eigenheiten ausgefragt wurde) in ihrem Buch auf und lieferte mir so manchen Aha-Effekt. So gehörte beispielswiese die karibische Insel Mustique, auf die sich Serien-Margaret mit ihrem Geliebten Roddy Llewellyn zurückzieht, Annes Eheman Colin, der Princess Margaret ein Stück Land sowie ein Haus auf der Insel zur Hochzeit mit Antony Armstrong-Jones schenkte. Und es war Anne selbst, die die Party gab, auf der sich Princess Margaret und Roddy erst kennenlernten. 

Schnell fand ich aber ganz andere Aspekte des Buchs viel interessanter als die Geschichten aus dem Nähkästchen. Anne wuchs in Kreisen und in einer Zeit auf, in der das Leben strengen Protokollen zu folgen hatte. Sie war das erste Kind ihrer Eltern – und eine herbe Enttäuschung, weil sich jede Adelsfamilie – damals wie heute – als erstgeborenes Kind einen Sohn wünscht. Mit dieser unterschwelligen Schuld verbrachte sie ihre Kindheit, die davon geprägt wurde, sie zu einer würdigen und fähigen Ehefrau zu erziehen. Benimmregeln standen auf dem Stundenplan. Für ein Mädchen wie Anne war der Weg vorgezeichnet: mit 16 Jahren auf dem Debütantinnenball in die Gesellschaft eingeführt und dem Heiratsmarkt freigegeben zu werden war das Ziel, auf das hin sich die gesamte Kindheit ausrichtete. Doch Anne merkte früh, dass sie sich dem nicht gänzlich unterwerfen wollte und schaffte es, vor ihrer Heirat einige Zeit in Amerika zu verbringen, wo sie quasi zur Businessfrau wurde und getöpferte Waren verkaufte – eine absolute Seltenheit zu ihrer Zeit, durch die sie aber ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein erlangte. Wahrscheinlich waren es diese Dinge, die ihr später dabei halfen, die Ehe mit Colin durchzustehen. Dieser entpuppte sich als Choleriker mit unberechenbaren Wutausbrüchen. Zudem hatte er zahlreiche Affären – genau wie Princess Margarets Ehemann. Und wieder: es war nicht üblich, sich scheiden zu lassen, schon gar nicht in den adeligen Kreisen. Es gab quasi nichts, das eine Scheidung gerechtfertigt hätte, und Annes eigene Mutter gab ihr den Rat, sich mit den Dingen zu arrangieren. Das tat Anne auch und blieb bis zu seinem Tod mit Colin verheiratet. Vor allem in den späteren Jahren führten sie aber praktisch getrennte Leben. Die Probleme mit ihrem Ehemann jedenfalls waren eine der vielen Schnittstellen, die sie mit Princess Margaret verband. 

Anne Glenconner war nicht nur mit Princess Margaret befreundet, sondern stand auch über 25 Jahre lang als Lady in Waiting zu ihren Diensten. Eine Lady in Waiting – eine Hofdame –  begleitet die Prinzessin auf Termine im In- und Ausland und sorgt dafür, dass sie sich um nichts kümmern muss. In mehr als einer Situation musste Glenconner Princess Margaret aus unangenehmen Situationen herausmanövrieren oder sie gar vertreten, als sie schwer erkrankte und wichtige Staatstermine nicht mehr abgesagt werden konnten. Glenconner spricht stets voller Wärme und Zuneigung von Princess Margaret, die sich vom Temperament her sehr von ihrer Schwester unterschied und die Feierei und Späßchen nicht abgeneigt war. Hinter der royalen Fassade war sie ein ganz normaler Mensch, und ich kann mir vorstellen, dass es schwer war, den Freigeist mit den vielen Pflichten und der Verantwortung zu vereinbaren. 

Am meisten berührt hat mich jedoch der Teil des Buches, in dem Glenconner über die Mutterschaft und ihre eigenen Kinder schreibt. Sie hat fünf Kinder – drei Söhne und Zwillingsmädchen. Wie in adeligen Kreisen zur damaligen Zeit üblich wurden ihre Kinder hauptsächlich von Nannies betreut und verlebten einen Großteil ihrer Kindheit auf Internaten, sodass die Eltern selbst nur sehr wenig Zeit mit ihren Kindern verbrachten und sich ganz auf ihre Geschäfte und sozialen Beziehungen konzentrieren konnten. Als die Kinder fast erwachsen waren, wird die Familie von gleich drei tragischen Schicksalsschlägen getroffen: ein Sohn wird drogensüchtig, einer infiziert sich mit HIV, einer liegt nach einem schweren Unfall im Koma. Während dieser Zeit findet Glenconner ganz zu der Mutterrolle, die sie jahrelang nicht ausüben konnte, weil sie sich darauf zu konzentrieren hatte, die perfekte Ehefrau zu sein. Obwohl dieser Part der Geschichte wahnsinnig traurig ist, ist es gleichzeitig auch sehr schön, von der innigen Beziehung zu ihren Kindern zu lesen und zu verfolgen, wie sie die Position der Mutter innerhalb dieser Adelskreise zu überdenken beginnt. 

Sicherlich interessiert sich nicht jede*r brennend für die britische Monarchenfamilie und es gibt natürlich sehr viele Aspekte, die in der Serie The Crown nicht ausreichend beleuchtet und fiktionalisiert werden. Kritik an einem Herrschaftssystem wie diesem kann man sich auch ohne Mühe ausdenken. Ich finde jedoch die Geschichte der königlichen Familie insgesamt sehr beeindruckend und spannend und interessiere mich auch sehr für die Rolle von Frauen durch die Jahrzehnte hinweg. Um dieses Interesses zu nähren ist Lady in Waiting eine sehr aufschlussreiche Lektüre. 

Anne Glenconner: Lady in Waiting. My Extraordinary Life in the Shadow of the Crown erschien 2019 bei Hodder & Stoughton. 

Biografie

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