*Buchsteckbrief* Harper Lee: To Kill a Mockingbird. Graphic-Novel-Adaption von Fred Fordham

Tom was a dead man the minute Mayella Ewell openend her mouth and screamed.

Worum geht es?

Das Buch spielt in einer fiktiven Stadt im Alabama der 1930er Jahre. Es geht um die Kindheit der Geschwister Jean Louise, genannt Scout, und Jem und ihres Cousins Dill, der die Sommerferien bei ihnen verbringt. Zwischen wilden Spielen und Streichen und der Diskrepanz vor allem für Scout zwischen den Erwartungen, die die Gesellschaft an ein junges Mädchen stellt und dem, wie sie selbst sein und leben möchte, wirft der Prozess gegen den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson, dessen Pflichtverteidiger Scouts und Jems Vater Atticus ist, immer wieder dunkle Schatten auf das relativ sorglose Leben der Kinder. Robinson wurde der Vergewaltigung einer jungen weißen Frau bezichtigt. Mit fortschreitendem Prozess wird Atticus selbst immer mehr zur Zielscheibe der Bevölkerung und entgeht nur knapp deren brutalen Anfeindungen. Tom Robinson, obwohl von Atticus exzellent verteidigt und der Unschuld bewiesen, stirbt am Ende einen grausamen Tod und wird damit zum Symbol für die Macht der Weißen über die Schwarzen. 

Neben diesen Themen geht es aber auch um Armut, um die Rolle von Frauen und Mädchen, um Klassenunterschiede und politische Hintergründe jener Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist. 

Wer war die Autorin?

Harper Lee wurde 1926 in Alabama geboren und studierte später Jura. Ihr Roman To Kill a Mockingbird, der autobiografische Züge trägt und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, ist ihr einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk. Go set a Watchman/Gehe hin, stelle einen Wächter, das eine Art Vorgängerversion zu To Kill a Mockingbird darstellt und schon in den Fünfzigerjahren geschrieben wurde, wurde erst 2015 veröffentlicht.  

Wer ist der Illustrator? 

Fred Fordham wurde 1985 in London geboren und studierte Politik und Philosophie, arbeitete zeitgleich aber schon als Künstler. Er hat unter anderem auch Graphic-Novel-Adaptionen für The Great Gatsby von F Scott Fitzgerald und The Adventures of Blake von Philip Pullman gezeichnet. 

Warum ist der Roman so erfolgreich?

To Kill a Mockingbird ist ein Portrait der Ungerechtigkeit gegen schwarze Menschen. Obwohl Tom Robinsons Unschuld bewiesen werden kann, spricht ihn die Jury am Ende des Prozesses schuldig. Sie folgt damit ungeschriebenen Gesetzen der Gesellschaft jener Zeit, nach denen das Wort einer Weißen immer mehr wog als das eines Schwarzen und die es den Schwarzen unmöglich machten, Gerechtigkeit zu erfahren. Das Buch zeigt einerseits auf sehr leichte, humorvolle Weise das Leben dreier typischer amerikanischer Kleinstadtkinder in den Dreißigerjahren, stellt diesem aber das ungeschönte, harte Leben der schwarzen Gemeindemitglieder entgegen – und schlägt sich auf die Seite der Schwarzen. Eine solche Sichtweise war vor allem zum Zeitpunkt des ersten Erscheinens des Romans in den Sechzigerjahren neu und progressiv, weshalb das Buch sehr viel Aufmerksamkeit erhielt und sich zu einem Klassiker der amerikanischen Literatur entwickelte. 

Warum sorgte das Buch aber auch für Kontroverse?

Kritik erhielt und erhält der Roman einerseits für das negative Bild, das Lee von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet. Der größte Kritikpunkt ist aber wohl die Sprache. Lee hat ganz bewusst die Worte „Nigger“ und „Negro“ verwendet, was vor allem heute oft für Ablehnung des Romans sorgt. Es gibt heute glücklicherweise eine ganz rege und produktive Auseinandersetzung mit rassistischer Sprache und viele Aktivist*innen, die darüber aufklären, warum bestimmte Begriffe nicht verwendet werden sollten, weil sie einen kolonialistischen und damit menschenverachtenden Ursprung haben. Es ist wichtig, dass in Büchern und vor allem Kinderbüchern solche Begriffe geändert werden, wenn sie von einem Standpunkt aus benutzt wurden, der entweder von Unwissenheit oder Ignoranz zeugt und der Einsatz des rassistischen Begriffs inhaltlich nicht signifikant ist. Im Falle von To Kill a Mockingbird ist die Verwendung der rassistischen Sprache allerdings ein Teil der Geschichte, die erzählt werden soll. Es geht eben um diesen Rassismus, der sich in der Sprache und dem Handeln der Menschen ausdrückt. Es wäre ein Eingriff in die Geschichte selbst, würde man die Begriffe ändern, und führte letztendlich eher zu einem Abschwächen der Wirkung als zu einer Verbesserung. 

Warum sollte ich mir die Graphic Novel anschauen?

Fred Fordham ist es gelungen, die Atmosphäre des Romans eins zu eins in Bilder zu übersetzen. Die Farbgebung erinnert an drückend heiße Sommertage, man wird sofort in den Schauplatz hineingezogen. Seine Bilder sind lebendig und zeitlos, genau wie der Roman. Fordhamn hielt sich größtenteils an den Originaltext. Für mich, die ich den Roman bereits gelesen hatte, ermöglichte die Graphic Novel noch mal einen ganz neuen Zugang zu Lees Geschichte. Ich fand den Kontrast der Kindheit der drei Protagonisten zu der ernsten Thematik des Rassismus und des Gerichtsprozesses sehr gut getroffen, sowohl in der Gewichtung, die beide Teile im Buch erfahren, als auch in der grafischen Umsetzung. Und auch für jene, die Lees Roman noch nicht gelesen haben, eignet sich die Graphic Novel hervorragend, weil sie die Geschichte verdichtet und in ein schneller konsumierbares Medium übersetzt, aber nichts Wichtiges auslässt. 

»To Kill a Mockingbird. A Graphic Novel adapted and illustrated by Fred Fordham« erschien 2018 bei William Heinemann, London. Die deutsche Übersetzung von Claire Malignon erschien unter dem Titel »Wer die Nachtigall stört … « 2018 bei rotfuchs, einem Imprint von rowohlt. 

Graphic Novel

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: